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Von Martina Böhm

Mit einem metallischen Summen öffnet sich die Schleuse. Der Junkie nimmt an der Theke des Druckraums die Nierenschale mit Filter, Tupfern, Wasser, Ascorbinsäure, Spritze, Löffel und Serviette entgegen. Die Nadel sucht er sich aus: Dünne für Hände und Finger, lange für tiefliegende Venen in der Leiste, dicke und kurze. Nur den Stoff muß er selbst mitbringen.

Schon zigmal durchexerziert. Heroin auflösen, aufkochen, aufziehen, spritzen. Länger als drei, vier Minuten dauert das nicht. Dann rollt er den Ärmel runter, wirft die Spritze in die Schüssel, die durch ein Loch in einen Eimer fällt, und geht.

Illegal besorgt, straflos gedrückt. 400mal am Tag summt die Schleuse in der Niddastraße 49 Frankfurts größter Druckraum mit zwölf Plätzen ist zum Fixen da, nicht zum Plaudern. Kein Plüschsofa, kein lauschiges Lampenlicht, sondern abwaschbare Kacheln und Fliesen und vor jedem Platz eine Spiegel-Kachel. So läßt sich die Halsvene besser treffen.

In der Mitte ist genug Raum, um Erste Hilfe zu leisten, wenn einer »umgeht«. Überdosis. Notfall. Minuten entscheiden darüber, ob die Atemdepression zum Tod führt. Im Druckraum ist immer ein Sozialarbeiter zur Stelle. Einmalhandschuhe überstreifen und den Beatmungsbeutel einsetzen, das geht schnell, routiniert, fast lautlos vor sich.

In einem Drittel der Notfälle muß der Arzt ein Medikament gegen das Opiat spritzen. Dann hat sich einer, frisch aus der Therapie entlassen, seine frühere Dosis gesetzt und ist umgekippt. Oder der Heroinanteil in der Spritze war zu hoch. Normalerweise stecken im Druck nicht

mehr als acht Prozent Heroin. Der große Rest ist Backpulver, Milchpulver, Waschpulver, Puderzucker, alles, was billig ist und in Farbe und Konsistenz paßt.

Der Druckraum in der Niddastraße ist der vorerst letzte für Frankfurt. Mittlerweile gibt es insgesamt 35 Plätze fürs streßfreie und hygienische Drücken. Alle vier Druckräume zusammen decken die Zeit von morgens sechs Uhr bis Mitternacht ab, montags bis sonntags, Weihnachten wie Ostern. Nachts wird nach wie vor auf der Straße »geballert«.

Trotz der langen Öffnungszeiten kommt es zu Staus. Abends und freitags und samstags, wenn die Wochenendjunkies eintrudeln, warten etwa 20 Leute vor der Theke darauf, sich ihren Druck setzen zu können. Nicht alle haben Muße: Der Kokainsüchtige, der's immer eilig hat, der Heroinabhängige, der auf Entzug ist.

Trotzdem müssen Formalien eingehalten werden. Jeder Konsument unterschreibt, daß er volljährig ist, nicht mit Methadon substituiert wird, im Druckraum nicht mit Drogen handeln, nicht rauchen und keinen Alkohol trinken wird.

Erlaubt ist nur fixen. Wer Heroin vom Blech raucht, muß sich in die Hausnischen verdrücken. Manchmal treibt die Hausordnung jedoch seltsame Blüten. Kommt ein Paar, und er hat das Dope für beide eingesteckt, wird es abgewiesen. Dann heißt es, vor der Tür teilen. Getrennt besitzen, gemeinsam drücken, das ist erlaubt. Denn teilen ist »Vergabe«, und Vergabe von Drogen im Druckraum ist verboten.

Journalisten und Delegierte aus deutschen und europäischen Kommunen stecken ihre Köpfe gern mal in einen der Konsumräume, wie die deutschen Fixerstuben offiziell heißen. Denn kaum einer

spritzt mehr vor dem Außenspiegel geparkter Autos oder mit heruntergelassener Hose am Hauptbahnhof. Da gibt's nichts mehr zu filmen. Zudem wurde der erste Druckraum Deutschlands in Frankfurt eröffnet. Und Konsumräume sind das anschaulichste Beispiel für die Drogenpolitik der Stadt am Main.

Vor fünf Jahren ist die offene Szene aufgelöst worden. Der »Frankfurter Weg« in der Drogenpolitik gilt als beispielhaft. Nicht zuletzt durch das Rechtsgutachten des Oberstaatsanwalts Hans Harald Körner über die »Zulässigkeit von Gesundheitsräumen für den hygienischen und streßfreien Konsum von Opiatabhängigen«. Eine Frankfurter Besonderheit, denn in anderen Städten vereitelte gerade die Justiz eine liberale Drogenpolitik, indem sie auf das Betäubungsmittelgesetz verweist.

Noch eine Frankfurter Besonderheit ist die sogenannte Montagsrunde, eine ungewöhnliche Allianz aus Drogenreferat und Drogenhilfe, Polizei, General- und Staatsanwaltschaft, Ordnungs-, Gesundheits-, Jugend-, staatlichem Schulamt und Industrie- und Handelskammer unter Vorsitz des Gesundheitsdezernenten. Offiziell darf die Runde nur beraten und empfehlen, gleichwohl ist sie eine Instanz von solch hohem Gewicht, daß keiner wagt, ihre Entscheidungen in Frage zu stellen.

Selbst der Bruch der rot-grünen Koalition im Jahre 1995, der mit der Direktwahl einer CDU-Oberbürgermeisterin endete, führte nicht in die drogenpolitische Sackgasse. Die Christdemokraten stehen hinter dem »Frankfurter Weg«, den die damalige Grüne Gesundheitsdezernentin Margarethe Nimsch mit so viel Hartnäkkigkeit verfolgt hatte. Doch der Beginn war beileibe kein Musterbeispiel für de-

mokratische Gepflogenheiten und langfristige Planung.

Ein Rückblick auf das Jahr 1992. In den Sommermonaten bevölkerten täglich bis zu 1000 Abhängige und Dealer die Grünanlage in der Innenstadt. Sterbenskranke kauerten um eine aufgerissene Cola-Dose, in deren Mulde sie den Stoff mit Pfützenwasser aufgekocht hatten. Die Sucht machte scha'mlos. Ein Drogenabhängiger genierte sich auch vor fremden Augen nicht, die Hosen runterzulassen und in die Leiste zu spritzen, wenn die Venen in den Armbeugen schon verschorft waren.

Fünfmarkstückgroße Abszesse, Ekzeme, Schrunden zeichneten sich auf den Körpern ab. Wasser aus Pfützen und Klos und unsaubere, mehrfach verwendete Spritzen führten zu ständigen Infektionen. Heute ist zwar die Quote an Hepatitis-Fällen noch hoch, aber die Zahl der HIV-Neuinfektionen - im Gegensatz zum Bundestrend - rückläufig.

»Zombies mit Greisen-Gesichtern und toten Augen«, wie eine Reporterin die Dauergäste der Anlage mal bezeichnete, sind kaum noch zu sehen. Aber nicht nur deshalb, weil die Junkies von der Straße in die Drogenhilfseinrichtungen geschubst wurden. Die ärztliche Versorgung ist gut, und »jede Spritze wird tatsächlich nur einmal benutzt«, versichert Joscha Steinmetz, Sozialpädagoge im Druckraum. Statt sich das komplette Dope aus Angst vor der Polizei gehetzt in den Körper zu jagen, kann der Stoff im Druckraum dosiert und in Ruhe injiziert werden.

1991 stellte Frankfurt seinen Rekord mit 147 Drogentoten auf. Nahezu an jedem zweiten Tag ein Rauschgifttoter. Fünf Jahre später starben noch 31 Menschen in Frankfurt, in Hamburg 145, in

Berlin 162. Die Lumpenbündel humpelten vor der Polizei weg, wenn diese wieder »die Szene in Bewegung« hielt, was landläufig auch Junkie-Jogging hieß: Junkies hinter Müllcontainern oder Parkbänken aufscheuchen und vertreiben ein sinnloses Unterfangen. War der Streifenwagen abgebogen, wurden Müllcontainer und Parkbank prompt wieder besetzt.

Joscha Steinmetz erinnert sich noch gut an die Zustände in der Anlage. 1991 begann der Verein Integrative Drogenhilfe mit dem mobilen Spritzentausch in einem Bus an der Grünanlage. Rief damals einer »Notfall« aus dem Gebüsch, war der Kollege schon komplett ausgeraubt: Schuhe weg, Hose weg, alles weg. Sich gegenseitig zu beklauen, auszutricksen, zuzuschlagen, achselzuckend über ein Häuflein Mensch hinwegzusteigen, war an der Tagesordnung. 10 bis 15 Notfalleinsätze pro Tag, und oft genug verreckte jemand lautlos im Gebüsch. Zur Zeit gibt es genau so viele Notfalleinsätze pro Woche.

Die Polizei duldete die Szene nicht mehr, Beschwerden und Panik in der Bevölkerung nahmen zu. Gleichzeitig eskalierte im Sommer 1992 die Lage in der Szene. Verteilungskämpfe zwischen Dealergruppen führten zu noch größerer Gewalt. Junkies sagten: »Die dealen mit dem Messer in der Hand.« Die Polizei sah sich in Zugzwang. Und nicht nur sie.

Parallel dazu stand die Entscheidung an, ob die Europäische Zentralbank in Frankfurt angesiedelt wird. Natürlich im Bankenviertel. Dicht bei der Drogenszene. Darüber hinaus waren es nur noch wenige Monate bis zur nächsten Kommunalwahl.

Die damalige Gesundheitsdezernentin Margarethe Nimsch und das Drogenreferat erfuhren es aus der Zeitung: Oberbürgermeister Andreas von Schoeler und mit ihm die SPD planten die »schrittweise« Auflösung der Drogenszene. »Das war ein heilsamer Schock«, sagt heute der Vize-Chef des Drogenreferates, Gerd Fürst, der fast zu einer Verhärtung der Fronten geführt hatte: Ordnungspolitik gegen Gesundheitspolitik. Ein mühseliges Ringen begann. Nun galt es, dem Stadtparlament ein Angebot nach dem anderen abzutrotzen.

Mittlerweile hat es Frankfurt neben der mobilen Hilfe auf 163 Betten in*Notschlafstellen, rund 250 Tagesaufenthaltsplätze in Kontaktcafes mit zum Teil medizinischer Behandlung, 1200 Methadonplätze und die vier Konsumräume gebracht. Prävention, pure Überlebenshilfe, aber auch Einstieg in den Ausstieg sind die drei Pfeiler der Drogenpolitik.

Tag für Tag haben die Mitarbeiter der Drogenhilfe Kontakt zu etwa 1000 Abhängigen. Tag für Tag werden 5000 Spritzen getauscht. Jahr für Jahr gibt Frankfurt zehn Millionen Mark für die Drogenhilfe aus.

Doch das ist nicht genug. Thomas Steuernagel, Geschäftsführer der Integrativen Drogenhilfe, wollte nach Eröffnung des bundesweit ersten Konsumraumes im Dezember 1994 denn auch nicht von einem Meilenstein in der Drogenpolitik sprechen. »Jetzt gibt's gerade mal 20 Quadratmeter, auf denen Junkies erlaubt ist, was sie seit Jahren illegal tun.« Ein Meilenstein wäre dagegen die kontrollierte Heroinabgabe für zunächst 100 Alt-Junkies. Schon im Februar 1993 stellte die Stadt einen Antrag beim Bundesgesundheitsamt. Fünf Jahre sind mittlerweile mit Ablehnungen, Klagen und Berufungen vergangen. Die Stadt hofft nun auf eine außergerichtliche Einigung.

Kontrolliert Heroin vergeben zu wollen, hat nichts mit Kapitulation vor der Sucht zu tun, betont Regine Ernst, kommissarische Leiterin des Drogenreferates. Doch die Alt-Fixer sind über altgediente Methoden der Drogenhilfe nicht mehr zu erreichen. Wohnungen zu beschaffen, Schulden zu regulieren und Arbeitsplätze zu vermitteln gehört mit dazu. Die Experten vertrauen auf ihre Erfahrung mit Methadon-Substituierten. Wer sich, weil Beschaffung, Kriminalität und Illegalität wegfallen, auf andere Lebensinhalte konzentrieren kann, wird irgendwann vielleicht auch keine Drogen mehr konsumieren müssen.

Friedlich ist es in Frankfurt deshalb noch lange nicht. Etwa 10 000 Abhängige versorgen sich hier mit Drogen. Die Dealerei auf offener Straße bringt immer wieder Anwohner in Rage. Das Drogenreferat nimmt die Ängste ernst. »Es muß aber aushaltbar sein, wenn ein Drogenabhängiger auf der Bank rumliegt. Das gehört zum Leben in der Großstadt.« Doch die Besetzung von ganzen Revieren durch Dealer oder das Herumliegen von Spritzen wird nicht bagatellisiert. »Im großen und ganzen«, sagt Regine Ernst, »ist die Bevölkerung aber mit dem Frankfurter Weg mitgewachsen: Drogenabhängigen muß geholfen werden.«

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