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  • Politik
  • Jubel für Natschinskis Messeschlager Gisela in der Neuköllner Oper

»Vergiß nicht die Zeit«

»Pariser-Chic ä la

GDR« sollte einst ein Messeschlager werden. Erinnerung an vergangene Zeiten

Foto: Benjamin

Was für ein Geniestreich! Wie auch immer Peter Lund auf dieses Stück gestoßen sein mag, er hat einen guten Griff getan. »Messeschlager Gisela«, dieser Operettentitel weckt in vielen Bürgern der »Ehemaligen« Erinnerungen, die schmunzeln lassen. Da war der Versuch der jungen Republik, ein neues, den sozialistischen Menschen bildendes Musiktheater zu etablieren samt dem schlichten Anliegen, zu unterhalten. Da »das Lachen des Siegers der Geschichte« allein aber eher langweilig ist, stieß dieser Versuch auf das unlösbare Problem, selbstbewußt mit realen Widersprüchen umgehen zu müssen. Mit den alltäglichen Unzulänglichkeiten beispielsweise. Diese Operette von 1960 tut jedoch eben dies, und zwar in einer unbekümmerten und unverkrampften Weise, die erstaunt. Jo Schulz (Libretto) hat seine Beobachtungen kurz vorm Mauerbau pointiert zu Papier gebracht, und Gerd Natschinski sorgte für ansprechenden Revue- bzw. Musicalschwung. Trotz des Riesenerfolgs beim Publikum verschwand das Stück jedoch nach 74 Vorstellungen vom Spielplan des Metropol-Theaters und ab 1965 von den Spielplänen der anderen DDR-Theater. Aber Lieder wie »Rote Rosen«, »Die Welt gibt sich ein Rendezvous«, »Heute hier, morgen da« überlebten als vielgespielte Schlager.

Gisela, Absolventin, junge hoffnungsvolle Modegestalterin, erfährt schon an ihrem ersten Tag im VEB Berliner Schick, wer dort Ideen haben darf. Monatelang repariert sie als Näherin in Überstunden den Ausschuß, der entstand, weil der Zulieferer schlampte. Während sich Betriebsleiter Kuckuck in Paris inspirieren läßt, zeigt Gisela ihren Kollegen ihre heimlichen Entwürfe, »Mode für jede Frau«. Die Kollegen sind begeistert und wollen den Kleidern, die die berufstätige

selbstbewußte Frau gut tragen kann im Gegensatz zu den unpraktischen Paris-Modellen, zum Messeerfolg verhelfen. Natürlich ist auch Liebe im Spiel. Aber ein Happy-End gibt es nicht. Und Karriere macht die Gisela auch nicht.

Biographie und Habitus der Figuren stimmen in der Inszenierung der Neuköllner Oper überein. So wird die Werkstattleiterin Emma Puhlmann beinahe zur Bühne beherrschenden Hauptfigur. Mit Herz und Berliner Schnauze greift sie ein - im Nähsaal, in der Kantine, in der Bar des Leipziger Nobelhotels - und berührt mit ihren handfest geäußerten Erfahrungen und Sehnsüchten. Ihr Pendant, die ebenso direkte wie unbedarfte Sekretärin Grete Kulicke, die sich Jazz und Sissi-Filme im Westen reinzieht und ihre Zukunft ganz auf Figur setzt und dies

auch mal mit einem Tanz auf dem Schreibtisch unterstreicht, ist ebenso lebendig gezeichnet wie Gütekontrolleur Stubnick, der Wankelmütige, Brave, Funktionstüchtige. Jede Menge Zeit-Zitate werden weder nostalgisch noch diffamierend benutzt. »Ein schlimmer Feind in unserem Land, das ist der Bummelant!«, wird den Zuspätkommenden entgegengeschleudert. Es wird geträumt: »So'n richtich schönes Kleid muß doch och inne Planwirtschaft möglich sein.«

Statt eines Theaterorchesters spielt in Neukölln die Kirchberg-Combo, und sie macht nicht nur Musik, sie gibt den Ton an. Trotz der ironisierenden Grundhaltung kommt der Schmelz in der »todschicken Revueoperette« nicht zu kurz. Eine witzig-unterhaltsame Inszenierung. Statt eines Glamourgirl-Balletts agieren

gut trainierte Darsteller. Wie immer erreichen die Neuköllner, wissend um das Nichtperfekte ihres Tuns, ein Optimum an Wirkung. Die Soli sind selten stimmkräftig, aber das tut dem allgemeinen Vergnügen wenig Abbruch. Antje Rietz (Gisela), Silvia Bitschkowski (Emma) und Franziska Forster (Frl. Kulicke) wurden dem Genre mehr als gerecht. Peter Lund (Textfassung und Regie) hat dem guten alten Stück aus jungen DDR-Tagen eine Rückblenden-Rahmenhandlung verpaßt, die die Biografien der Figuren bis in unsere Tage weiterdenkt, und die an keiner Stelle peinlich ist. Allerdings tragen weder die Dramaturgie der Urfassung noch die Verzweigungen der Aktualisierungsergänzungen den langen zweiten Teil, auf den man vielleicht sogar ganz verzichten könnte. Trotzdem ist der Neuköllner Oper eine der stimmigsten und charmantesten Theateraufführungen zum deutschen Ost-West-Thema gelungen.

»Vergiß nie die Zeit...« beginnt der Abend mit zelebralem a-cappella-Gesang und endet mit dem Jubel des Publikums.

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