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  • Politik
  • Tragödie in Paris. Wie Marx und Engels von einer Illusion geheilt wurden Die

häßliche

Revolution Von Helmut Bock

Was war eigentlich los in Paris? -Seif Tagen schon vermißte die Kölner Redaktion der »Neuen Rheinischen Zeitung« alle Korrespondenzen und Journale, die sonst pünktlich aus der französischen Hauptstadt eintrafen. Nur ein Kurier, der durch Köln reiste, hatte berichtet. Er habe kurz nach seiner Abfahrt von Paris, am 23. Juni 1848, starken Kanonendonner gehört.

Erst drei Tage später, am 26. Juni, konnte die Redaktion französische Originalmeldungen vom Anfang der Kämpfe veröffentlichen, denen sie einen eigenen Kommentar voranstellte. Der kurze Text enthielt eine ungeheure Behauptung, deren Wichtigstes kursiv gedruckt wurde: »...Die Insurrektion entwickelt sich zur größten Revolution, die je stattgefunden, zur Revolution des Proletariats gegen die Bourgeoisie. (...) Den riesenhaften Umrissen dieser Junirevolution genügen nicht drei Tage wie der Julirevolution und der Februarevolution, aber der Sieg des Volks ist unzweifelhafter als je. Die französische Bourgeoisie hat gewagt, was nie die französischen Könige gewagt ?haben. Sie hat ihr Los selbst geworfen. Mit diesem zweiten Akt der französischen Revolution beginnt erst die europäische Tragödie.«

Ende Februar 1848 hatten Pariser Arbeiter - im Einverständnis mit Oppositionellen der Bourgeoisie und des Kleinbürgertums - die Monarchie der seit 1830 alleinherrschenden Finanzaristokratie gestürzt. Mit der Überzeugung, daß das Königtum eine aristokratische Staatsform sei und dem Verfassungsprinzip der Volkssouveränität widerspreche, hatten Arbeiter und Bürger die Proklamation einer neuen Staatsordnung erzwungen: »Republique francaise! Liberte, Egalite, Fraternite!« Es war die Formel der Gro-ßen Revolution von 1792/93, womit der republikanische Staat in Frankreich zum zweiten Mal konstituiert wurde. Angesichts der Barrikaden sprach die frischbackene Regierung des Bürgertums lauthals von einer »Bruderschaft aller Republikaner«. Die Arbeiter schwelgten daraufhin in »Freiheit! Gleichheit!« und wörtlich genommener »Brüderlichkeit«. Mit dem Gewehr in der Faust als Revolutionsgewalt wohl oder übel respektiert, durften sie zwei ihrer Vertreter in die Regierung entsenden. Außerdem wurden ihnen soziale Grundrechte und Einrichtungen zuerkannt: Erstens das verfassungswürdige »Recht auf Arbeit« und zweitens die »Organisation der Arbeit« ein vieldeutiges Versprechen, das eine »Arbeiterkommission« als Wurmfortsatz des Ministerkabinetts und die Pariser »Nationalwerkstätten« als ABM zur Folge hatte. »Eine Republik, umgeben von sozialen Institutionen«, so titulierten die Bourgeois-Republikaner diese Resultate der geglückten Februarrevolution.

Aber die Maßnahmen der »sozialen Wohlfahrt« waren ein durchsichtiger Schleier, hinter dem sich die »Volksrepublik« der Klassenverbrüderung allzu rasch als besitzbürgerliche Staatsordnung entpuppte: Die Industrie- und Handelsbourgeoisie drängte Minister und Parlamentarier zu wiederum neuen Beschlüssen, die die uneingeschränkte Nutzung der Produktionsverhältnisse im Interesse der Eigentümer sichern sollten. Bis Ende Juni, in kaum vier Monaten also, vollzog sich tatsächlich die Abschaffung der eilfertig verkündeten Februarresultate. Die Arbeitervertreter wurden aus der Regierung entfernt. Die Kommission für Arbeiterfragen wurde aufgelöst. Die Regierung ließ Protestversammlungen verbieten und Arbeiterführer verhaften. Was endlich die proletarische Entrüstung zur lodernden Flamme entfachte: Regierung und Parlament verordneten gegen fast 100 000 Arbeiter die Aussperrung aus den »Nationalwerkstätten«, indem die nicht in Paris Geborenen in die Pro-

vinzen abgeschoben und die 18- bis 25jährigen Hauptstädter, soweit sie unverheiratet waren, zur Armee einberufen wurden! - Die Bourgeois-Republikaner wollten sich die demokratische Kontrolle der Arbeiter und die Last der »sozialen Wohlfahrt« vom Halse schaffen. Sie gaben die Barrikadenkämpfer des Februar wiederum der Arbeitslosigkeit und der Verelendung preis - und provozierten den erneuten Aufstand.

Das war Vorgeschichte der Pariser Empörung, von der die Kölner Redakteure nunmehr die »größte« aller bisherigen Revolutionen erwarteten - »die Revolution des Proletariats gegen die Bourgeoisie«. Die Redakteure, die allesamt Mitglieder des »Bundes der Kommunisten« waren, hätten trotz ihres prinzipiellen Gegensatzes zur bürgerlichen Gesellschaft mit langfristigen Prozessen der industriellen, sozialen und politischen Entwicklung rechnen müssen. Weil sie aber in den Turbulenzen dieses europäischen Revolutionsjahres nicht nur Beobachter, sondern auch Mitstreiter und Tempomacher sein wollten, zogen sie aus dem Optimismus ihres Geschichtsdenkens eine ungeduldige Hoffnung: Die Widersprüche bürgerlicher Revolution und sozialer Konflikte würden in Westeuropa vielleicht schon jetzt einen Entwicklungssprung ermöglichen. Die Straßenschlacht an der Seine erschien ihnen daher als ein Anfang vom Ende der Bourgeoisie.

Den ästhetischen Begriff des Tragischen auf die aktuelle Weltbühne der Revolutionen übertragend, bezeichneten sie den Pariser Bürgerkrieg als den »zweiten Akt« einer realgeschichtlichen »Tragödie«. Diese habe mit der Februarrevolution in Frankreich und den Nachfolgerevolutionen in weiteren Ländern des Kontinents vorerst nur ihren Einleitungsteil durchlaufen. Sie werde hingegen mit der soeben ausgebrochenen »Revolution des Proletariats« in ihre steigende und eigentliche Handlung eintreten: In langen

und wechselvollen Klassenkämpfen eben dieser Epoche würden die welthistorischen Entscheidungen ganz gewiß mit dem Untergang des Adels enden - womöglich aber auch mit der politischen und ökonomischen Entmachtung der Bourgeoisie.

Die Schreiber wußten am Tage ihres gewagten Kommentars noch nicht, daß in Paris bereits einige Tausend gemordeter Proletarier in Hausruinen, auf zerbombten Barrikaden und blutigen Exekutionsplätzen lagen. Erst am 27728 Juni 1848 verfügten sie über Nachrichten, die sie die Situation in Paris überschauen ließen. Überflüssig zu sagen, daß die verheerende Niederlage der Arbeiter eine herbe Enttäuschung bewirkte. Doch die »Neue Rheinische Zeitung« war ein Tageblatt, das seine selbst gesetzte Aufgabe, in Deutschland für die revolutionäre Demokratie zu wirken, nicht vertagen konnte. Und schon tat die bürgerliche Presse ein übriges, um die Parteinahme der Kölner für die Pariser Arbeiter herauszufordern: Denn diese wurden als »Kannibalen«, »Räuber«, »Mörder« verleumdet als eine »verruchte Minorität«, die ihren »Krieg auf nichts Geringeres als die Zerstörung der Familie und des Eigentums, d. h. auf die Zerstörung der Gesellschaft« gerichtet habe.

Es war der 27jährige Friedrich Engels, dem die Aufgabe zufiel, die französischen Ereignisse in ausführlichen Berichten darzustellen. Er reflektierte, daß die Arbeiter diesmal ohne nationale Illusionen gekämpft hatten. Dieser Bürgerkrieg war etwas ganz anderes als der Bastillesturm von 1789, als die Julirevolution von 1830 und die Februarrevolution von 1848. Nur der römische Sklavenkrieg und die Lyoner Weberaufstände, die selbständigen Erhebungen besitzloser und ausgebeuteter Klassen, waren der Pariser Straßenschlacht vergleichbar Mit der Lyoner Losung von 1831 hatten sich die Proletarier in den Kampf gestürzt: »Arbeitend leben oder kämpfend sterben!« Das »Recht auf

Arbeit« war die Forderung, mit der sie ihre existentiellen Bedürfnisse zusammenfaßten.

Weil ein größerer Teil der Insurgenten als Beschäftigte der »Nationalwerkstätten« in Arbeitskompanien eingeteilt gewesen war, hatten sie die industrielle Organisationsform ins Militärische übertragen. Ihre Kompanien bildeten den Kern der Aufständischen, die durch planmä-ßigen Barrikadenbau das Paris der arbeitenden Klassen von dem Paris der Besitzenden trennten und sodann aus vier Richtungen ins Stadtzentrum vorstießen. Am zweiten Aufstandstage standen sie 300 Schritt weit vom traditionsreichen Stadthaus entfernt: Das alte Hotel de Ville, das Angriffsziel und die Hochburg aller französischen Revolutionen, lag greifbar nahe.

Da trat die bürgerliche Regierung der Februarrevolution zurück. Die erschrokkene Nationalversammlung ernannte den General Cavaignac, der sich die Epauletten als kolonialer Eroberer in Algerien verdient hatte, zu ihrem Militärdiktator. Dieser raffte aus Paris, der Umgebung, den weiter abliegenden Städten rund 150 000 Mann der Nationalgarde und der Armee zusammen, die mit Artillerie gegen 40 000 bis 50 000 notdürftig bewaffnete Proletarier losschlugen.

Den an Zahl und Bewaffnung unterlegenen Insurgenten schien nur eine Alternative zu bleiben: die eigene Niederlage oder der revolutionäre Terror - die Anwendung der angedrohten Regierungswaffe. Terror gegen Terror! hieß das akute Problem, das Engels bei den Schilderungen des Äufstands erregte. Er haderte mit dem unglücklichen Schicksal der Arbeiter und ließ sich in seinen Phantasien bis zu einem möglichen, aber preisgegebenen Sieg verleiten. Wenn die Arbeiter dieselben Gewaltmittel angewendet hätten wie die Regierung und ihre mordbrennenden Knechte: »Paris läge in Trümmern, aber sie hätten triumphiert.« Der Schreiber sah sich hingegen vor un-

abweislichen Tatsachen, und er wagte, diese mit der Fiktion einer versäumten Siegeschance zu kommentieren: »Das Volk war wieder zu großmütig. Hätte es auf die Brandraketen und Haubitzen mit Brennen geantwortet, es wäre am Abend Sieger gewesen. (...) Das einzige Gegenmittel, das Brennen, widerstrebte seinem noblen Gefühl. (...) Darum wich es zurück, und sein erstes Zurückweichen entschied seine Niederlage.«

In verzweifelter Gegenwehr kämpften die Arbeiter um ihre Stadtviertel, ihre Straßen und Barrikaden. Sie behaupteten sich vier Tage lang gegen die vierfache, schwerbewaffnete und gedrillte Übermacht - gegen zunehmend fanatisierte Besitzbürger und ihre Soldateska, die die Barrikadenkämpfer, selbst die Gefangenen, mit viehischer Ausrottung verfolgten. In den Zeitungen und den historischen Annalen schwanken die Verlust-? zahlen: Über 3000 Insurgenten sollen nach den untertreibenden Angaben der Regierung im Kampf und durch sofortige Hinrichtungen getötet worden sein. Etwa 25 000 gerieten in Gefangenschaft, wurden mißhandelt, abgeurteilt, verschleppt. Von den Trümmern der Niederlage aber blickte Engels auf die von ihm vermutete Wahrscheinlichkeit eines Sieges der Proletarier zurück: »Nur ein Haar fehlte, so waren sie Sieger Nur ein Haar und sie faßten Fuß im Zentrum von Paris, sie nahmen das Stadthaus, sie setzten eine provisorische Regierung ein.«

Am 29 Juni 1848 zog Karl Marx, redacteur-en-chef, eine Bilanz aus den verwickelten und schmerzlichen Erfahrungen. Die Pariser Junischlacht, in der erstmals mit der Forderung nach einer »demokratischen und sozialen Republik«, einer »Regierung für Arbeiter«, gekämpft wurde, endete nicht nur mit der Niederlage. Sie hinterließ eine Erfahrung: »Der augenblickliche Triumph der brutalen Gewalt ist erkauft mit der Vernichtung aller Täuschungen und Einbildungen der Februarrevolution, mit der Auflösung der ganzen alt-republikanischen Partei, mit der Zerklüftung der französischen Nation in zwei Nationen, die Nation der Besitzer und die Nation der Arbeiter.«

Marx entlarvte die »Fraternite«, das schönfärbende Schlagwort aller bürgerlichen Revolutionen Frankreichs, als eine vorgetäuschte Brüderlichkeit, bei der eine Klasse die andere ausbeutet - er bezeichnete den Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital als ihren wahren Gehalt. Vor dieser grundlegenden Tatsache beurteilte er jetzt die Verschiedenheit der Ereignisse des Februar und des Juni 1848: »Die Februarrevolution war die schöne Revolution, die Revolution der allgemeinen Sympathie, weil die Gegensätze, die in ihr gegen das Königtum eklatierten, unentwickelt, einträchtig nebeneinander schlummerten, weil der soziale Kampf, der ihren Hintergrund bildete, nur eine luftige Existenz gewonnen hatte, die Existenz der Phrase, des Worts. Die Junirevolution ist die häßliche Revolution, die abstoßende Revolution, weil an die Stelle der Phrase die Sache getreten ist...«. Ästhetische Kategorien abermals auf die Politik anwendend, verhöhnte Marx die Werturteile der besitzenden Klasse. Er riß der »besten aller Republiken« den Schleier herab: Der Arbeiteraufstand war »häßlich« nach den Interessen und dem Verstand der Bourgeoisie. Er hatte den Vorrang der Reichen, die Herrschaft der Grund- und Kapitaleigentümer angetastet!

Indessen kündeten die Korrespondenzen der europäischen Journale vom Siegestaumel der Besitzenden. Gegen die Demagogie dieses Triumphes schrieb Marx den Arbeitern das Hohelied der revolutionären Demokratie. Die »Neue Rheinische Zeitung« war das erste Presseorgan Europas, das die Pflichten des proletarischen Internationalismus erfüllte. Sie büßte ihre Parteinahme mit dem Verlust aller bürgerlichen Aktionäre. Damit das Blatt für die Revolution in Deutschland erhalten blieb, mußte Marx sein Vermögen opfern.

Fast ein halbes Jahrhundert später hat Engels in einer historischen Rückschau seinen und seines Freundes schwierigen Erfahrungsweg durch die Revolutionszeit von 1848 beurteilt. Er kritisierte ihre frühe Erwartung der proletarischen Revolution: »Die Geschichte hat (...) uns unrecht gegeben, hat unsere damalige Ansicht als eine Illusion enthüllt.« Sie habe bewiesen, daß die kapitalistische Produktionsweise sich noch lange auf einer »sehr ausdehnungsfähigen Grundlage« entwickelte, so daß die Arbeiterrebellion nicht siegen konnte.

Die Geschichte sei sogar noch weiter gegangen, indem sie »die Bedingungen total« umwälzte, unter denen die sozialistische Bewegung wirken müsse: »Die Rebellion alten Stils, der Straßenkampf mit Barrikaden«, sei schlechthin »veraltet«. Jetzt gelte es, neben der täglichen Interessenvertretung auch Wahlrecht und Parlamentsarbeit - die Institutionen der modernen bürgerlichen Demokratie - zu nutzen, um für die Emanzipation der Arbeitenden zu streiten.

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