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  • Politik
  • Denken und Gedenken an Erich Ohser aus Plauen

Der Kontrakt des Zeichners

  • Von Harald Kretzschmar
  • Lesedauer: 5 Min.

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Porträt von Albert Schaefer-Ast (Feder in Blaugrau, 1943)

Foto: Archiv

Es gibt Gedanken, die sind allzu geläufig. Erich Ohser ist gleich e.o.plauen ist gleich die Büdgeschichte der 30er Jahre «Vater und Sohn». Schmunzeln, gerührt sein, fertig. Es gibt ein Gedenken, das ist allzu üblich. Der Zeichner Ohser nahm am 6. 4. 1944 in der Gefängniszelle den Strick, die sichere Aburteilung durch Hitlers Chefinquisitor Freisler vor Augen. Der Grund für seine Verhaftung: Er war denunziert worden, weil er politische Witze erzählt hatte. Erschrecken, Betroffenheit zeigen, fertig. Ist das nicht zu billig?

Nachdenkenswerter als dieses abrupte Ende eines hoffnungsvollen Zeichnerlebens nach nur 41 Jahren: das Voraufgegangene und das Hinterhergeschehene. Ohser war immer in guter Gesellschaft. Es waren zwei Erichs, die Opfer des Witzemachens wurden. Der Ohser war der Schlosser aus Plauen gewesen, der Knauf der Schriftsetzer aus Meerane. Der eine studierte die graphischen Künste, der andere wirkte politisch als Redakteur, als sie den dritten Erich kennenlernten. Den angehenden Lehrer Kästner aus Dresden. Eine seltene Freundschaft entstand. Und Mitte der 20er Jahre eroberten drei sozialdemokratische sächsische Proleten die literarische Szene der Reichshauptstadt. Sachsen nach Berlin - wie wir sehen, eine alte Sache.

Knauf bestimmte das literarische Profil der sozialistisch orientierten Büchergilde Gutenberg. Kästner schrieb politische Satire und bald auch herzerfrischenden Humor für Kinder. Ohser illustrierte für beide. Außerdem zeichnete er für den sozialdemokratischen «Vorwärts» und die «Neue Revue» gegen die aufkommenden Nazis. Als diese 1933 an die Macht kamen, verbrannte er aus Furcht vor Haussuchungen diese Blätter. Allzu naiv. Die Verfolger holten alle drei Erichs ein. Nicht nur mit Repression als Berufsverbot, Bücherverbrennungen und für Knauf als KZ-Haft. Nein. Hier wurde nicht nur das kleine Einmaleins des Kirremachens gezählt.

Jahrzehnte haben wir gebraucht, die Dialektik des großen Einmaleins des großen Bluffers Goebbels zu durchschauen. Er winkte manchem, den Himmler schon auf der Todesliste hatte, mit dem Kontrakt. Knauf und Kästner mit dem Vertrag, für Schlagerbranche oder Ufa Unterhaltsames zu machen. (Stichworte «Heimat, deine Sterne» und «Münchhausen»). Ohser mit dem Kontrakt des Zeichners. Fortan nur noch unter Pseudonym: e.o.plauen oder kurz e.o.p. Als von 1935 bis 1937 die im Gegensatz zum US-Comic wortlose Bildserie «Vater und Sohn» ein riesiges Publikumsecho fand, schrieben Kinder an den Schöpfer. «Lieber Herr Plauen», hieß es da bereits. Die Serie wurde hemmungslos vermarktet. Bis zum Jagdfliegermaskottchen.

Und es kam noch schlimmer. 1940 winkte der nächste Kontrakt. Diesmal nicht soft. Diesmal hard. Wieder politisch zeichnen! Welche Verführung für eine solch ätzend scharfe Feder... «Das Reich» war als Wochenzeitung mit intellektuellem Anspruch konzipiert. Kluge, unangepaßte Redakteure. «Die Zeit» hat Konzept und Layout nach 1945 für die Demokratie nutzbar gemacht. Goebbels' Zeichner: erik gleich Hanns Erich Köhler, Kunstprofessor aus Reichenberg im «Sudetengau», stramm parteitreu. Und: e.o.p. Gute Freunde, wie der Kommunist Hermann Henselmann, warnten vor dem Wahnsinn. Dennoch, das ist so paradox wie wahr: e.o.p. zeichnete genial. Es gibt keinen Grund, diese Zeichnungen heute nicht zu betrachten, wenn man die Fotos der Riefenstahl...

Zweites Kapitel. Danach. Die Sozialdemokratie hatte nach 1945 andere Sorgen als sich ihrer früheren künstlerischen Mitstreiter zu erinnern. Und die DDR? Lupenreine kommunistische Lebensläufe und klarer Antifaschismus waren gefragt. Weder in seiner sächsischen Heimat noch in seinem Berliner Wirkungsfeld krähte ein Hahn nach ihm. Ohser lebte nur in den schnurrigen Anekdoten, die seine Künstlerfreunde Schaefer-Ast, Sturtzkopf und Henselmann zum besten gaben. Die einzige Publikation blieb die broschierte «Vater und Sohn»-Ausgabe des Eulenspiegel-Verlages von 1965. Es war nicht nur die Armut an Devisen, die an Witwe oder Sohn zu zahlen gewesen wären, die eine große Ausstellung oder Buchpublikation verhinderte. Die es nun bis heute noch nicht in der Region von Ohsers Herkunft und Wirken gegeben hat.

Erich Kästner tat von München aus einiges, das Andenken an den Freund wachzuhalten. Ein Ehrenblatt gebührt Friedrich Bohne aus Jena. Kurz nachdem er Direktor des Wilhelm-Busch-Museums in Hannover geworden war, richtete er 1962 eine wunderschöne Ohser-Ausstellung ein. Dann war lange Ruhe. In den 80er Jahren entdeckten endlich die Linken um Achim Schnurrer «ihren» Ahnen wieder. Und erarbeiteten eine Wanderausstellung durch Nordrhein-Westfalen. Weit entfernt von Berlin setzten sich die Aktivitäten fort. In den 90er Jahren erst Stuttgart, dann Wilhelmshaven. Erwerb großer Teile des Nachlasses.

Am 3. Oktober 1993 gründet der Sohn Christian Ohser mit dem Oberbürgermeister Rolf Magerkord die e.o.plauen-Gesellschaft in Plauen. Ziel ist, «die Erinnerung an das Werk und Wirken des Zeichners Erich Ohser wachzuhalten» und «in seinem Sinne fortzuwirken». Das ist immerhin etwas. Nur: Die Ausstellungen in der winzigen e.o.plauen-Galerie haben zu wenig Ausstrahlung. Und der 1995 erstmalig an F.K. Waechter verliehene e.o.plauen-Preis ist zu elitär konzipiert. 1997 ging er als «Nachwuchspreis» an die bereits als Professorin etablierte Anke Feuchtenberger Und dieses Jahr im Mai erhält ihn Paul Flora, der bereits vielgerühmte und reichdekorierte Altmeister aus Innsbruck.

Mit dieser Auszeichnung schließt sich (für die vorschlagenden Jurymitglieder sicher unbeabsichtigt) ein Kreis. Flora war lange Jahre der Starzeichner in «Die Zeit», so wie Ohser für «Das Reich». In denselben Jahren brillierte «Reich»-Zeichner erik alias H. E. Köhler als zeichnerischer Kolumnist der «Stuttgarter Zeitung» und der «FAZ» - völlig unangefochten. Das Meer der Heuchelei scheint partiell trockengelegt. Ein Tabu über einen Teil von Ohsers Lebenswerk zu legen, ist verfehlt. Bitteschön: Was hindert uns, über die heiteren und so scharf beobachteten Blätter Ohsers zu jubeln und einen Teil der politischen kritisch zu werten?

Werner Klemke schrieb 1965: «Ohsers temperamentvoller, gespannter und etwas krakeliger Strich hat stark auf die nachfolgende Zeichnergeneration eingewirkt. Weniger seine Gewohnheit, viel und regelmäßig Akt- und Naturstudium zu treiben». Diese teils anerkennenden, teils mahnenden Worte blieben nicht wirkungslos. Karl Schrader war einer dieser (aufs Aktzeichnen geradezu versessenen) Ohser-Verehrer Und viele, die wie Ohser und Schrader an der Leipziger Graphik-Hochschule Zeichnen «gelernt» haben, sind aus gleichem Holz geschnitzt. Und dieser von ganz Deutschland heimlich bewunderten Zeichnerkultur sollte es nicht gelingen, in Leipzig oder Berlin endlich die längst fällige Ohser-Ausstellung zu veranstalten?

Ohser war ein so großartiger Zeichner. Er hat den «Umweg über die Popularitätshascherei seines unfreiwillig angenommenen Pseudonyms nicht nötig.

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