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LPGs sind Erfolgsgeschichte

LINKE-Abgeordnete verteidigt Agrargenossenschaften gegen Kritik der Grünen

  • Von Wilfried Neiße
  • Lesedauer: 4 Min.

Unter der Überschrift »Zerrbilder von Brandenburgs Landwirtschaft« setzte sich die Landtagsabgeordnete Kornelia Wehlan (LINKE) dieser Tage in der Potsdamer »Märkischen Allgemeinen« mit agrarpolitischen Auffassungen der brandenburgischen Grünen auseinander. Wehlan warf in ihrem Text dem Grünen-Fraktionschef Axel Vogel vor, in seinen Veröffentlichungen zu diesem Thema die Debatte in der Enquetekommission zur Bewertung der ersten Nachwendejahre einseitig zu bilanzieren.

Vogel hatte die seit 20 Jahren zu beobachtende Entleerung des ländlichen Raumes auf die LPG-Vergangenheit und die vorwiegend großflächig strukturierten genossenschaftlichen Agrarbetriebe zurückgeführt. Laut Wehlan folgt er damit der Auffassung, »das westdeutsche Modell der Kleinfelderwirtschaft lasse sich für die ostdeutsche Landwirtschaft verallgemeinern«. Das aber sei ein Irrtum.

Die Agrarstrukturen in Brandenburg seien vielmehr historisch gewachsen und würden sich aus den natürlichen Gegebenheiten der »Streusandbüchse« ableiten, unterstrich Wehlan. Und die lasse Landwirtschaft erst ab einer bestimmten Flächengröße rentabel sein. Bei einem Vergleich mit Westdeutschland müssten geringerwertige Böden und eine ungünstigere Niederschlagssituation Beachtung finden.

Als sich 1949 die Teilung Deutschlands zementiert hatte und die DDR ihre eigenen Vorstellungen von Agrarpolitik umzusetzen begann, hatte sie zu berücksichtigen, dass sie bei der »Verteilung« der landwirtschaftlichen Böden einfach Pech hatte und die weniger guten »abbekam«. Hochwertige Schwarzerde in nennenswertem Umfang war nur in der Magdeburger Börde und der Leipziger Tieflandsbucht zu finden. Ihre Kollektivierungspolitik und der Schritt zur LPG-Bildung war u. a. auch ein Reflex auf die in der Regel leichten Böden, die aber, wie die Abgeordnete Wehlan hervorhob, auch in vorsozialistischer Zeit großflächig und - was die feudalen westelbischen Güter betraf - auch kollektiv bewirtschaftet worden waren. Der Vorwurf Vogels, die brandenburgische Landwirtschaft weise zu wenig Wertschöpfung auf, sei daher »pharisäerhaft«.

Verwundert zeigte sich die LINKEN-Politikerin darüber, dass der Grünen-Politiker bei seinen Darstellungen nicht einbeziehe, dass der deutlich höhere spezifische Verbrauch an Dünger, Pflanzenschutzmitteln und Energie in der westdeutschen Landwirtschaft zu einer höheren Wertschöpfungsrentabilität und Arbeitsproduktivität führen müsse, aber eben nicht unproblematisch ist. Dennoch gebe es neben den brandenburgischen Genossenschaften auch die Erfolgsgeschichte des ökologischen Landbaus und der Fauna-Flora-Gebiete in Brandenburg. Zwei Drittel der heutigen deutschen Schutzgebiete liegen in den neuen Bundesländern.

Der Kritik Vogels am wirtschaftlichen Überleben der LPG-Strukturen hielt Wehlan entgegen, dass sie an den »historischen Realitäten vorbeigeht«. Da der überwiegende Teil der Böden den LPG-Bauern gehört hat, sind die Genossenschaften nicht unter die Räder der Treuhand geraten und nicht in die Mühlen ihrer »Abwicklung«. »Im Gegensatz zu allen anderen Bereichen war es den hiesigen Bauern möglich, ihren Weg in die Marktwirtschaft selbst zu gestalten.« Der Versuch der früheren SPD-CDU-Landesregierung, rund 10 000 Bodenreform-Erben um ihr Land zu bringen, war vor vier Jahren gerichtlich gescheitert. Inzwischen herrscht wieder der Geist des Modrow-Gesetzes in Brandenburg, der den Neubauern bzw. ihren Erben das Land sicherte.

Wehlans Fazit: Die großen Agrarbetriebe »haben sich bis zum heutigen Tag behauptet und gehören zu den wenigen ökonomischen Erfolgsgeschichten in Brandenburg«. Im Übrigen - dies mit Blick auf die alten Bundesländer - gebe es auch einen bundesweiten Trend zu wenigen und größeren Betrieben.

Neben Gutachtern in der Enquete-Kommission, welche die Auffassung des Grünen-Politikers illustrierten und zu stützen bemüht waren, hatte im Mai Gutachter Klaus Schmidt diese Thesen ins Reich der Fabel verwiesen. Ihm zufolge hat nach der politischen Wende in der DDR keine Bereicherung, sondern eine nie dagewesene Verödung auf Brandenburgs Agrarflächen stattgefunden. Inzwischen dominieren Monokulturen wie Getreide, Mais, Grünfutterpflanzen und Raps. Nicht etwa nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten, sondern zu DDR-Zeiten seien Artenvielfalt und Sortenspektrum »beträchtlich erweitert« worden, heißt es in seiner Zusammenfassung.

Auch die massive Reduzierung der Viehbestände auf die Hälfte in Brandenburg sei Ausdruck einer Entwicklung, die zuungunsten der heimischen Landwirte verlaufe. Die schon zu LPG-Zeiten vorangetriebene Trennung von Tier- und Pflanzenproduktion hat laut Schmidt heute ihren Gipfel erreicht. Die oft angefeindeten Agrargenossenschaften, welche heute noch die Produktion dominieren, seien noch am ehesten in der Lage, nötige Schutzmaßnahmen durchzuführen, fügte Schmidt hinzu. Der viel gerühmte Einzelbauer sei dazu oft überhaupt nicht imstande.

Brandenburgs Agrarminister Jörg Vogelsänger (SPD) warnte kürzlich vor einer Gefährdung der Agrarstrukturen im Bundesland. »Grund und Boden darf nicht zum Spielball für Spekulanten werden, die mit Landwirtschaft nichts am Hut haben«, sagte er auf CDU-Anfrage.

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