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Lebens Werk

LEOPOLD FEDERMAIR erzählt den Dichter Peter Handke

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

Der Handke-Leser ist jemand, dem das von Wissen starrende Ich abhanden kam. Nicht die Stunde der Wahrheit schlägt mehr, sondern »Die Stunde der wahren Empfindung«, wie eines seiner Bücher heißt. Das ist das Abenteuer Peter Handke. Er hat »Versuche« über die Jukebox, die Müdigkeit und den geglückten Tag geschrieben, er hat sein »Gedicht an die Dauer« befragt, was das sei, Dauer - eines Nachtwinds, eines Heimwegs, eines Vorfrühlings; und er hat Dauer als flüchtigstes, aber wertvollstes aller Gefühle erkundet.

Den Anfang vieler Bücher machen Orte, Großstädte oder stille Gegenden, da beginnt ein Weg, eine Reise, eine Um-Schau des Erzählers; jeder Schritt ist ein Aufschieben von Handlung, und weil Handke besonders die Vororte liebt, ist seine Prosa leidenschaftliche Vorgeschichte, ist vorbeigängerisch, nicht frontal.

Der österreichische Schriftsteller Leopold Federmair, der in Hiroshima lebt, erzählt in genau dieser Art des Umkreisens, des behutsamen Gehens in acht Texten essayistisch, analysierend von der Dichtung Handkes, und er erzählt von Stunden beim Dichter selbst, dem bei Paris Wohnenden, dem treusorgenden Mädchenvater, dem Spaziergänger, dem Apfelbaum-Huldiger, dem Pilzsammler, dem Polemiker gegen den NATO-Krieg auf dem Balkan.

Federmair schreibt sich vehement in die Lust der Überzeugung hinein, dass es keinen Dichter gibt, der mit solchen Exerzitien der Anschauung, mit solcherart Sehnsucht nach dem »Zutaten-, zusatzlosen puren Geltenlassen« dessen, was oft als banal abgefertigt wird, zugleich universal wird.

Handkes Reportagen gegen das landläufige Serbien-Feindbild: Friedenstraum eines Menschen, der alles andere als ein »Protagonist im Gesellschaftsleben« sein möchte. Deshalb will er selber nicht auch noch mitentschlüsseln, aufdecken, richten, sondern nur belauschen. Etwas ganz bedächtig ansehen, statt Ansichten aus sich herauszuschießen.

Von »Enklavenphilosophie« spricht Federmair, es gehe Handke darum, »die Wirklichkeit des Unscheinbaren zu behaupten und seine Strahlkraft zu sichern«. Er selber fasst das in tiefen, assoziationsreichen Texten über ein Lebenswerk, über eines Lebens Werk, das einen der größten Dichter dieser Zeit schuf.

In Handkes Werk, so Federmair, korrespondiert ein jedes Außen mit einem inneren Problem; dieser Schriftsteller verbindet genaueste Anschauung sowie unzählige Mosaiksteine wunderbarster wie verstiegenster Bilder und Poetereien zur einzigen Hoffnung: Für die Fülle der Weltwahrnehmung möge, wenn der jeweilige Satz niedergeschrieben ist, eine Form gefunden worden sein - und als Form besteht vor Handke überhaupt nur, was in einer Art Synchronität die ablaufende, uns zulaufende Fülle der Welt erfasst.

Das meint: Erzählen als Gleichzeitigkeit aller Räume und aller Zeiten; das sphärische Durchdringen der Dinge, bei dem das augenblicklich gelebte Da-Sein gegenwärtige Vergangenheit und zukünftige Gegenwart zugleich ist: »die Gegenwart, wie sie immer gewesen war - in dem Schlagen der Züge jetzt auf den Schwellen taten auch der Kanonendonner vor hundert Jahren und das Holterdiepolter der an der steilsten Wegstelle im Wald regelmäßig ein Stück zurückrutschenden Pferdewagenräder mit«.

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