Unter fremder Flagge gesegelt

Ein Buch zu den »Rosenholz«-Akten ist überfällig. Dieses aber ist überflüssig

  • Von Helmut Müller-Enbergs
  • Lesedauer: ca. 4.5 Min.
Nachdem seit Jahren das Thema »Rosenholz« in aller Munde ist, haben nun der Historiker Heribert Schwan und die Psychologin Helgard Heindrichs nach dreijähriger, mühevoller Arbeit ein Buch über jene geheimen Akten veröffentlicht. Schwan hat bereits der Biografie des MfS-Ministers Erich Mielke wie auch dem mysteriösen Tod des Fußballspielers Lutz Eigendorf nachgespürt. Mit filmischen Mitteln trug er das Aufklärungsinteresse bis vor die verschlossenen Türen ehemaliger Akteure der Staatssicherheit, mitunter sogar tätliche Auseinandersetzungen in Kauf nehmend. Mithin steht Schwan für eine besonders kämpferische Variante der Aufklärung über das Wirken der Stasi. Und nun das: Gestützt auf die geheimen Akten der Rosenholz-Datei wollen er und seine Mitautorin »jetzt das Ausmaß des Geheimnisverrates« enthüllen. »Ob Auswärtiges Amt, Kanzleramt oder die Parteizentralen von CDU, SPD, FDP und Grünen - die Schaltstellen der Macht waren von DDR-Agenten durchsetzt.« Das klingt sensationell. Nicht nur die verfilmten Karteien der Hauptverwaltung A (HVA), »Rosenholz« genannt, sind also überliefert, sondern auch noch die dazugehörigen »geheimen Akten«. Man meint, endlich nachlesen zu können, welche der rund 6000 bundesdeutschen IM der HVA wirklich bedeutend waren und was sie geleistet haben. Ob die DDR-Auslandsspionage gar in Fraktionsstärke im Bundestag vertreten war, welcher IM einem Bundeskabinett angehört hat und welcher Ministerpräsident intensive Gespräche mit dem Nachrichtendienst der DDR führte, ohne förmlich Agent zu sein, was sich hinter dem Decknamen »Pfeiffer« verbirgt etc. Man darf also gespannt sein. Doch die Erwartungen werden nicht erfüllt. Weder gibt es »geheime Akten« noch erfährt man etwas vom »Ausmaß« des »Spinnennetzes«. Sind in der Druckerrei zwischen die Buchdeckel mit der sensationellen Ankündigung etwa die falschen Seiten geklebt worden? Die Autoren haben sich allein auf Vorgänge im Auswärtigen Amt beschränkt, um an ihnen exemplarisch die nachrichtendienstliche Arbeit des MfS zu beschreiben. Man erfährt nichts Neues. Die Generalbundesanwaltschaft hat 1990 bis 1994 Ermittlungsverfahren eingeleitet. Für dieses Amt waren zwei »Abschöpfquellen« zuständig, der Berliner Sprachwissenschaftler »Sascha« oder die Frankfurter Postbeamtin »Michaela«, und elf »Objektquellen« wie der Bonner Beamte »Maro«, die Sekretärinnen »Balkan«, »Britta«, »Jasmina« und »Rose«, der Bonner Jurist »Abraham«, die Stuttgarter Angestellte »Feder« oder der Nachwuchswissenschaftler »Arnim«; dazu gehörten auch die beiden Hausfrauen »Blume« und »Hanna«. Über die meisten dieser Fälle berichtete auch diese Zeitung. Vier IM wurden verurteilt, doch spielen sie in diesem Buch seltsamerweise keine Rolle. Und dies, obwohl drei Monate vor dessen Druck ebenfalls diese Zeitung von 18 bundesdeutschen Agenten berichtet hat, die Ende der 80er Jahre ihr Augenmerk auf das Auswärtige Amt legen sollten. Wenn es also nicht um das ganze »Ausmaß« der DDR-Spionage oder im AA geht, worum dann? Es geht um die Geschichte von Lilli Pöttrich (»Angelika«), einer damals 22-jährigen Studentin, die 1976 geworben wurde und es im Auswärtigen Amt zur Referentin gebracht hat. Ihr ist das halbe Buch gewidmet. Begleitend werden drei weitere Akteure vorgestellt: die Bonner Beamten Ludwig Pauli (»Adler«), Klaus von Raussendorf (»Brede«) und Dr. Hagen Blau (»Merten«). Es geht also allein um vier der zuletzt 18 im Auswärtigen Amt oder in dessen Umfeld aktive IM. Drei von ihnen sind im April 1990 durch Überläufer, »Angelika« im Oktober 1993 durch »Rosenholz« enttarnt und sodann zu langjährigen Haftstrafen verurteilt worden. Sie stünden, heißt es, stellvertretend für das Vorgehen und die Methoden der HVA. Das stimmt nicht, vielmehr handelt es sich hier um komplizierte und verwickelte Geschichten von Spitzenquellen, von denen es zuletzt etwa 90 gab und die aus der Schar der zuletzt aktiven 1500 HVA-Agenten deutlich herausragen. Sie waren etwas Besonderes. Politisch eher links orientiert, hatten insbesondere »Adler«, »Brede« und »Merten« über drei Jahrzehnte über 3400 Informationen an die HVA vermittelt. Das ist bekannt, doch die Autoren diesses Buches spekulieren munter weiter. Man vermisst gründliche Recherche. Im Dunklen bleibe, schreiben die Autoren, wie Ludwig Pauli in das »Netz der Stasi« gelangte. Aber schon ein erster Blick auf Paulis »Rosenholz«-Karteikarte zeigt, dass diese kurz nach Gründung der HVA angelegt worden ist - im Herbst 1951, es also eine Vorgeschichte geben muss. Aus den vorhandenen Stasi-Unterlagen ergibt sich, dass Pauli als 18-Jähriger 1948 zunächst der SPD und ein Jahr später zusätzlich der SED beigetreten ist. 1950 ist der »kleine Angestellte« in der Informationsabteilung der SED-Landesleitung Berlin für die nachrichtendienstliche Arbeit geworben worden. »Seine Tätigkeit innerhalb der SPD und bis zum April 1952 im Bezirksamt Neukölln brachte verhältnismäßig wenig Material. Diese Quelle ist aber in der Mitarbeit sehr willig und legt eigene Initiative an den Tag, so dass er in seiner neuen Stelle im Senat für Wirtschaft«, um die er sich im Auftrag der HVA beworben hatte, »verhältnismäßig bedeutende Materialien beschaffte« - solcherart, dass er ein monatliches Salär von 20 Westmark erhielt. Pauli galt als »sehr intelligent« und »hat die Perspektive, später in wichtige Positionen zu gelangen«, und gelangte. Neben Pauli gab es noch zwei altgediente Kundschafter der HVA, die bereits 1948 begonnen hatten: der Flick-Lobbyist Hans-Adolf Kanter («Fichtel«) und der Hamburger Sozialdemokrat Kurt Wand (»Hülse«). Wären in dem Buch lediglich belanglose Fehler wie falsche Schreibweisen - William Boom statt Borm - festzustellen, man würde darüber hinwegblicken können. Hätte man sich im Anspruch beschieden, auf das nachrichtendienstliche Leben der Lilli Pöttrich zu verweisen, könnte das Sachbuch empfohlen werden, weil deren Entwicklung erstaunlich dicht nachgezeichnet wurde. Doch wird dem Leser stattdessen werbewirksam mit »Rosenholz« etwas feilgeboten, was tatsächlich ohne diese Kartei zu schreiben war. Das Buch segelt unter »Fremder Flagge«. Die Leser werden getäu...

Warum endet dieser Text denn jetzt schon? Mittendrin? Ich möchte den Artikel gerne weiterlesen!

Um den ganzen Artikel zu lesen, haben Sie folgende Möglichkeiten:

Haben Sie ein Online- oder Kombi-Abo? Dann loggen Sie sich einfach ein. Wenn nicht, probieren Sie doch mal unser Digital-Mini-Abo:

Wenn Sie ein Abo haben, loggen Sie sich ein:

Mit einem Digital-, Digital-Mini- oder Kombi-Abo haben Sie, neben den anderen Abo-Vorteilen, Zugriff auf alle Artikel seit 1990.

Warum ist der Artikel so kurz?

Der Artikel ist in Wirklichkeit länger: 948 Wörter (6502 Zeichen).

Wenn Sie ein entsprechendes Abo gewählt haben, können Sie sich einloggen und den ganzen Artikel lesen. Und auch alle anderen Artikel seit 1990.

Wir stellen einen großen Teil unseres Angebots im Internet gratis zur Verfügung. Damit das finanzierbar bleibt, ist es wichtig, das viele Leute trotzdem bereit sind, für das Angebot zu bezahlen.

Alle Abo-Angebote

Foto: Zeitung, Smartphone, iPad und eine Tasse Kaffee

Bitte aktivieren Sie Cookies, um sich einloggen zu können.