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Faust II

Nach der Pause: Ein Anderer hat inszeniert, auch andere Protagonisten nun. Regisseur Günter Krämer folgt Stefan Pucher. Und Wolfgang Michael ist jetzt Faust, ein Melancholie-Wolf - wie der sich den Kopf quasi schief auf die Schulter legen kann; selbst im Schweigen wähnt man ihn im wehmütigsten Jaulen!

Einem jeden Wort sind dieses Mannes Lippen Gefängnistore, die sich nur mühsam und wie unter Zwang öffnen. Wolfgang Michael hat das Mürrische, das Maulfaule, den knarrigen Unterton der müdsamtenen Seele zur deutschen Theaterkultur erhoben. Das Böse betulich, das Aggressive absolut regungslos, das Zynische lustfrei - so spielt Michael den Faust, durchwühlt nur von einer immerwährenden Frage: Was will der Kerl in meiner Nähe?!

Der Kerl: Mephisto. Eine Frau, die große Constanze Becker. Im Chapeau, im Frack. Auch sie, wie Faust, gelähmt durch Ortlosigkeit. Der ganze unspielbare Kosmos der Dichtung hier konsequent umgesetzt: Wir spielen nicht, wir tasten ein wenig, und wir leugnen nicht: Wir öden uns ein wenig an.

Kaiserpfalz, gotische Burg, der Antike Glanz. Partikel-Präsentation. Weltenkreis? ein Schaufelbagger, gegen den Mephisto mit dem Geigenbogen klopft. Ein Schneefeld. Tuchwüste. Ein Hexenzahn in Mephistos Schandmaul. Ein nackter Mädchenchor. Valery Tscheplanowa als nackte Helena, später ist sie auch die Sorge, auch da nackt. So geilt sie dem alten Faust die Blindheit an den Hals. Ach ja: Occupy-Zelte im Bühnenhintergrund - bereit, geschleift zu werden. Los, Faust, alter Sack, zieh dich auch aus. Okay. Der Schnee fällt. Sonst fällt nichts, nichts auf. Die Augen fallen, aber zu.

Die Teufel sind arme Hunde: Der Mensch ist matt und platt. Das ewig Weibliche, das doch so hinanziehen soll, kann einpacken: Die Schlappen treibt nichts hoch. Hier guckt Goethe blöde aus lauter lockender Unterwäsche. Rundum nur Schwäche der Lebensgeister, lediglich ein klein wenig launisch verlorene Beherrschung, nirgends zauberhafte, gefährliche Sphären. Großer Aufwand für sehr viel Einsamkeit. Zwei Inszenierungen als weiteres Stück Arbeit - am Grab für das Wort vom sogenannten Faustischen.

Nächste Vorstellung: 13.10.

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