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Walter Lorenz (56)

Leiter des Arbeitslosenzentrums Königs Wusterhausen und Vorstandsmitglied des Landesverbandes Brandenburg des Arbeitslosenverbandes Deutschland

»Blühende Landschaften« sagten sie und sahen auf ihre Rheinauen. »Ostalgie« nannten sie unser analytisches Denken und unser historisch breiteres Lebensgefühl. Nolte, Lengsfeld, Merkel hielten sie für typisch ostdeutsche Frauen und Späth für geliebt von den Tausenden arbeitslosen Zeisswerkern in Jena.

Deutschland sind wir nun alle, seine Bürger leben in diesem Land von der Oder bis zum Rhein, vom Erzgebirge und den Alpen bis zur Nordsee und Ostsee. Die Schröder-Politik muß sich immer auf das ganze Land in all seiner Vielfalt und Unterschiedlichkeit beziehen. Viel-

falt kann Bereicherung, Unterschiedlichkeit Gestaltungsmöglichkeit sein.

Ein wichtiger, dauerhafter Sieg über die Massenarbeitslosigkeit könnte mit einer klugen Ergänzung, Ausweitung und Neuansiedlung industrieller Standorte im Norden und Osten eingeleitet werden. Dies darf man nicht nur der profitorientierten Wirtschaft überlassen, denn dieser Weg ist bereits gescheitert. Die Anregung und Förderung kann je nach strategischer, bevölkerungspolitischer oder perspektivischer Wichtigkeit unterschiedlich sein. Dies wäre »Aufbau Ost« im Interesse des ganzen Landes. Die jetzt Arbeitslosen würden freudig mitmachen.

Die bisherige Lohnpolitik (sie ist eigentlich gar keine) im Osten stellt für viele Arbeitnehmer schreiendes Unrecht dar. Lohndumping, Billigstlöhne, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, krasseste Formen der Unternehmerwillkür - von ungerechtfertigten Entlassungen bis zu mehrmonatigen Lohnzahlungsrückständen -, weit untertarifliche Zwangsarbeit für Arbeitslose durch Regelungen der Arbeitsämter und der bisherigen Vorschriften des Sozialgesetzbuches III vergrößern die Not und das Elend vieler Familien. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit überall in Deutschland, das muß

Kampfziel der Gewerkschaften sein. Wir müssen sie stärken und ihnen wieder beitreten!

Massive Förderung und Unterstützung der kleinen und mittleren Betriebe unter Berücksichtigung der ostdeutschen Besonderheiten - das würde vor Ort Entlastung auf dem Arbeitsmarkt bringen.

Leider ist nicht sofort mit dem Abbau des Arbeitslosenheeres zu rechnen. Deshalb sollte uns wenigstens die Würde zurückgegeben und den Arbeitslosen und ihren Familien ein angemessener Standard gewährleistet werden. Die kasernenhofähnliche Allmacht der Arbeitsämter als Verwalter von Arbeitslosigkeit und Vormund der Arbeitslosen muß umgehend beseitigt werden. Arbeitsämter müssen wieder in erster Linie als Arbeitsbeschaffer und beratend tätig sein, den Arbeitslosen rechenschaftspflichtig und nicht umgekehrt. Weg also mit der Meldepflicht, dem Bewerbungsnachweis, der Aberkennung der beruflichen Qualifikation, den Tendenzen zur Zwangsarbeit! Schluß mit der Schuldzuweisung an die Betroffenen und der öffentlichen Diskreditierung Arbeitsloser!

Alle mehr oder weniger verdeckten Absenkungen der Höhe und der Dauer des Bezugs von finanziellen Leistungen für Arbeitslose müssen rückgängig gemacht werden. Die Heraufsetzung der Altersgrenzen für die Dauer der Zahlung ist ebenso eine indirekte Kürzung wie die Ausdehnung des Bemessungszeitraums und die vielen anderen beamten-

deutsch schöngefärbten Schweinereien.

Als Einrichtung für Arbeitslose wissen wir sehr genau, daß es ohne einen öffentlich geförderten Beschäftigungssektor, ohne ABM und SAM (Strukturanpassungsmaßnahmen) nicht gehen wird, zumindest einstweilen nicht und schon gar nicht im Osten. Vielleicht werden ein solcher Sektor oder ähnliche Strukturen Bestandteil einer neuen Arbeitsmarktordnung? Setzen wir Hoffnung in Lafontaines kluge Erkenntnisse über die Zukunft der Arbeit. ABM und besonders SAM haben sich bewährt, wenn man Illusionen nicht in Gesetzestexte gießt. Zum ersehnten ersten Arbeitsmarkt führen sie nämlich nur manchmal. Aus der Sicht der vorher Arbeitslosen aber bringen beide Maßnahmen ganz normale Arbeit, deshalb muß Gerechtigkeit bei der Bezahlung, die jetzt untertariflich ist, wieder hergestellt werden.

Die SPD hat völlig richtig erkannt, daß ein positiver Wandel in unserer CDU-FDP-verbogenen Gesellschaft (die CSU lasse ich wegen meiner Sympathie für die Geradlinigkeit der Bayern und Stoiber weg) mit mehr Chancen für die Jugend anfängt, und sie beginnt, wie zu vernehmen, danach zu handeln. Es wird neue Auseinandersetzungen und Kritiken geben. Unsere Unterstützung aber wird jeder Maßnahme und erst recht jedem komplexen Programm der neuen Regierung gehören, das Lernen, Studieren, Ausbildung, Arbeit und Zukunft für junge Leute bringt.

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