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Ha Der Balkan braucht statt Bomben einen Aufbauplan

ND-Gespräch mit dem Konfliktforscher Matthias Z. Karädi

Der Vermittlungsversuch des russischen Premiers Jewgeni Primakow ist gescheitert. Bestehen überhaupt noch Verhandlungschancen ? Wir sprachen mit Matthias Z. Karädi, Balkan-Experte am Friedensforschungsinstitut der Hamburger Universität.

Foto: Reuters

Kosovo-albanischer Exodus Richtung Mazedonien

? Ein »respektabler Vermittlungsversuch« Primakows, so war aus Bonn zu hören, Ergebnis aber völlig unzureichend. Eine berechtigte Ablehnung?

Sicher gingen die Zugeständnisse von Milosevic nicht weit genug.

? Aber die NATO macht den Eindruck, als würde sie unterhalb der Kapitulation ohnehin nichts akzeptiern.

Daß Belgrad keine NATO-Truppe als Friedensbringer im Lande zulassen will, kann man nach diesen Bombardements verstehen. Aber warum nicht eine UNO-Truppe, warum nicht Generalsekretär Kofi Annan einschalten? Warum keine Schutzzone für die Flüchtlinge? Denn am wichtigsten ist jetzt, in Kosovo das Töten schnellstmöglich zu beenden. Und das wird nur mit internationaler Präsenz gehen - aber es wäre ein großer Fehler, wenn die sich auf die NATO beschränkte.

? Schon einmal, im Herbst vergangenen Jahres, hat Belgrad seine Truppen aus Kosovo zurückgezogen - postwendend besetzte die UCK die Stellungen.

Das ist ja eines der Probleme. Man muß zugleich die UCK-Kämpfer entwaffnen 'Uhä 'natürlich auch' 'die' serbische“ Minderheit im Kosovo schützen.' 1 ' “

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? Die NATO wollte Belgrad zur Unterschrift unter den Vertrag von Rambouillet zwingen. Aber ist der nicht längst hinweggebombt worden?

Die NATO ist mehreren Fehlschlüssen aufgesessen. Die Hoffnung auf eine Art Putsch gegen Miloseviv hat sich nicht erfüllt. Im Gegenteil, seine machtpolitische Position ist durch die Luftangriffe eher gestärkt worden. Vor allem aber wollte man ja eine humanitäre Katastrophe verhindern - die NATO jedoch hat die Lage nur noch verschärft. Im Schatten ihrer Kampfflugzeuge vollzieht sich eine ethnische Säuberung. Also Rambouillet ist Makulatur. Der Verbleib Kosovos in einem jugoslawischen Staatenverbund wird inzwischen in Frage gestellt. Seit längerem schon gibt es Teilungsoptionen, die jetzt zunehmend diskutiert werden.

Danach könnte allein der nördliche Teil b^i,Serbien,bleiben, 11

? Die Kosovo-Albaner, aber streben die volhtändigeJJnabhängigkeit an. \\. ?,.

Das ist die Maximalforderung. Es war ja auch erheblicher Druck notwendig, ehe sie das Abkommen von Rambouillet mit der vorläufigen Autonomiestufe akzeptiert haben. Nur - was bleibt ihnen eigentlich übrig? NATO-Generalsekretär Solana sprach davon, man werde auch bis Ende April weiter bomben. Und wenn die Flüchtlingszahlen weiter so zunehmen, dann wäre in vier Wochen in Kosovo kein Albaner mehr vorhanden, den man schützen könnte.

? Doch ob geteilt oder ganz - ein möglicher Kosovo-Staat wäre doch gar nicht lebensfähig.

Richtig. Deshalb stellt sich ja die Frage, ob das die Aufgabe der neuen NATO sein kann, in ganz Südosteuropa ein Protektorat nach dem anderen zu errichten. Denn das wäre das Ergebnis, würde diese

Politik fortgesetzt. Mazedonien ist angesichts der Flüchtlingssjtrßme im .Grund^., schon nicht mehr überlebensfähig. Älbanjgjk ohnehin alles än^ere^ls stabil,vh.|| die gleichen Probleme. Zwischen Montenegro und Serbien bahnt sich der nächste Konflikt an. Und wenn man einen Teil Kosovos vielleicht an Albanien anschlie-ßen wollte, stellt sich natürlich gleich die Frage, mit welchem Recht kann man den bosnischen Serben verwehren, was man den Albanern zugesteht. Also da würde man dieses ganze fragile Staatsgebilde Bosnien-Herzegowina wieder in Frage stellen.

? Die Liste ließe sich erweitern: Bulga rien wäre betroffen, Griechenland...

Es besteht in der Tat die große Gefahr daß der gesamte südliche Balkan desta bilisiert wird.

? Aber das kann doch kaum der Masterplan der NATO für ihre Südost-Flanke sein. Paart sich hier machtpolitische Arroganz mit strategischer Dummheit?

Offensichtlich. Ich kann jedenfalls kein sinnfälliges Konzept erkennen, nur eine völlig verfehlte Politik.

? Was wäre die Alternative?

Der Hauptfehler, der auf dem Balkan nach dem Ende des Ost-West-Konflikts gemacht wurde, ist sicher die Zerschlagung des jugoslawischen Vielvölkerstaates. Man braucht jetzt dringend eine Form der Reintegration, man muß diesen Ländern eine Perspektive bieten. Man schaue sich doch nur einmal die Kosten für die NATO-Luftangriffe an, da wird mit 500 Millionen DM pro Tag gerechnet. Was hätte man mit diesen Geldern, mit den Mitteln, die man für Truppenstationierungen, für die Aufnahme und Versorgung von Flüchtlingen ausgeben muß, im Vorfeld nicht alles an wirtschaftlicher Stabilisierung der Region leisten können?

? Sie schlagen also eine Art Marshallplan für den Balkan vor?

Ein Marshallplan für den Balkan, der natürlich unglaubliche Summen kosten wird, aber im Endeffekt immer noch billiger kommen dürfte als das, was sich jetzt abzeichnet: Kleinststaaten, die nicht überlebensfähig sind, die im Grunde Quasi-Protektorate sind wie Bosnien, oder wie es sich jetzt auch im Falle Kosovos abzeichnet, die am Tropf der westlichen

Gemeinschaft hängen, von IWF und Weltbank abhängig sind.

? Doch mit wem will man denn in Belgrad verhandeln - Milosevic ist doch ein »Kriegsverbrecher« und »Völkermörder«?

Völlig berechtigte Frage. Aber man wird mit ihm verhandeln müssen, weil es jetzt weniger um irgendeine Glaubwürdigkeit der NATO geht, sondern darum, umgehend die Vertreibung und das Morden in Kosovo zu beenden. Und dazu braucht es erst einmal einen Waffenstillstand.

Fragen: Olaf Standke

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