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Das Theater mit dem Erfurter Theater

Warum die Thüringer Landeshauptstadt bald kein Schauspiel mehr haben wird und die Stadtväter auf ein Wunder hoffen

Am 18.Mai hebt sich zum letzten Mal der Vorhang für die Schauspieler des Erfurter Stadttheaters. Dann geht eine Provinzposse zu Ende, die, so meinen viele, an Kleinkariertheit und Ignoranz kaum zu überbieten ist.
Auf den 200 Plätzen räkeln sich überraschend viele junge Leute. Ein dankbares Publikum erwartet die Darsteller in der Studiobühne der Erfurter neuen Oper. Immer wieder brandet Applaus auf, unterbricht Lachen die Szene. »Was, bald kein Schauspiel mehr?« Davon hat Erik noch nichts gehört. Der 18-Jährige, der sich zusammen mit seinen Klassenkameraden in der Komödie »Kunst« amüsiert, ist fassungslos: »Da kann man ja gar nicht mehr im Theater anschauen, was wir gerade in der Schule durchnehmen.«
In wenigen Wochen stillen nur noch Gastspiele den Theaterdurst der Erfurter. Die vier Schauspieler, die heute noch wacker wie die vier Musketiere das zerrupfte Theaterfähnchen in die Höhe halten, werden am 18.Mai in den Vorruhestand entlassen. Die Künstler nehmens mit Wehmut und mit Galgenhumor. Seit das Damokles-Schwert über ihnen schwebt, bekommen sie zu jeder Vorstellung mehr Beifall. Und immer öfter spielen Themen wie der Umgang mit HartzIV an ihrem Kantinentisch eine Rolle.

Was macht die Kunst?
Einer, den die Erwerbslosen-Realität schon lange eingeholt hat, ist der Schauspieler Reinhard Friedrich. 20 Jahre lang gehörte der 48-Jährige zum Ensemble. Und heute? »Man schleicht sich so durch«, mit kleinen Rollen, Lesungen, als Trauerredner, erzählt er, und dass auch bei größeren Inszenierungen schon mal die Gage auf sich warten lasse. Sein Motor sei schon lang nicht mehr die »große Kunst«. Dann holt ihn seine Vergangenheit ein, in dem kleinen Café am Domplatz: »Hey Reinhard, was macht die Kunst?« Immer noch ist ein Schauspieler in Erfurt bekannt wie ein bunter Hund.
Von den Sorgen der Künstler bekommt Olaf Manthey von der Stadtverwaltung nur wenig mit. Er kümmert sich um leer stehende Gebäude, von denen es hier mehr als genug gibt. Das Schauspielhaus ist nur eines davon. Fast zwei Jahre lang ist das gelbe Haus am Klostergang nun schon verwaist. »Noch einen Winter geht das nicht«, sagt Manthey. Und dass die Stadt mit einer Sicherheitsfirma verhandle, um Türen und Fensterfront mit Stahlplatten zu verbarrikadieren. Und dann? Manthey zuckt die Schultern: »Wahrscheinlich Abriss«.
Seit Jahren sucht die Stadt händeringend nach einem Investor. Und so nagt der Zahn der Zeit still und bedächtig an dem ehemaligen Vereinshaus. An der Fassade blättert die gelbe Farbe ab und im Foyer hebt sich das Parkett. Auf der Bühne jedoch wirkt alles, als würden gleich die Techniker beginnen, die Kulissen aufzubauen.
Nur wenige Straßen weiter ist der Anblick erfreulicher: Bei der 1997 geschlossenen Alten Oper konnte ein privater Theaterliebhaber der Abrisswut der Stadtväter einen Riegel vorschieben. Seit einem Jahr wird hier wieder Theater gespielt, und zwar ganz ohne öffentliche Fördermittel. Einfach ist das nicht für Intendant Manfred Staub, denn er konnte nicht mitkaufen, worüber jedes Stadttheater verfügt: einen festen Stamm von Mitarbeitern, einen wohlgefüllten Fundus an Klamotten und Kulissen und Werkstätten, die im Nu herstellen, was benötigt wird. Die Erfurter danken ihm sein Engagement und rennen ihm die Bude ein.
Manchmal allerdings geht auch in der Alten Oper was schief. Bei der zweiten Staffel des Musicals »Stars« war bis zum Nachmittag nicht klar, ob die Vorstellung überhaupt stattfinden würde. Hinter den Kulissen munkelte man, einige Darsteller und Techniker warteten bis dato vergeblich auf ihr Geld. Erst ein Sponsor rettete den Abend.
Ein Glück, dass die Vorstellung doch noch läuft, denn zu Gast ist die AG Kultur der PDS-Landtagsfraktion. Landtags-Vizepräsidentin Birgit Klaubert kommt gerade von einem Info-Gespräch mit dem Intendanten der Alten Oper. Sie weiß, wie sehr das Theater um das Theater den anderen Bühnen im Freistaat geschadet hat. Die hoch subventionierte Kultur müsse zur Kooperation mit den nicht subventionierten Einrichtungen verpflichtet werden, fordert die PDS-Frau. Viel Hoffnung auf ein Ende der Kleinkrämerei hat sie jedoch nicht. Ganz im Gegenteil: Das Kultusministerium bastele derzeit an einem neuen Kulturkonzept, das alles andere verspreche, als bessere eine Vernetzung.

Allen Unkenrufen zum Trotz: Die Alte Oper beißt sich durch. Dabei hieß es zur Schließung 1997 noch, sie sei nicht mehr zu retten. »Abreißen und neu bauen«, tönte es nahezu unisono aus der Stadtverwaltung. Schnell entdeckten die Neubau-Befürworter zudem am Schauspielhaus irreparable Schäden und Mängel und machten auch das kurzerhand dicht. Damit nun die Landeshauptstadt nicht ohne Spielstätte bleibe, errichtete die Stadt der Kunst ein neues Haus: Etwa 60 Millionen Euro hat der Bau der neuen Oper verschlungen, die nach vierjähriger Bauzeit im September 2003 ihre Türen öffnete. Nach dem Willen von Intendant Guy Montavon soll hier Musiktheater auf »Bundesliga«-Niveau stattfinden. Und während die Studiobühne vorwiegend junge Leute anzieht, kommen auf der großen Bühne beim Sinfoniekonzert die älteren Semester auf ihre Kosten.
Nun hatte die Kunst wieder eine Spielstätte, allein sie selbst war inzwischen drastisch zusammengeschrumpft, denn nach dem Willen des Stadtrates wurde zum Ende der Spielzeit 2002/2003 »das Schauspielhaus geschlossen und die Sparten Schauspiel und Junges Theater aufgelöst«. Und weil die geplante Fusion mit dem Deutschen Nationaltheater Weimar scheiterte, steht Erfurt nun ganz ohne Schauspiel da. Im Parlament zuckt man die Schultern: Ein Musiktheater und ein großes Schauspiel könne sich die Stadt nun mal nicht leisten, rechnet Kulturbeigeordneter Karl-Heinz Kindervater (CDU) vor.
Nicht dass die Erfurter kein Sprechtheater brauchen, das sieht auch die Verwaltung ein. »Liebend gern hätten wir ein Schauspiel«, beteuert Kulturdirektor Jürgen Bornmann. Allein, es mangele am Geld. Bis 2010 werde sich daran nichts ändern. Der Freistaat ist pleite, die Finanzlage der Stadt prekär. Die zeigt sich jedoch an anderer Stelle gar nicht knauserig und zahlt einem Casino monatlich 33752 Euro - weil sie die Kündigung des Mietvertrages verschlafen hat. Klar, dass man da für Kultur wenig übrig hat. Auch die neue Oper müsse sich mit Kürzungen arrangieren, andere Förderungen seien ganz weggefallen, so der Kulturchef.
Zum Beispiel die für die Initiative »Neues Schauspiel« (INS), einer Gruppe von Theater-Enthusiasten, die sich unmittelbar nach dem Stadtrats-Beschluss von 2002 zusammen geschlossen hat. 27000 Unterschriften sammelte der Verein für den Erhalt des Schauspiels, stellte eine Riesendemo auf die Beine und gewann Prominente wie den Tatort-Kommissar Peter Sodann und den Kabarettisten Dieter Hildebrand.

Nichts außer Lorbeeren
Mit Lesungen und Inszenierungen verschafft die Initiative der Stadt trotz allem den Ruf einer Theaterhochburg, ihre jährlichen Sommertheater in der Ruine der Barfüßer-Kirche haben sich längst zum Publikumsrenner weit über die Landesgrenzen entwickelt. Auch ohne Förderung steht in diesem Jahr Shakespeares »Viel Lärm um Nichts« auf dem Spielplan. Und im Kaisersaal, wo CDU-Mann Karl-Heinz Kindervater Geschäftsführer ist, hat demnächst das Schiller-Stück »Carlos05« mit dem Stadt-Schauspieler Hanns-Michael Schmidt als König Premiere.
»Sehr lobenswert« sei die Initiative, findet Bornmann. Sie könnte sogar »die Keimzelle für ein neues Schauspiel« bilden, versteigt sich der Kulturdirektor weiter. Allerdings kann seine Begeisterung den leeren Stadtsäckel auch nicht füllen. So hat die Schauspiel-Initiative außer Lorbeeren von der Stadt nicht viel zu erwarten. Doch Ehre allein reicht nicht, findet INS-Vizepräsident Jürg Wisbach. In der Auflösung der verkrusteten Stadttheater-Strukturen sah der Schauspieler, der am Nationaltheater Weimar arbeitet, vor allem eine Chance für Neues. Doch diese Chance habe die Stadt vertan, denn statt umzubauen, habe man lediglich »wahllos weggeschnitten«, meint der 40-Jährige. Mit einer Mischung aus Eigenproduktion und Gastspielen will die INS das Schauspielhaus aus seinem Dornröschenschlaf reißen. Leider kann die Initiative keine 1,5 Millionen Euro aufbringen.
So viel sei nötig, um das alte Gebäude wieder bespielbar zu machen, hat der Politiker und Geschäftsmann Kindervater ausgerechnet. Auf lange Sicht sogar 7,3 Millionen. Der CDU-Mann glaubt nicht an eine Wiedererweckung des Schauspielhauses. Die Stadt arbeite auf Abriss hin, kommentiert Schauspieler Wisbach. Das streitet Kindervater, der der INS »einen langen Atem wünscht«, nicht ab und bringt eilig eine weitere Immobilie ins Spiel: Die Industrieruine Heizhaus, unmittelbar am Theaterneubau gelegen, sei als kultureller Mehrzweckbau auch für ein Schauspiel sowie weitere Kulturinitiativen auszubauen. Bis dahin hofft man in der Stadtverwaltung auf ein Wunder und darauf, dass die Zeit die Probleme lösen wird.
Doch heilt die Zeit auch Wunden? »Wir hatten eine halbe Stunde standing ovations«, erinnert sich Hanns-Michael Schmidt, einer der vier Schauspiel-Musketiere, mit Wehmut an den letzten Abend im Schauspielhaus. »Es ist tragisch, dass nun ein breites Publikum nicht mehr bedient werden kann«, meint der Darsteller. Und dass die Stadt ein festes Ensemble brauche, mit dem man sich identifizieren könne, statt ständig wechselnder Gastspiele. 35 Jahre lang war er Schauspieler in Erfurt. Und auch wenn andere Aufgaben auf ihn warten - der Abschied tut weh.

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