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»Mit einem Teelöffel kannst du helfen«

Der Sänger Pete Seeger über McCarthy, schwarze Listen und die Jagd nach Idealen

PETE SEEGER, der legendäre Singer-Songwriter von Welthits wie »We shall overcome«, »Sag mir wo die Blumen sind«, »If I had a hammer«, »Turn turn turn« und »Good Night Irene« lebt heute noch in den gleichen bescheidenen Verhältnissen wie 1950 in Beacon im US-Bundesstaat New York. Dort sprachen mit dem 86-jährigen Sozialisten der Kulturmanager, Liedermacher und Politiker DIETHER DEHM und sein Liedermacher-Kollege MANFRED MAURENBRECHER.
ND: Dein damaliger Manager soll Anfang der 50er Jahre verhindert haben, dass Du und die »Weavers« Dein »If I had a hammer« spielen - um McCarthys antikommunistische »Blacklisters« nicht weiter zu provozieren.

Stimmt. Wir hatten zwar mit »Irene« einen Nr.1-Hit, unterlagen aber allmählich einem vollständigen Radio- und Auftritts-Boykott. Natürlich war es trotzdem falsch nachzugeben. Aber die übrigen »Weavers« wollten ihre wenigen Jobs nicht auch noch verlieren. Deswegen schloss ich mich ihrer Entscheidung an.

Wann fingen die Schwarzen Listen an?

Nun ja, auf eine Weise hat es Schwarze Listen immer gegeben. Woody Guthrie und ich kamen als Linke in kein Radio damals, Woody sang nur noch in Kalifornien in einem sehr kleinen, unabhängigen Sender, der ihn fast alles machen ließ. Das einzige Mal, wo wir breit ins Radio kamen, das war nach Pearl Harbor. Da gab es eine landesweite Ausstrahlung und wir hatten den Song »Round and round Hitler's grave, he won't get up no more«. Aber prompt stand in der nächsten Woche auf der Titelseite einer großen New Yorker Zeitung: »Kommunistische Folk-Sänger versuchen, das Radio zu unterwandern.« Das war der letzte Job, den wir bekamen.
Ich hatte mein ganzes Leben lang mit Schwarzen Listen zu tun. Auch als der Geheimdienst subtiler auf Radio und TV einwirkte. Sicher: Besonders brutal war die Einschüchterung der 50er. Als Künstler genau wie Arbeiter Angst hatten, ihren Beruf zu verlieren und nicht wussten, wie sie ihre Familien ernähren würden. Ich bin da etwas dran vorbei gekommen, indem ich in Schulen und Kinder-Sommerlagern sang und schließlich in Hochschulen. Aber die antikommunistischen Vereine tönten laut »Geht nicht los, um Seeger zu hören«. Manchmal aber war das kostenlose Reklame.

Gibt es heute immer noch Schwarze Listen?

Oh, ich bin sicher, dass die Leute, die das Fernsehen kontrollieren, sehr genau wissen, was sie tun. Ich habe keine Stimme mehr, ich versuche nicht zu singen. Aber sie spielen nicht die Platten von Leuten, wenn diese zum Beispiel für Frieden sind. Es gibt Millionen Amerikaner, die nicht froh darüber sind, dass wir im Irak sind. Aber hörst du davon im Radio, hörst du davon im Fernsehen? Nein, natürlich nicht. Weil das Radio und das Fernsehen kontrolliert sind von denen, die ich höhere Mächte nenne.

Wegen dieses Drucks zerbrachen die »Weavers«, trotz ihrer Hits und großen Erfolge...

...und dann kam ein neuer Manager, Harold Leventhal, zu den »Weavers«, nachdem wir seit drei Jahren nicht mehr zusammen gesungen hatten. Eine Zeit, während der Fred zurück zur Hochschule gegangen war, Ron Gilbert Vater wurde, Lee Hays Kurzgeschichten schrieb. Harold fragte: »Wäret ihr bereit zu einer Wiedervereinigung?« Und wir sagten: »Sicherlich, wenn du denkst, dass du einen Saal finden kannst, der an uns vermietet.« Er bekam Absagen, es hieß, man könne es nicht riskieren, uns auftreten zu lassen. Aber dann ging Harold zur Carnegie Hall, und die sagten dort: »Wenn du das Geld hast, werden wir sie an dich vermieten.« Harold Leventhal wusste nicht, ob dort 100 Leute sein würden oder 200. Stattdessen war es ausverkauft. Fast 3000. Und wir fingen wieder an zu singen.
Allmählich wurde mir meine Familie aber wichtiger als die Band und 1957 schlug ich vor, dass Eric Darling meinen Platz übernehmen sollte. Er war ein alter Freund und ein wundervoller Musiker. Und er konnte einige Stücke viel besser spielen als ich. So sangen die »Weavers« weiter bis 1962, glaube ich.

Waren Deine Welthits - etwa gesungen von Joan Baez, den Birds, Peter, Paul and Mary und Trini Lopez - nicht doch so etwas wie eine kommerzielle Waffe gegen die Blacklisters?

Ich denke, um 1958 kamen Songs von uns wieder in Mode. Peter, Paul and Mary verbesserten »If I had a Hammer«; mit Trini Lopez wurde es dann ein Welthit. Es gab ganz neuartige Aufnahmen von »Where Have all the Flowers gone«. Das Kingston-Trio sang das auch, und Marlene Dietrich übernahm es von denen. Max Colpet machte eine deutsche Version, die sich besser singen lässt als meine englische. Es klingt im deutschen wirklich noch beeindruckender: »Sag mir, wo die Blumen sind.«

Du hast viel musikalischen Widerstand organisiert. Glaubst Du nicht, dass Organisieren dem organischen Feingefühl und der ästhetischen Kreativität eines Künstlers schaden kann?

Nun, Schreiber organisieren Worte. Maler organisieren Farbe. Tänzer organisieren ihre Füße und Beine, schätze ich mal, und viele andere Sachen. Und Musiker versuchen, Instrumente und Stimmen und Noten zu organisieren. Aber ich denke, jeder von uns sollte mehr als das sein. Zum einen sollten wir, falls wir Familien haben, helfen, die Familie zu organisieren. Und wenn wir irgendwo Mitglied sind, haben wir eine Verantwortung. Das will organisiert sein.
Ich denke, wenn es hier in 100 Jahren eine Welt gibt - niemand weiß, ob -, dann nur, weil bis dahin Abermillionen Menschen begriffen haben, wie man selbst ein Organisator des gemeinschaftlichen Organismus ist. Dann werden die Menschen nach ihren Bedürfnissen Arbeit haben, wie Karl Marx das vorausahnte - und sowas will besonders gut organisiert sein: Und dann organisieren die Leute sich mit Rücksicht auf die Natur.

Wurdest Du nicht oft in Richtung fauler Kompromisse und Anpassung an Macht gedrängt, vielleicht sogar auch verlockt, mit den großen Hunden zu pinkeln?

Oh, ich mache jedes Mal Kompromisse, wenn ich meinen Mund öffne. Ich mache Kompromisse, wenn ich versuche zu entscheiden, was ich genau sagen will. Ich mag es nicht, Leute zu beleidigen, ich möchte Leute nicht wütend machen. Und wenn ich vor stets unterschiedlichem Publikum stehe, möchte ich verschiedene Arten von Stücken singen. Meine Schwester Peggy sagt es so: Es gibt einen Unterschied zwischen Kompromissen und Ausverkauf.

Was sind Fehler in Deinem Leben gewesen?

Einige meiner Fehler waren rein musikalisch. Und dann: zu viel zu reisen und von meiner Frau zu erwarten, dass sie drei Kinder großzieht ohne viel Beistand von mir. Sie lebte alleine bei einem Berg und konnte einfach nur hoffen, dass, wenn die Hunde anfingen zu bellen, es nicht irgendein Kerl dort draußen war. Sie ist eine sehr tapfere Frau. Sie macht normalerweise Witze darüber. Sie sagt: »Wenn Pete Frauen hinterher jagen würde, hätte ich eine Chance, ihn zu verlassen. Aber er jagt Idealen hinterher und so bleibe ich bei ihm.« Es gibt einen Cartoon über mich: Eine Frau ist am Telefon und sie hat einen großen Haufen Wäsche vor sich und einen Besen, und ein dreijähriges Kind, das an ihrem Rock zieht, und sie sagt in das Telefon: »Nein, er ist nicht da, er ist weit weg, um die Menschheit zu retten.«

Du überarbeitest gerade Deine Biografie. Was ist Dir besonders wichtig?

Ich will euch eine Geschichte erzählen. Stellt euch eine Wippe vor. Und eine Seite der Wippe ist auf dem Boden, weil dort ein Korb, halb voll mit Steinen hängt. Das andere Ende der Wippe steht hoch in der Luft. Dort ist ein Korb, ein Viertel voll mit Sand. Einige von uns haben Teelöffel und versuchen, mehr Sand in den Korb zu bringen. Die meisten lachen uns aus. Ah, sagen sie, Leute wie ihr haben es jahrhundertelang versucht. Aber es leckt aus dem Korb gerade so schnell, wie ihr es hineintut. Nun, wir sagen: Ihr mögt Recht haben, aber ihr liegt trotzdem falsch, weil immer mehr Leute mit Teelöffeln kommen werden. Und wir glauben, dass eines Tages der Korb so voll sein wird, dass die Wippe in die andere Richtung geht. Schwupp! Und Leute auf der ganzen Welt werden fragen: Wie ist das passiert? Jedenfalls glaube ich, dass du mit einem Teelöffel helfen kannst, egal, wo du bist.

Längst gibt es eine ganz neue Generation von Singer-Songwritern in Deiner Tradition.

Ja sicher, seit den frühen 60ern. Leute wie Bob Dylan und Phil Ochs, Tom Paxton, Joni Mitchell. Erst waren es Dutzende, dann Hunderte, jetzt sind es Tausende. Ich sage immer, dass die Spitze einer Pyramide so hoch ist wie das Fundament breit. Wenn du also viele Leute hast, die Stücke schreiben, wird es einige gute Stücke geben. Vielleicht sind 99 von 100 Stücken es nicht wert, ein zweites Mal gesungen zu werden. Ich sage immer über meine eigene Arbeit, dass ich 20 Ideen für jedes Stück habe, das ich fertig stelle. Und ich brauche 20 fertige Stücke für eins, das es Wert ist, öfter als einmal gesungen zu werden. Aber über eine lange Lebenszeit hinweg und mit Hunderten, sogar Tausenden von Ideen habe ich Glück gehabt, einige wenige Dutzend Stücke zu haben, von denen ich glaube, dass sie vielleicht noch gesungen werden, wenn ich schon tot bin.

Übersetzung: Moritz Botts

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