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Was war denn Glück im Osten?

Sammlung kleiner Freuden des Alltags in der DDR Von Almut Schröter

Tele Lotto versucht gleich am Eingang zur Schau für sich zu gewinnen

hoto: Marcus Lieberenz

Glück ist unsichtbar. Mag sein, daß mancher dafür eine Nase hat. Er spürt es, wenn es in der Nähe ist und greift danach. Andere wieder erkennen es nicht oder stolpern darüber, daß es nur so ein Unglück ist. Die Ausstellung »Glück im Osten«, die Sonntag um 18 Uhr in der Sammlung industrielle Gestaltung der Stiftung Stadtmuseum in der Kulturbrauerei öffnet, ist natürlich nicht zu übersehen. Die Schau über das entschwundene Glück der Ostdeutschen macht Fortuna im verschwundenen Land über ihre einstigen Träger sichtbar.

Als Glückssymbole hängen hier Wohnungszuweisungen und Mietverträge aus der jungen DDR, Orden und Ehrenzeichen werden vorgezeigt, Bescheinigungen über die Fürsorge von Mutter und Kind sind zu sehen. Staunend kann man sich vor einem Glaskasten mit Hochzeitsund Scheidungsbescheinigung überzeugen, mit welch geringem Papieraufwand solche »Umschwünge« einmal zu bewältigen waren. Und erinnernd zu belächeln sind die sozialistischen Objekte der Begierde, die sich der DDR-Mensch durch heranorganisierte oder auf die er plötzlich beim Einkaufen »drauf zu kam«, wie es so schön hieß. Dieser Mensch war eben so gemacht, »... auf das Errichten des gesellschaftlichen Paradieses nicht zu warten, sondern privat damit bereits heute und diesseits zu beginnen«, kündigte das Museum hintersinnig an. Und darum dürfen die Glückspapiere fürs Autos von Sachsenring Zwickau unter dem Motto

»Meine Hand für mein Produkt« nicht fehlen. Die Leute hätten damals sicher auch andere Extremitäten in Kauf genommen. »Der Glückliche ist mit sich und seiner Umgebung einig.« (Oscar Wilde).

Nostalgie ist nicht beabsichtigt, mahnen die Ausstellungsmacher. Eher eine Rückbesinnung aufwerte, die in heutigen Zweifelszeiten dahinschwinden. Da war einmal was mit geistiger Geselligkeit. Der Blick fällt auf eine willkürliche Auswahl von Büchern. Zwischen Romanen liegt der kleine Feuilleton-Band von Richard Christ »Immer fehlt etwas«. Keinesfalls

darf das in dieser Schau das Brigadeleben sein. Neben einer »Straße der Besten« erzählen ungelenke Tagebuchnotizen von Plänen, Feiern und Ausflügen.

Schließlich kommt das Lottoglück mit dem VEB Vereinigte Wettspielbetriebe. Dafür gab der DDR-Bürger durchschnittlich 93 Mark im Jahr aus. Und endlich erfährt man, daß das erste Tele Lotto-Männchen im Widerstand war. Wirklich! Bei seinem ersten Entwurf mußte der Bart verschwinden, weil der irgendwie Walter Ulbrichts Aussehen nahekam.

Lotto ist aber auch die einzige Sache dieser Ausstellung, die für Nicht-DDR-Menschen begreifbar scheint, wie sich schon bei der Pressekonferenz zeigte. Alles andere geht über Erfahrungswerte und die Fähigkeit, über sich selbst und Dinge aus seiner Vergangenheit lachen zu können. Dieses Glück ist uns vergönnt.

Bis 9 März 1999, Mi.-Fr 14 bis 21 Uhr, Sa., So. 10-21 Uhr, Sammlung industrielle Gestaltung, Knaackstraße 97, Prenzlauer Berg, Telefon: 443 93 82

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