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Sehnsucht nach Aufrichtigkeit

Christa Wolf: »Unter den Linden«, die Erzählung von 1974 wurde jetzt neu aufgelegt

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 4 Min.

Wiederaufnahme in den Bund der Glücklichen« - dafür, so Christa Wolf, sollte hier ein Zeichen gesetzt sein. Selbstermunterung: sich nicht demütigen lassen, nicht mal durch die eigenen unerfüllten Wünsche. Dafür steht am Schluss eine junge Frau, die »lachte, wie ich von ganzem Herzen zu lachen wünschte ... Ihr war es gegeben, unter den Verheißungen und Verlockungen des Lebens frei zu wählen, was ihr zukam.« Eine rätselhaft glückliche Person - als die Ich-Erzählerin aus ihrem Traum erwacht, versteht sie, dass sie es selbst gewesen ist. Sie selbst als eine von Kümmernissen und Demütigungen Befreite. Wundersame Heilung im Schlaf.

Aber diese Traumgeschichte ist natürlich keine Nacherzählung von etwas Erlebtem, sondern ein kunstvoll komponiertes Stück Prosa. Kunstvoll komponiert zum Zweck, etwas zu erzählen, was auf direktere Weise nicht zu bekennen war. Dafür wird der Leser durch ein Erinnerungslabyrinth geführt, das im Traum unlogisch verschlungen sein darf.

Ein »Mädchen« kommt darin vor, das sich einige Zeit von ihrem Dozenten wiedergeliebt glauben durfte und dann fallen gelassen wurde (seine Frau kam von der Reise zurück). Weil die junge Liebende keinen Grund für ihr Wegbleiben von der Humboldt-Universität angeben konnte, wurde sie exmatrikuliert, steht jetzt im Glühlampenwerk am Band. »Früher verweigerte ein ritterlicher Mann den Namen seiner Dame - im Zeitalter der Gleichberechtigung scheint sich die entgegengesetzte Sitte einzubürgern«, bemerkt der Vorsitzende der gestrengen Kommission. Und auch die Ich-Erzählerin will den Namen ihres Geliebten verschweigen. »Der Ungenannte« - Arzt scheint er zu sein. Oder ist das nur eine Tarnung?

Unwichtig, denn es geht der Erzählerin um ein paar entschiedene Sätze: »Du bist nie aufs Seil gegangen?«, sagt sie zu dem zögerlichen Mann. »Wie immer gehst du zu weit«, antwortet der. Sie, nun schon fast in hochmütigem Ton: »Ein Mann wie Sie ... erklärt sich alles und lehnt es ab, zu leiden. Wir, bedauerlicherweise, können uns nur durch Liebe mit der Welt verbinden.« Von der »Sünde der Lieblosigkeit« spricht sie. Entschlossen dann: »Ich kann die Liebe nicht vertagen.«

Die Geschichte einer Liebe zu einem verheirateten Mann - so wird Christa Wolfs Erzählung »Unter den Linden« gern charakterisiert. Aber dahinter verbirgt sich noch eine andere Unbotmäßigkeit, wie einem jetzt beim Lesen dieser Neuausgabe in der Insel-Bücherei deutlich wird. 1974 hat Christa Wolf dieses Stück Prosa veröffentlicht, zwischen ihren Romanen »Nachdenken über Christa T.« (1968) und »Kindheitsmuster« (1976). »Ich kann frei die Wahrheit sagen«, bekennt sie gleich auf der ersten Seite. Doch auf der zweiten Seite schon ein Bekenntnis von Verstrickung. »Ich fand mich ... genau da, wo sie mich hinhaben wollten ...« Wer mit »sie« gemeint ist, der Leser verstand es genau. Aber die Bedrückung geht schon dem Ende zu. Man sieht's an dem Posten vor der Neuen Wache. Der hat eigenmächtig seinen Platz verlassen und sich in den Schatten einer Kastanie gestellt. Kann das möglich sein? Mit der Vorstellung schon ändert sich Wirklichkeit.

Grundsätzliche Ermutigung, »Tabus zu verletzen«. »Haben sie dir den Schneid abgekauft«, sagt die Ich-Erzählerin zu ihrem Freund Peter. Und artikuliert ein Ich-Gefühl, wie es über die DDR-Zustände in den 70er Jahren hinausweist, ein Selbstbewusstsein, wie es jede Gesellschaft braucht, die heutige zumal: »Sehnsucht nach Aufrichtigkeit«.

Das hat mit Liebe zu tun, von der hier versteckt erzählt wird, aber nicht nur. Das ist ein künstlerisches Credo, eine Lebenshaltung, die schon gereift war, bevor die Erzählung geschrieben wurde.

»Wohin kämen wir denn ..., wollten wir unseren Anwandlungen nachgeben«, sagt der »Ungenannte«, von dem man in diesem Moment nicht glauben mag, er könnte irgendwie liebenswert sein. Es ist die Stimme einer disziplinierenden Macht, »Weißt du denn nicht, fragte ich ihn, wie einem alles umgestülpt sein kann? Gesichter in Fratzen? Liebe in Verrat? Gewöhnliche Erkundigung in unerträgliche Schnüffelei?«

Ein Text aus dem Jahre 1974, wie gesagt. Lesend sucht man den Zeitbezug und kommt doch in der eigenen Gegenwart an. Beim freien, trotzigen Bekennen. »Wie hatte ich so verblendet sein können, mich einem falschen Spruch zu unterwerfen?« Da scheint es, als ob die Ich-Erzählerin einem fordernd ins Gesicht schauen würde und sofort den Blick wieder senkt: eine Frau, die die Geheimnisse des Lebens kennt und sie Geheimnis bleiben lässt.

Christa Wolf: Unter den Linden. Erzählung. Mit Aquarellen von Harald Metzkes. Insel-Bücherei. 73 S., geb., 13,95 €.

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