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München im Rausch

  • Von Rudolf Stumberger, München
  • Lesedauer: 4 Min.
München war im Feierrausch. Am Rande tobte das Oktoberfest, im Innern der Stadt die Einheitsfeier. Beobachtungen - jenseits von Freibier.

Jetzt sitze ich in München auf meinem blauem MZ-Motorrad-Gespann und weiß gar nicht, ob man heute mit einem Gefährt aus DDR-Produktion zwischen all den Porsche Cayenne überhaupt noch fahren darf. Doch ich bin unterwegs zur Einheitsfeier, die dieses Jahr Bayern ausrichtet. Weil: Der Seehofer Horst von der CSU zur Zeit neben seinem Ministerpräsidentenamt auch noch Bundesratsvorsitzender ist.

Zuerst gibt es einen Ökumenischen Gottesdienst in der St. Michaelskirche, wo auch die Wittelsbacher begraben sind. Danach wollen der Bundespräsident, die Bundeskanzlerin, der Bundestagspräsident und der Präsident des Bundesverfassungsgerichtes durch die Fußgängerzone zur Bayerischen Staatsoper gehen - die Gullideckel sind schon seit Tagen verschweißt.

Wird es Freibier geben oder nicht? Nun ist es nicht so, dass ich schon am Vormittag unbedingt Alkohol haben muss. Nein, es geht dabei um einen Indikator, ob die CSU es ernst meint mit ihrem Vereinigungsfrohlocken. Weil der Scharnagl Wilfried doch vor wenigen Tagen ein Buch veröffentlicht hat, in dem er die Abspaltung Bayerns von der Bundesrepublik propagiert (»Bayern kann es auch allein - Ein Plädoyer für den eigenen Staat«) und bei dieser Unabhängigkeitsfeier gäbe es bestimmt Freibier.

Scharnagl ist nicht irgendwer, sondern war jahrzehntelang ultraorthodoxer Chefredakteur des »Bayernkurier«, ist CSU-Urgestein. Wenn deren Führung diesem Separatismus wirklich wirksam entgegentreten will, dann müsste es als symbolischen Akt auch heute Freibier geben, wenn nicht noch gar Frei-Weißwürste dazu ...

Jetzt stehe ich vor der St. Michaelskirche und der Himmel ist so blau, wie er blauer nicht sein kann. Und grün sind die Trachtenjanker der Gebirgsschützen mit ihren kurzen Lederhosen und den Wadelwärmern, die nun, die Gewehre geschultert und mit wippenden Gamsbart, vorausmarschieren durch die Fußgängerzone, gefolgt von der Staatsspitze. Für München leicht irritierend: Bundeskanzlerin Angela Merkel trägt kein Dirndl. Es gibt gelegentlich Kontakt mit der Bevölkerung.

Die steht etwas eng gedrängt vor den Absperrungen, ich mittendrin. Weil alles so feierlich und harmonisch ist, weiß ich gar nicht, was man an so einem Vereinigungsfeiertag alles denken darf. Darf man sich zum Beispiel die alte Bundesrepublik zurückwünschen, die ohne Hartz IV, Bomben auf Belgrad und 150 Tote in Kundus? Und dürfte man trennen zwischen Mauerfall und Einheit?

Ist ja auch nun schon so lange her. Ich weiß noch, wie damals die Menschen auf der Leopoldstraße ausgelassen gefeiert und getanzt hatten. War aber wegen der gewonnen Fußballweltmeisterschaft. Die DDR war damals von München so weit weg wie, sagen wir mal, die Ähland-Inseln. Mein Gott, 22 Jahre, wie schnell die Zeit vergeht - auch so ein Skandal, der von der Presse viel zu wenig aufgegriffen wird.

Die Staatsspitze ist jetzt in der Oper und ich bin auf der Leopoldstraße. Von der Feldherrnhalle bis zum Siegestor entfaltet sich die Vielfalt der Einheitsfeier: Zwischen »E.on im Dialog«, der »Behörde für die Stasi-Unterlagen«, einem »Nano-Truck«, einer Herde Marinolandschafe und den Zelten der einzelnen Bundesländer. Die Blasmusik- und Lederhosendichte steigt. Ich gehe in den Hof des bayerischen Wirtschaftsministeriums, esse eine Münchner Bratwurst für drei Euro und frage nach Freibier: Es gibt keines.

Mein MZ-Gespann springt übrigens momentan nicht immer an. Obwohl die Technik ja eher unproblematisch ist. Selbst als ich den Vergaser auseinandergenommen und wieder zusammengebaut habe, hat der noch funktioniert. Was etwas heißen will.

In der Oper spielen sie jetzt vor der Staatsspitze »Freude schöner Götterfunken«. Ich sehe auf der Großleinwand am Odeonsplatz, dass es auch am Stand der Weihenstephaner Brauerei kein Freibier gibt. »Das gibt's doch heute nirgends mehr«, sagt die am Zapfhahn später auf Nachfrage entrüstet.

Ortswechsel: Stachus, 14.30 Uhr. Ein »antinationales Bündnis« hat eine Demo unter dem Motto »No love for a Deutschland« angemeldet. Ja, Deutschland. Immer wenn man dieses Wort vom Boden aufhebt, kullern unten die Stahlhelme raus. Die Veranstalter meinen, es gebe »nichts zu feiern an einem wiedererstarkten Nationalismus, der sich in rassistischer Alltagspolitik und der Abwertung und Ausgrenzung von Menschen ausdrückt«, vielmehr gelte es, mit einer »antinationalen Demonstration eine gesalzene Kritik an Deutschland, Nationalismus und Nation auf die Straße zu tragen.«

In der Tat entfaltet sich hier am Stachus eine völlig andere Folklore als in der Einheits-Party-Meile: Den nicht so wirklich zahlreichen Vertretern des »schwarzen Blocks« stehen die zahlreichen schwarzuniformierten Vertreter einer hessischen Einheit der Bereitschaftspolizei gegenüber. Oben ist der Himmel noch immer blau.

Wiedervereinigung oder Wiedereintritt?

Am Vorabend der Münchner Wiedervereinigungsfeier erwischten Mitarbeiter eines Ordnungsdienstes einen Mann, der vor der Wiesn den Wiedereintritt propagierte. Für jedermann. Per Stempelaufdruck. Das Werkzeug dafür war zuvor aus einem Bierzelt verschwunden.
Bei dem selbst ernannten »Wiesn-Wohltäter« handelt es sich um einen 33-jährigen Arbeitslosen. Man nahm ihn mit zur Wiesn-Wache. Als er dort die Taschen geleert hatte, lagen 200 Euro auf dem Tisch. Ein Wiedereintrittsgewinnler also. Der muss sich nun wegen Urkundenfälschung verantworten.
hei

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