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  • l'Humanité

Diese Fremden ...und doch unsere Brüder

In der Résistance kämpften viele Immigranten - die Gruppe Manouchian wurde ihr Symbol

Die Immigranten spielten eine entscheidende Rolle bei der Befreiung Frankreichs. Ein von den Nazis verbreitetes Steckbrief-Plakat wurde zu einer Ehrung für ihr heldenhaftes Handeln und richtete sich gegen die Henker selbst.
»Die Gruppe Missak Manouchian war die Inkarnation eines bestimmten Europas«, sagt Henri Karayan, einer der drei Überlebenden der von dem armenischen Dichter geführten Widerstandsorganisation FTP MOI. Die Aktionen Manouchians und seiner überwiegend aus dem Ausland stammenden Kombattanten finden sich auf jenem Propagandaplakat verewigt, das die Nazis begleitend zur Exekution von 23 Widerstandskämpfern am 21.Februar 1944 auf dem Mont Valérien überall in Frankreich klebten. Ihren Zweck erreichten sie jedoch nicht: statt abzuschrecken diente es der Mobilisierung.
Das Propagandainstrument ging als »L'Affiche rouge« (Das rote Plakat) in die Geschichte ein. Dass es nicht vergessen wurde, verdanken wir auch dem Dichter Louis Aragon und dem Sänger Léo Ferré. Es ist zu einem Symbol für die Parteinahme und Solidarität der »Fremden« und erst kurz zuvor eingebürgerten Franzosen bei der Befreiung des Landes geworden.

Francs-Tireurs et Partisans
Die Organisation der Francs-Tireurs et Partisans Français (FTPF), der französischen Partisanen und Freischärler wurde Anfang 1941 als Nachfolgerin der im September/ Oktober 1940 gebildeten OS (Organisation Spéciale) gegründet. Geleitet wurde sie von Charles Tillon, der zusammen mit Benoît Frachon und Jacques Duclos das Führungsdreick an der Spitze der PCF bildete; ihr Verbindungsmann war Raymond Dallidet. Am 15.Mai 1941 beschloss die Kommunistische Partei Frankreichs eine »Nationale Front für die Befreiung und Unabhängigkeit Frankreichs« zu bilden, in der sich möglichst viele Gegnerinnen und Gegner der Kollaboration und Besatzung des Landes zusammenschließen sollten.
Dieser »Front National«, die natürlich nichts mit der gleichnamigen heutigen Partei des Herrn Le Pen zu tun hat, schlossen sich die FTP MOI an. MOI steht für »Main d'Oeuvre Immigrée« (eingewanderte Arbeiterinnen und Arbeiter). Viele Franzosen, vor allem Schriftsteller, waren in der Zeit vor der französischen Revolution vor Gefängnis und Zensur - oder Schlimmerem - ins Ausland geflohen: in die Schweiz, die Niederlande, nach Belgien, England oder Preußen. Nun wurde Frankreich, beginnend mit dem Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, selbst zum Aufnahmeland für Immigranten und Exilanten.

Politische Flüchtlinge suchten Zuflucht
Viele Gründe führten zu immer neuen Einwanderungsströmen. Manche Einwanderer versuchten einfach dem Elend zu entkommen. Andere, vor allem aus Ost- und Mitteleuropa, wurden durch Rassismus und Antisemitismus aus ihrer Heimat vertrieben. Politische Flüchtlinge kamen vor allem in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts, nach der Machtübernahme Salazars in Portugal, Francos in Spanien, schließlich Hitlers in Deutschland und Österreich. Weniger offen proklamierte Diktaturen herrschten auch in Polen, Rumänien und anderen Staaten. Die Immigranten hatten unterschiedliche und manchmal mehrere Gründe für die Einreise.
Angesichts dieses Zustroms von oft mittellosen Menschen, die kaum oder gar nicht Französisch sprachen und häufig von französischen Unternehmern wegen des Arbeitskräftemangels nach dem Ausbluten der Jahre 1914-18 angeworben wurden, beschloss der Gewerkschaftsdachverband Confédération Générale du Travail (Unitaire) im Mai 1923, ein Büro mit dem Namen MOE (main d'oeuvre étrangère - ausländische Arbeiter) zu gründen. Diese Bezeichnung wurde dann in MOI (main d'oeuvre immigrée - eingewanderte Arbeiter) verändert, da der ursprüngliche Name der Agentur einen negativen Klang hatte.

Solidarität der Ausgebeuteten
Der Historiker Roger Bourderon erinnert daran, dass man von Anfang an dem Grundsatz der »Solidarität der internationalen Klasse der Ausgebeuteten« zur Geltung verhelfen wollte. Die Organisation selbst strukturierte sich nach Sprache und Nationalität, sie manifestierte antifaschistisches Denken und den Geist der Volksfront. »Vergessen wir nicht«, so Bourderon, »dass die PCF der MOI eine wichtige Rolle in der Organisation der internationalen Brigaden zur Verteidigung der jungen spanischen Republik gegen Franco zuwies. Es ist daher kein Zufall, dass so viele Immigranten und Franzosen als Kader unter den ersten Organisatoren der Résistance und vor allem des bewaffneten Widerstands waren.«

Sie kämpften mit Mut und Entschlossenheit
Die meisten Immigranten waren Juden aus Ost- und Mitteleuropa. Dazu kamen zahlreiche Italiener und Spanier. Zwar nahmen nicht Zehntausende die Waffen in die Hand, doch ihre geringe Zahl wogen die Kämpfer mit Entschlossenheit und Mut auf. Und es gab auch diejenigen, die ihnen Schutz boten, sie auf ihren Bauernhöfen aufnahmen und ihnen unter Lebensgefahr ein Dach über dem Kopf boten, wie die Eltern des berühmten Sängers Charles Aznavour.
Gemeinsam mit diesen Fremden, »die doch unsere Brüder sind«, wie Louis Aragon in seinem Gedicht »LAffiche rouge« schrieb, griff Frankreich gegen die Nazi-Besatzung zu den Waffen. Zur Führung der FTP MOI, die bis zur Befreiung kämpfte, gehörten Louis Gronowski, Jacques Kaminski und der Spanienkämpfer und spätere stellvertretende tschechische Außenminister Arthur London. Viele andere herausragende Persönlichkeiten sind zu nennen, die außerordentlich bescheiden, doch sehr kühn für das Land ihres Ideals eintraten: der Armenier Missak Manouchian ebenso wie Joseph Epstein, ein polnischstämmiger Jude, der als Colonel Gilles einer der Führer der FTP war und zusammen mit Henri Rol-Tanguy und Edouard Valleran auch die Pariser Führung der Organisation bildete.

Gefoltert und ermordet für die Freiheit
Es war keine historische Begegnung, es war ein einfaches Arbeitstreffen, das Manouchian und Epstein am 16. November 1943 am Bahnhof von Evry-Petit-Bourg zusammenführte. Beide wurden dort verhaftet, dann gefoltert und ermordet. Joseph Epsteins richtigen Namen bekamen die Folterer nicht aus ihm heraus. Er wurde unter dem Namen beerdigt, den er im Kampf um die Republik in Spanien getragen hatte, Joseph Andrej.
Der einzigen Frau in der Gruppe Manouchian, der Rumänin Olga Bancic, war ein besonderes Schicksal beschieden. Sie wurde nach Deutschland deportiert und am 10.Mai 1944, dem Tag, an dem sie 32 Jahre alt wurde, in Stuttgart geköpft. An sie erinnernd berichtete Henri Karajan: »Sie wurde, wie die Männer, mit einem Ochsenziemer gefoltert.« Geköpft! Hitlerdeutschland hatte, im Bund mit dem Vichy-Regime, einige Rechnungen mit Frankreich zu begleichen: die des Revolutionsjahrs 1789 und der Volksfront 1936.
Et la Liberté... Und die Freiheit...

Aus dem Französischen:
Lilian-Astrid Geese

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