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»... Blinde geführt von Irren«

»König Lear« als gelungener Spielzeitauftakt in Schwerin

Da ist dieser Satz, gesprochen von Graf Gloster (überzeugend Gottfried Richter) in der ersten Szene des vierten und letzten Aktes der Schweriner Inszenierung von Shakespeares »König Lear«. Der Satz lautet »Das ist die Zeit. Blinde geführt von Irren.«. Der geblendete Gloster sagt den Satz zu seinem Sohn Edgar, der ihn führt und als »armer irrer Tom« dahinvegetiert (David Emig). Aber ein Auflachen im Publikum zeugt davon, dass nicht wenige Zuschauer diesem Satz eine ganze andere, ironische Bedeutung zuerkennen, auf die heutige Zeit bezogen. Obwohl Regisseur Peter Dehler die vielleicht dunkelste der Shakespearschen Tragödien, die in sagenhafter Vorzeit spielt, in einer Art Zeitlosigkeit entwickelt. Er vertraut auf die Kraft des Wortes und auf die unerhörte Geschichte zwischen Wahn und Wirklichkeit, in der Sehende blind sind und Blinde sehend. Und da scheint etwas Dialektik mitzuschwingen in diesem »Lear«, für dessen Inszenierung man übrigens auf die Fassung des wichtigen, nicht unumstrittenen Shakespeare-Übersetzers des 20. Jahrhunderts, Hans Rothe, zurückgegriffen hat. Und: Dehler hat Glück mit einem Lear, mit dem sich ein Schweriner Urgestein, der Schauspieler Horst Rehberg, einen Traum erfüllt. Rehberg spielt mit großer Ausdrucksstärke den alten Mann, der müde ist zu herrschen und zu regieren, der nur noch von einem (Ruhe-)Schloss zum anderen ziehen will und daher seine Ländereien aufteilt. Man kann den Wandel des einst Mächtigen zum mächtig Wahnsinnigen miterleben - bis zu jenem Wendepunkt des Stücks, da er scheinbar völlig irre so klar und hellsichtig ist wie kaum je zuvor. Da hat er allerdings auch seine tote Tochter Cordelia (ein guter Mensch: Berit Totschnig) auf dem Schoß. Ihr hatte der einst mächtige König, der nach der Liebe seiner Kinder fragte, nicht geglaubt, dass sie weder schmeicheln wolle noch könne. Auch das ist zeitlos. Mächtige wollen umschmeichelt werden und sind - um es in heutigem Business-Deutsch zu formulieren - oft genug »beratungsresistent«. Da helfen weder alte, noch unverblendete Freunde vom Schlage eines Grafen von Kent (eindrucksvoll Jörg Zirnstein) noch Narren. Dieser von Schnabelschuhen bis Narrenkappe ganz in unschuldiges Weiß gekleidete Weise (Kostüme: Franziska Just) wird von einer Frau gespielt: hervorragend Bettina Schneider. Dieser Narr, der alle Geschehnisse gleichsam in einer Parallelhandlung wie ein Kommentator begleitet, ist neben der künstlerischen Leistung von Rehberg vielleicht die Entdeckung der Inszenierung. Das Bühnenbild von Olaf Grambow schafft zurückhaltenden Raum für die archaischen Auseinandersetzungen zwischen Getreuen und den Ungetreuen. Nils Brück als der Bastard Edmund: eine Absage an jegliche schwarz-weiß-Charakteristik und trotzdem eindeutig. Er lässt hinter die Maske schauen. Schauerlich und faszinierend zugleich.. Dehler setzt auf starke, auf ausdruckstarke Bilder. Da fühlt man sich als Zuschauer des abschließenden, als Showdown mit Zerrhacker-Effekten inszenierten Zweikampfes zwischen Edmund und Edgar nicht zufällig an einen Kinofilm erinnert. Verstärkt wird dieser Eindruck durch Soundtracks (Musik: Thomas Möckel). Der Schweriner »König Lear« hat Format. Nächste Aufführung: 1. Oktober

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