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Mitgefühl statt Mitleid

PSYCHOTHERAPIE

  • Von Franka Friedensburg
  • Lesedauer: 2 Min.

Die Welt einer Drogenstation ist eine bewegte Welt, ein Mikrokosmos, in welchem sich vieles abbildet, was auch in der Welt ›draußen‹ geschieht«, stellt Roland Wölfle eingangs klar. Der Arzt und Psychotherapeut spricht an, was in der Öffentlichkeit noch immer vielfach ein Tabu ist respektive gern verschwiegen wird. Sogar bei Zunftkollegen: »Psychiatrische Störungen sind in der Welt der Medizin geringer angesehen als andere Krankheiten.« Ein Internist habe einmal dem Autor gegenüber gemeint, die innere Medizin sei die Königsdisziplin. Dazu vermerkt Wölfle spöttisch: »Was ist dann die Psychatrie? Wahrscheinlich die Medizin der einfachen Menschen und nicht der Könige.«

In seine Drogentherapie kommen Menschen aus allen Schichten, und sie werden immer jünger. Christoph, 19 Jahre, kifft, weil seine Eltern sich scheiden ließen und er mit dem neuen Lebensgefährten der Mutter nicht klar kommt. Schockierend für den Arzt ist die Beichte einer 17-Jährigen, die ihm enthüllt, schon seit zwei Jahren mit Prostitution »gutes Geld« verdient zu haben. Menschen, die jahrelang obdachlos waren oder Gefängnisstrafe hinter sich haben, begeben sich in seine Obhut. Erfolgen stehen Enttäuschungen gegenüber.

Miriams Aufnahmetag ist zugleich ihr Entlassungstag, denn dem Spürsinn des Pflegepersonals entging nicht, dass sie mehrere Gramm Haschisch in ihre Schuhsohle eingearbeitet hatte. Die junge Frau ging mit der trotzigen Bemerkung: »Auf der Straße bin ich Königin.«

Wölfle bietet Einblicke in einen harten Job, der viel Mitgefühl erfordert, dem Mitleid aber nicht dient. Gut, dass er seine Erlebnisse und Erfahrungen aufgeschrieben und nunmehr publiziert hat. In der Tat wäre es, wie er selbst schreibt, schade, wenn niemand davon erführe.

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