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»Zuinnerst freier Mann«

Siegfried Jacobsohn gündete die »Schaubühne« vor 100 Jahren

Er hatte gerade seinen neunten Geburtstag gefeiert, als er zum ersten Mal im Theater saß. Man spielte den »Wilhelm Tell«, er sah ergriffen zu und verließ das Königliche Schauspielhaus in Berlin mit tränennassen Augen. Der Abend entschied über sein Leben. Fortan gehörte dem Theater seine leidenschaftliche Liebe. Mit fünfzehn wusste er schon, dass es für ihn nur einen einzigen Beruf gab: Theaterkritiker. Die Schule verließ er vorzeitig, um im Oktober 1897 an die Berliner Universität zu wechseln (wo man damals ohne Abitur acht Semester lang an der Philosophischen Fakultät studieren konnte). Seine besten Stunden verbrachte er, wenig entzückt vom Wissenschaftsbetrieb, im Zeitschriftensaal der Bibliothek, vertieft in die Theaterkritiken der »Vossischen Zeitung«. 1901 wurde er Redakteur der »Welt am Montag», im Jahr darauf noch Theaterkorrespondent der Wiener Tageszeitung »Die Zeit«. Er schrieb ein Buch über die Berliner Bühne, geriet 1904 in eine Plagiatsaffäre, ging für ein halbes Jahr nach Wien, später nach Triest, Pisa und Paris und kam Ende Mai 1905 zurück mit dem Vorsatz, eine eigene Zeitschrift zu gründen. Er hatte kein Geld, aber er kannte zwei Männer mit bedeutenden Namen, die ihn unterstützten und die den Banken zuverlässig erschienen: Hermann Bahr und Arthur Schnitzler. Im September 1905 erschien sein »Blättchen«, »Die Schaubühne», zum ersten Mal. 1918 wurde »Die Weltbühne« daraus. Siegfried Jacobsohn, 1881 geboren, von Freunden und Mitarbeitern nur S. J. genannt, war einer der berühmtesten Redakteure, die in Berlin lebten, geschätzt, bewundert und geliebt, ein Mann, der für die roten Hefte lebte und beinahe alles allein machte, streng, besessen und souverän, ein brillanter Kopf und glänzender Autor, neben Alfred Kerr und Herbert Ihering einer der führenden Kritiker, die über das Theatergeschehen in der Stadt berichteten. Sein Name stand noch zuletzt auf den Umschlägen der »Weltbühne«, aber das Bild, das wir von ihm hatten, war ziemlich unscharf, seine Leistungen als Publizist nahezu unbekannt. Vor langer Zeit, 1965, hatte Walther Karsch in der kurzlebigen Paperback-Reihe des Rowohlt-Verlages eine Auswahl der theaterkritischen Schriften herausgegeben, ein Büchlein von knapp 300 Seiten, doch die Sammlung, ohnehin in bescheidener Auflage verbreitet, war rasch vergessen. Es dauerte bis 1989, ehe erneut ein Buch von ihm in die Regale kam, diesmal ein Band mit seinen Briefen an Kurt Tucholsky, ans Licht geholt von Richard von Soldenhoff, das Eindrucksvollste, was es bis dahin von ihm zu lesen gab. Viel Glück hatte allerdings auch dieses Buch nicht. In den Turbulenzen, die dem Mauerfall folgten, war es leicht zu übersehen. Zehn Jahre später gab's dann, verfasst von Stefanie Oswalt, sogar eine erste Jacobsohn-Biografie. Sie ist, von der Kritik kaum wahrgenommen, inzwischen vergriffen. Und nun, 100 Jahre nach Gründung der »Schaubühne», die Überraschung: Fünf Bände »Gesammelte Schriften«, ausgewählt und kommentiert von Gunther Nickel und Alexander Weigel, präsentieren die wichtigsten Teile eines Werks, das man so kompakt noch nie sah. Und ein Werk ist's ja tatsächlich, was da zwischen 1900 und 1926, seinem Todesjahr, entstanden ist, auch wenn er selber, erschrocken über das große, viel zu schwere Wort für seine Tagesschriftstellerei, abgewinkt hätte. Aber mehr als 2000 Kritiken und journalistische Beiträge, die er in der »Schaubühne», der »Weltbühne« und in Tageszeitungen veröffentlicht hat (von denen rund 430 jetzt in den fünf Büchern stehen), sind kein Pappenstiel. Und die Zahl sagt ja noch nichts über das Gewicht dieser Texte, ihren Rang, ihren besonderen Ton und Glanz. Für Jacobsohn, diesen noblen jüdischen Intellektuellen, gab es nichts Wichtigeres als das Theater - und sein »Blättchen« natürlich. Wenn er lobte, und er lobte mit hellem Vergnügen, dann tat er's, weil er mit seiner Freude die Leser anstecken wollte, und wenn er tadelte, war immer auch sein Leiden zu spüren, die Enttäuschung über eine vergebliche Hoffnung. Er beschrieb, was er auf der Bühne gesehen hatte, deshalb auch so anschaulich wie möglich. Was ihm nicht gefiel, wurde rigoros verdammt, manchmal gleich im ersten Satz, aber wenn er mit kräftiger Stimme Ja sagen konnte, dann verstand er sich, mitgerissen vom Glückserlebnis, auch aufs Schwelgen. Er verehrte die Klassiker, und er stritt vehement für die Zeitgenossen, für Wedekind und Sternheim und auch für den jungen Brecht, den er 1924, als er »Im Dickicht der Städte« gesehen hatte, einen »Zauberkünstler« nannte. Er war, schrieb Alfred Polgar nach dem überraschenden Tod Jacobsohns mit 45 Jahren, »ein zuinnerst freier Mann« mit dem Mut zu seiner Wahrheit, »fähig des bittern Ernstes und der süßen Heiterkeit«. Seiner Kritik ging das Sinnliche deshalb auch nie verloren. Er wollte nicht, wie Kerr, kleine, raffinierte Kunststücke liefern. Effekthascherei war ihm fremd. Was vor allem zählte, war die Klarheit des Gedankens. Kurt Tucholsky, sein größter Bewunderer, hat erzählt, wie S. J. ihn einmal auf eine Stelle in seinem Manuskript aufmerksam machte und fragte, was er denn habe sagen wollen, und wie er, der Verfasser, daraufhin umständlich erklärte, was er gemeint habe, bis Jacobsohn ihn mit den Worten unterbrach: Dann sag's. »Er war unerbittlich«, resümiert Tucholsky, »er ließ nicht nach, mogeln galt nicht...« Diese fünf umsichtig und liebevoll edierten Bände, die endlich die überfällige und intensive Begegnung mit diesem außergewöhnlichen Kritiker ermöglichen und damit auch ein Stück Berliner Theatergeschichte nachzeichnen, gehören zu den Editionen, auf die wir ja heutzutage, skeptische Beobachter des Buchmarkts, kaum noch zu hoffen wagen. Welcher Verlag traut sich denn, so etwas zu drucken? Bücher, für die sich bloß eine Minderheit interessiert. Bücher, die nichts einbringen und die man sowieso nur noch verlegen kann, weil man Förderer, sprich: Geldgeber auftreiben konnte. Zum Glück gibt es sie noch, diese Verlage. Wallstein in Göttingen ist so ein Unternehmen, das unbeirrt seinen Kurs hält und vom anspruchsvollen Programm nicht lässt, das (sehen wir einmal nur auf die Literatur) mit großartigen Editionen aufwartet, hochrangigen Ausgaben, die außerdem den Vorzug haben, dass sie erschwinglich sind. Zu den sensationellen Tagebüchern der Thea Sternheim, zu Christian Wagner, Gertrud Kolmar, Hugo Ball oder Karl Kraus gesellt sich nun Siegfried Jacobsohn, der Theaternarr, der nichts anderes als Kritiker sein wollte und der, von der »Weltbühne« beansprucht, seine Arbeit fürs Theater erst drosselte, als die Politik sich immer stärker ins Zentrum seines Daseins drängte. Hier, in dieser fabelhaften Ausgabe, die am Schluss noch mit einer kommentierten Bibliografie und umfangreichem Register dient, hat man Siegfried Jacobsohn ganz: den Theatergänger und Theaterpolitiker, den Mann, der die legendären »Antworten« für sein »Blättchen« erfand, und den Publizisten, der sich, wenn es nottat, auch als Zeitkritiker zu Wort meldete. Siegfried Jacobsohn: Gesammelte Schriften 1900-1926. 5 Bde. Hg. u. komm. v. Gunther Nickel u. Alexander Weigel. Wallstein Verlag. 2668 S., geb. im Schuber, 149 . Ausstellung im Tucholsky-Literaturmuseum Rheinsberg: »Mit Haß und Liebe - Ansichten zur Weltbühne«, bis 13.11. Di-So 9.30-12.30 u. 13-17 Uhr.

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