Herausragender Zeuge der Victoriastadt

Vom Industriedenkmal Schrotkugelturm an der Nöldnerstraße in Lichtenberg bietet sich ein imposanter Ausblick

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: ca. 3.5 Min.
Durch ein geweißtes Treppenhaus, von dem Wohnungen abzweigen, steigt man aufwärts. Der Schrotkugelturm selbst in der Nöldnerstraße 15/16 in Lichtenberg hält sich da noch verborgen. Erst wenn man den Fünfgeschosser, aus dem der Turm herauswächst, hinter sich lässt, geht es in der Enge unverputzter Ziegeln über knarriges Holz schier endlos nach oben dem Ziel entgegen. »Vorsicht, Fliegen!«, warnt Michael Voigtländer, bevor er von einer Hühnersteige aus die massive Klappe zur Plattform öffnet. Schwärme winziger Insekten, die sich im wohligen Dunkel angesiedelt haben, fliegen jäh auf, umschwirren den Eindringling in ihrem Reich und finden sich noch auf dem Heimmarsch zwischen den Unterlagen. Der Rundblick vom verbleiten Grund der Plattform mit ihren Blitzableitern an den vier Brüstungsecken entschädigt indes für den leichten Aufstiegsgrusel. In etwa 38 Metern Höhe genießt man die Sicht auf den Fernsehturm, weiß im Rücken, tief unten in der Nöldnerstraße, das älteste serienmäßig hergestellte Betonhaus neben sich und frohlockt, dass der Turm der Erlöserkirche, zum Greifen nah, auch nicht viel höher in den Himmel sticht. Der Panoramaausblick ist allerdings nur angenehmer Nebeneffekt eines spannenden technischen Denkmals. Unmittelbar nach 1871 entwickelte sich aus einer Gegend mit eher ländlichem Ambiente ein weitläufiges Wohngebiet, das rasch großstädtische Züge annahm. Als Investoren taten sich Textilhersteller mit Kontakten nach England hervor. In Verehrung für die englische Queen gaben sie der neuen Arbeiterkolonie den Namen Victoriastadt. Zu den gewerblichen Unternehmungen, die sich hier niederließen, gehörte auch die um 1840 in Nürnberg gegründete Bleischmelze-Firma Juhl & Söhne. 1901 erwarb sie die Grundstücke Nöldnerstraße (damals Prinz Albert-Straße) 15/16 und richtete in einer Wellblechbaracke eine behelfsmäßige Gießerei ein. 1907/08 erbaute sie auf dem Grundstück Nöldnerstraße 16 ihr fünfgeschossiges Wohn- und Kontorgebäude mit dem Fabrikflügel und dem so genannten Schrotkugelturm, 1913 konnte das ebenfalls fünfgeschossige Wohngebäude mit dem hofseitigen Fabrikflügel auf dem Nachbargrundstück Nöldnerstraße 15 bezogen werden. Die beiden Fabrikgeschossflügel enthielten neben der Bleigießerei eine Bleistanzerei zur Herstellung von Blechplomben sowie eine Spinnerei zur Fertigung von Plombendraht. Was die werksinterne Maschinenbauabteilung an Spezialmaschinen entwickelte, ließ sich, über den Eigenbedarf hinaus, gut exportieren. Von der heute in unkonventionellen Wohnraum umgewandelten Fabriksanlage bezeugt einzig der Schrotkugelturm ihre industrielle Vergangenheit. Derlei Türme, berichtet Voigtländer, sind im 19. Jahrhundert durchaus nichts Ungewöhnliches. Fünf solcher Schrotkugeltürme mit ihren unverglast vergitterten Fenstern existieren noch in den USA, sechs in Deutschland, von denen der in Hannoversch Münden immerhin bis 1981 in Betrieb war. Ihr Prinzip greift auf das 1806 in England erfundene Bleigießverfahren zurück. Das elegante Berliner Exemplar orientiert sich zudem in seiner architektonischen Gestalt an den oberitalienischen Geschlechtertürmen, Wehrtürmen mit Repräsentationscharakter, wie man sie besonders in San Gimigniano bewundern kann. Hoch droben unter seiner Aussichtsplattform findet man noch immer den Schmelzofen und die originale Schöpfkelle. Direkt daneben führt ein Fallrohr in die Tiefe. Dessen Sieb wurde vom Meister nach einem streng gehüteten Verfahren mit Schlacke verstopft. Das eingefüllte, speziell legierte Flüssigblei sickerte durch die verbleibenden Öffnungen und formte sich hierbei zu Tropfen, die sich im freien Fall zu Kugeln zu verfestigten begannen und im Keller in einem abkühlenden Wasserbottich aufgefangen wurden. Dort ordnete sie ein Trommelsieb gleichzeitig nach Größe, wobei in einer denkbar einfachen Anschlussprozedur eine etwa drei Meter lange Glasschräge die Qualität prüfte und die unrunden Schrotkugeln aussortierte. Die Zeit für die Bleierstarrung bestimmte die Falltiefe und mithin die Höhe der wegen des Hageleffekts auch Hagelturm genannten Konstruktion. Der Durchmesser der als Munition für die Vogeljagd verwendeten Kugeln lag zwischen 0,3 und 2,5 Millimetern; bis zu vier Tonnen konnte der Ausstoß pro Schicht betragen. Frisches Blei und Feuermaterial zog man jeweils mittels einer Seilwinde kraftsparend nach oben. Eine noch vorhandene riesige Waagenbühne in der Hofdurchfahrt ermittelte durch Wiegen des Fahrzeugs vor und nach dem Beladen das Gewicht der ausgelieferten Ladung. Dass dieses kostengünstige, physikalisch einleuchtende, heute durch modernere Varianten ersetzte Verfahren Geschick und Erfahrung verlangte, beeilt sich Voigtländer anzufügen. Bis 1939 wurde es in dieser für den gesamten Berliner und Brandenburger Raum einzigartig ausgeklügelten, verfeinerten Form zur Herstellung kleiner, nahtloser Kugeln an der Nöldnerstraße praktiziert. Jetzt befindet sich das gesamte Objekt in Privathand und ist seit der Sanierung wieder vorzeigbar. Neben seiner stadtteilbestimmend markanten Silhouette gilt der backsteinerne Turm auch als technikgeschichtliches Denkmal weit über Rummelsburg hinaus. Wer an sachkundiger Führung interessiert ist, weiß sich bei Michael Voigtländer in den richtigen Händen. Seit der Nachwendezeit unterhält der studierte Kybernetiker sein Büro für Industriekultur und bietet stadtweite Besichtigungstouren durch technische Denkmäler und ihre Um...

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