Susann Witt-Stahl, Ines Wallrodt und Tom Strohschneider 29.09.2012 / Inland

Die ganze verdammte Bäckerei

Zehntausende Menschen sind am Samstag für eine stärkere Besteuerung von Vermögen auf die Straße gegangen. Das Motto »UmFAIRteilen« geht zwar nicht allen Demonstranten weit genug. Und mancher hatte mehr Teilnehmer erwartet. Dennoch bilanzieren die Organisatoren am Ende der Aktionen in zahlreichen Städten einen »vollen Erfolg«.

Auf dem Rathausmarkt in Hamburg werden Jute-»Geldsäcke« durch die Menge gereicht. »Da ist meine Rente drin!«, ruft eine ältere Dame. Rote Fahnen der Linkspartei dominieren das Bild. Das hanseatische Schmuddel-Wetter hat mehrere tausend Menschen nicht davon abgehalten, dem Aufruf zum Aktionstag »umFAIRteilen« zu folgen. »Es ist wichtig, hier sein Gesicht zu zeigen«, sagt Klaus Bäck, ein 39-Jähriger. »Die da oben sollen nicht glauben, wir sähen sie nicht bei ihrer Arbeit!« Ganz ähnlich sieht es eine 21-jährige Praktikantin aus der Hansestadt. »Die Reichen müssen steuerlich mehr belastet werden, das Geld gerechter verteilt werden.« Wenn so viele Menschen mitdemonstrieren, »dann glaube ich schon, dass das Eindruck macht.« In Hamburg zählt die Polizei am Nachmittag 1500 Teilnehmer, die Organisatoren gehen von einer größeren Zahl aus: 4000 sollen es sein, meldet zunächst das globalisierungskritische Netzwerk Attac. Aber nicht alle sind optimistisch: »Ich erwarte mir gar nichts von der Aktion«, sagt ein 65-jähriger Lehrer. »Vielleicht ein bisschen Klarheit bei den Teilnehmern, dass das so nicht weitergehen kann.«Ein paar hundert Kilometer südöstlich sammelt sich derweil die Berliner Demonstration. Schon auf dem Potsdamer Platz kann man dem Angebot politischer Lektüre kaum entfliehen: Da werden Aufrufe zur Revolution ebenso verteilt wie Flugblätter, die sich kritisch mit dem Aufruf des Organisationsbündnisses auseinandersetzten. Sozialverbände bieten Fahnen feil, Aktivisten hoffen auf den Absatz ihrer kirchenpolitischen Flyer. Bei der ver.di-Jugend heißt der Fiskalpakt »Fäkalpakt«. Die jungen Gewerkschafter mögen es überhaupt etwas härter. Vom Wagen rocken ACDC mit »Highway to hell« aus den Boxen. Manche haben mehr Teilnehmer erwartet, andere sind nach bewegungspolitisch nicht gerade aufreibenden Monaten durchaus zufrieden. Die Tatsache, dass auch SPD und Grüne mit Luftballons präsent sind, reizt unter der Berliner Mittagssonne zu manchem verbalen Schlagabtausch – immer wieder kommt Kritik daran auf, dass auch Menschen unter den Bannern der »Agenda-Parteien« für Gerechtigkeit demonstrieren. Im Lautsprecherwagen der Linksjugend versucht man einen Spagat: Es sei »zwar ganz okay«, dass auch Parteigänger von SPD und Grünen auf der Straße sind. Doch die müssen sich dann erst einmal anhören, was Rot-Grün sozialpolitisch so alles »verbrochen« hat. Für eine Diplomsozialpädagogin aus Lüneburg, die in Hamburg mitdemonstriert, ist das nicht bloße Theorie, sondern täglicher Kampf um ein würdiges Leben. »Es gibt zu viele befristete Arbeitsverhältnisse unter den Leuten meiner Generation«, sagt die 36-Jährige. »Viele hangeln sich von einem Praktikum zum anderen. Ich komme auf 1200 bis 1300 Euro im Monat und weiß nicht, wovon ich mein Bafög zurückzahlen soll.

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