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1000 Euro für eine Pflegekraft

Strukturen in der Betreuungsbranche sind unübersichtlich und erschweren die Nutzung

Die Friedrich-Ebert-Stiftung lud kürzlich dazu ein, die ambulante Pflege einmal jenseits des Minutentaktes zu denken und Bedarf, Strukturen sowie Finanzierung sogenannter Altershaushalte zu erforschen.

Während die Zahl der Beschäftigten in den ambulanten Pflegediensten seit zehn Jahren ansteigt, und auch die Zahl der Dienste stetig zunahm, scheinen die Ressourcen an Arbeitskräften für diesen Bereich langsam erschöpft.

Inzwischen sind eindeutig mehr offene Stellen für Kranken- und Altenpfleger gemeldet als arbeitslose Personen in diesen Berufen. Mehr noch: Viele Einrichtungen haben aufgehört, den Arbeitsagenturen ihren Bedarf mitzuteilen. Wie Michael Isfort vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung e.V. berichtet, gibt es bereits eine Wettbewerb um diese Arbeitnehmer: 1000 Euro Vermittlungsgebühr winken demjenigen, der etwa eine Pflegerin für einen 3-Jahres-Vertrag gewinnt.

Auf der anderen Seite besteht eine sehr schlechte Datenlage zu den Haushalten, die Pflegedienste in Anspruch nehmen: »Ausgaben von aktuell 20 Milliarden Euro werden ohne Daten gesteuert«, so Isfort. Betroffen sind vor allem alleinlebende, pflegebedürftige Frauen über 80 Jahren - dabei mache der medizinische Teil der Pflege den geringeren Teil des Bedarfs aus. Viel größer sei die Nachfrage nach Tätigkeiten im Bereich Sicherheit und Grundpflege, nach haushaltnahen Dienstleistungen - wie Reinigung, Kochen, Einkaufen - und nach Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Genau in diesen Bereichen sind aber zunächst einmal vor allem die Angehörigen aktiv. Allerdings weiß niemand, ob es sich hier um zusätzliche 100 000 oder gar 400 000 Haushalte handelt, die diesen Hilfebedarf haben. Wer auf seine Familie nicht zurückgreifen kann oder will, muss immer wieder unterschiedliche Anträge stellen. Der Grund: Die dafür geltenden Regelungen sind in drei Sozialgesetzbüchern enthalten.

Michael Isfort sieht daher mindestens »eine geduldete Nichtnutzung vorhandener Hilfen«. Außerdem fehle auch jegliche wissenschaftliche Begleitung. Den Ansturm auf High-Tech-Strukturen für die Pflege nennt er irreal, die Geräte könnten nur zusätzlich zum Einsatz kommen, sie könnten die persönliche Betreuung nicht ersetzen. In der Debatte fehlen dem Pflegewissenschaftler diverse Themen, etwa ob die Versorgung weiterhin auf die Familien orientiert werden soll, die Steuerung durch die Kommunen oder die Zusammenarbeit aller Akteure.

Die fehlenden Zahlen erschwerten es auch dem Volkswirt Markus Lüngen von der Hochschule Osnabrück, die Kosten für die künftige ambulante Pflege zu errechnen. Je nach dem Herangehen findet er zwischen 1,6 und 4,5 Millionen »Alten-Haushalte«. 1,6 Millionen Haushalte werden bereits von ambulanten Pflegediensten in irgendeiner Form betreut. Gerade die von diesen nachgefragten haushaltsnahen Dienstleistungen sieht Lüngen als künftigen Jobmotor, zentriert auf Teilhabe und Zuwendung. Kritisch sieht er dabei, dass eine reine private Nachfrage auch nur eine private Qualitätssicherung zulässt, also ein intransparenter Markt besteht. Sozial gerecht könne aber nur ein einfacher Zugang zu diesen Leistungen sein, der über Sozialversicherungen kanalisiert und auch in der Qualität gesetzlich abgesichert ist. Dafür fehlen bisher aber nicht nur die Strukturen, die Debatte dazu hat noch nicht einmal begonnen.

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