Berlin, Stunde Null

Die Tagebücher des Wladimir Gelfand

  • Von Sabine Neubert
  • Lesedauer: ca. 3.0 Min.
Mit dem Deutschlandtagebuch der Jahre 1945/1946 des Wladimir Natanowitsch Gelfand legt der Aufbau-Verlag ein außergewöhnliches Dokument vor. Es sind Teile des Original-Tagebuchs, das der junge Offizier der Roten Armee während der Kriegs- und Nachkriegszeit fast täglich geschrieben hat. Dank dieser intimen Aufzeichnungen sind erstmals in deutsch authentische »selbstentblößende« Kriegs- und Nachkriegsschilderungen zu lesen, die aus der Sicht der »Feinde/ Sieger/ Befreier« (so der Begleittext) die letzten Kriegswochen und die Monate danach im zerstörten Berlin detailliert schildern. »So weit konnten wir noch nie in die Gedankenwelt eines Siegers vordringen,« schreibt die Herausgeberin im Vorwort. Aber war Wladimir Gelfand wirklich ein Sieger? Im Jahre 1942 hatte sich der neunzehnjährige ukrainische Jude freiwillig zur Roten Armee gemeldet und bis zum bitteren Ende das grauenvolle Kampfgeschehen mit- erlebt, lange in vorderster Linie als Kommandant eines Granatwerferzuges. Der sensible junge Offizier litt sehr unter dem Gebaren der verrohten Kameraden und vor allem der Vorgesetzten, die sich vor den Kampfeinsätzen drückten und Orden kassierten. Das Soldat-Sein wurde ihm zunehmend verhasst. So sind seine Notizen auch als Anti-Kriegsbuch zu lesen. Ende April kam Gelfand nach Berlin. Nach der Kapitulation wurde er Stabsoffizier; man schob ihn hin und her. Die Hoffnung, bald in seine Heimat zurückkehren zu können, erfüllte sich erst im September 1946. Wladimir Gelfand war stolz und mitleidlos gegenüber dem faschistischen Deutschland, das seiner Heimat und seiner Familie so viel Unrecht zugefügt hatte, und doch wusste er zu differenzieren. In einem Gutshaus vor Berlin rettete er in den letzten Kriegstagen eine kleine Goethe-Büste vor der Zerstörung durch marodierende Kameraden mit den Worten: »Genies können nicht mit Barbaren gleichgesetzt werden, und ihr Andenken zu zerstören ist für einen zivilisierten Menschen eine große Sünde und eine Schande.« Nach Kriegsende erkundet der junge Offizier Berlin, er lernt Rad fahren und fotografieren. Die aus der Zeit erhalten gebliebenen Fotos zeigen einen nachdenklichen jungen Mann mit Neugier und Melancholie in den »Samtaugen«. Nach Liebe ausgehungert, sucht er die Nähe von Frauen, die ihm durchaus auch zugeneigt sind. Gewalt ist ihm fremd. Er mischt wie alle mit im üblichen Schwarzhandel, ohne sich dabei zu bereichern. Zunehmend denkt er in Sehnsucht und Sorge an die Heimat. Als er endlich entlassen wird, verlässt er Deutschland »mit Freude«, »das Leben ist hier einfach nur lustig, sorglos, billig, schrill und schwatzhaft«. Während der ganzen Zeit hat der »Schöngeist« Wladimir Gelfand auch Gedichte und Kurzgeschichten geschrieben. Seinen Plan, einen objektiven Kriegsroman zu verfassen - dazu sollten die Aufzeichnungen dienen - konnte er nicht verwirklichen. Ein sehr eindrückliches und prägnantes Beispiel dafür, wie die harsche Geschichte auch später über sein persönliches Leben hinweggegangen ist, findet sich im Buch: Im Sommer 1945 berichtet er voller Stolz, dass er eine Inschrift an den Reichstag und an die Siegessäule in Berlin angebracht habe: »Ich schaue und spucke auf Deutschland/ Auf Berlin, das besiegte, spuck' ich.» Das aber wollte dann später keiner mehr so hören. Aus dem Jahre 1975 gibt es aus seiner Feder einen Zeitungsartikel mit dem Titel »Der Sieg in Berlin«. Darin klingen die Sätze nun anders: »Schau her, hier bin ich, Sieger über Deutschland/ In Berlin habe ich gesiegt.« Aber ein Sieger ist Wladimir Gelfand nie gewesen. Erst seine zweite Frau und der Sohn, die heute in Deutschland leben, haben die Aufzeichnungen mit hierher gebracht und zur Veröffentlichung frei gegeben. Elke Scherstjanoi gibt durch Auswahl und Kommentierung Einblick in das tragische Leben des jüdischen Intellektuellen, der 1983 in Dnepropetrowsk als Berufschullehr...

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