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Ideal Europa eine Illusion?

Lojze Wieser

Verleger

Gründete 1987 den Wieser Verlag Klagenfurt, der sich besonders intensiv der Literatur Südosteuropas widmet

Foto: Schindler

? Wie beurteilen Sie die ethnischen Säuberungen, die derzeit in Kosovo stattfinden?

Als Konsequenz dessen, was in diesem Jahrhundert in Europa gang und gäbe war. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden 1 200 000 Griechen aus der Türkei ausgesiedelt, 120 000 Bulgaren aus Griechenland und umgekehrt 50 000 Griechen aus Bulgarien, 200 000 Türken aus Rumänien, Bulgarien, Jugoslawien, 400 000 Ungarn aus Rumänien, Bulgarien, Jugoslawien und so weiter. Nach dem Zweiten Weltkrieg gingen die Vertreibungen weiter Darin liegen ja auch die Wurzeln der Unsicherheit, mit heutigen Konflikten umzugehen.

? Unsicherheit? Ist es nicht eher selbstsicher, wie die Medien tönen, man müsse auf Milosevic Druck ausüben.

So notwendig es ist, den Diktator in die Schranken zu weisen, so katastrophal ist es, wenn man nicht weiß, was man tut in einer Region mit einer so großen Zahl von Minderheiten. Bekommt jede einen Staat? Da haben wir am Ende lauter Fürstenhöfe! Im Westen wird die Radikalisierung beklagt. Aber man hat doch in den letzten zehn Jahren nicht auf die demokratischen, sondern auf die natio-

nalistischen Kräfte gesetzt. Und das aus eigenen machtpolitischen Interessen.

? Sehen Sie Lösungswege?

Ein Umdenken ist erforderlich - hin zu einer Form des Zusammenlebens, in der sich Kulturen, Sprachen und Menschen unabhängig von Staatsgrenzen entwickeln können.

? Da denke ich an die Idee vom europäischen Haus, mit der einst Gorbatschow durch die Lande reiste. Ist dies nicht vollends zur Illusion geworden?

Es hat in den 80er Jahren reale Chancen für eine demokratische Ordnung in Europa gegeben, doch dazu hätte man neue Gesellschaftsformen entwickeln und Erfahrungen der vergangenen 50 Jahre in Ost und West mit verarbeiten müssen, siehe Blockfreienbewegung.

? Aber als das Gleichgewicht der Kräfte weg war, ging sofort der Kampf um die Neuaufteilung von Machtsphären los.

Der Krieg verstößt eindeutig gegen die UNO-Charta. Ich fürchte, daß er langwierig wird und daß es in mancherlei Hinsicht zu einer Globalisierung kommt.

? Was wollen Sie dagegen mit einem Buchprogramm ausrichten, das geistige Grenzen aufheben will - in einer Zeit, in der reale Grenzen gezogen werden?

Man hat mir schon eine Briefbombe und mehrere Morddrohungen geschickt. Aber als Verleger habe ich nicht nur die Aufgabe, bedrucktes Papier zwischen Buchdeckel zu stecken, ich habe Inhalte zu vermitteln. Zum Beispiel durch die Buchreihe »EUROPA ERLESEN« oder ein Projekt wie die 20bändige »Enzyklopädie des europäischen Ostens«, deren Veröffentlichung im Jahr 2000 beginnt. Gerade weil es im Schatten des Krieges zu Verhärtungen, ja Spaltungen kommt, ist es wichtig, Verständigung zu pflegen. Dies ist politisch, da braucht es keine politisch monotone Sprache. Im Gegenteil. Maß muß auch nicht dauernd nur reagieren, man muß agieren. Was halten Sie von der Idee, wenn das ND jetzt jeden Tag ein Gedicht vom Balkan bringen würde? Das wäre ein Tropfen, der käme zum Klingen.

Fragen: Irmtraud Gutschke

Übrigens haben wir bereits seit Dienstag Löjze Wiesers'Vorschlag atifö'egriffen^' ''

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