Mo Yan und der Nobelpreis

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 5 Min.
Es war die Empfehlung eines Kollegen: »Die Knoblauchrevolte«. Unbedingt lesen! Her damit. Dann liegt so ein Buch erst mal. Bücherberge gehören zum Wohnen; das Unaufgeräumte ist oft das Wichtigste – wartende Bücher signalisieren wenigstens, dass man nicht manisch keimfrei lebt.

Irgendwann also »Die Knoblauchrevolte« und – ein Ereignis. Schon die Sprache wie Knoblauch. Eine tragische Liebesgeschichte, eingebettet in einen Bauernaufstand gegen herzlose, kalte Kader. Geschrieben von Guan Moye, sein Autor-Pseudonym: Mo Yan, »der Sprachlose«. Warum? Weil er erzählen will, nicht kommentieren, er spitzfindelt und pointiert nicht mit seiner Sprache. Story, Story und noch einmal Story. Man nennt das wohl: magischen Realismus – Verwurzeltsein im Konkreten, in den lebendig-schmutzigen Provinz-Existenzen aus Shandong. Erde, Herd, Schnaps, Schweiß, Gestank, ruppige Zärtlichkeit. Die Werke: »Rotes Kornfeld« (erfolgreich verfilmt, Goldener Bär in Berlin), »Der kristalline Rettich«, »Die Sandelholzstrafe«, »Die Schnapsstadt«, »Große Brüste und breite Hüften«. Bei letzterem Buch kann man Begleitumstände der Veröffentlichung nachlesen: Die staatliche Kritik klopfte leise an: Na, Meister, haben wir die glorreichen Kommunisten nicht etwas vernachlässigt im Lobgesang?!

Noch mal »Die Knoblauchrevolte«: Der Roman ist hart, er zieht in Bann, er weckt, hat man erst angefangen, wahre Verschlingungslüste – du bleibst dran und drin. Mo Yan beschreibt die Finsternis eines gerechten regional ausbrechenden Zorns, nicht die Finsternis eines Systems. Dieses kritisiert er, ja, aber als Mitgestalter, also aus der Hoffnung der Veränderung heraus, im festen Glauben, dass es – wie man auf sozialistisch so schön sagt(e) – »nur« immer auf die Kader ankommt. Aufbauliteratur im besten und packendsten Sinne. Sozialistischer Realismus sozusagen, aber auf höchstmöglich kritischer Ebene. Ein Moralthriller. Der Knoblauch stinkt und schmeckt. Ein Bestseller in China – nach dem Massaker gegen die Studenten 1989 auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens wurde es freilich eine Abwarteweile aus dem Verkehr gezogen. Aufstand, ein Reizwort.

Nun also der Literatur-Nobelpreis für den 1955 geborenen Bauernsohn. Ein Feldarbeiter, ein Bibliothekar, ein Volksbefreiungsarmist. Martin Walser hörte vom schwedischen Entscheid und sagte sofort: »Ich halte ihn für den wichtigsten Schriftsteller unseres Zeitalters.« Das sitzt. Dies ist das Schöne an Walser: Er lässt sich im Emphatischen von niemandem übertreffen.

Staatsschriftsteller? Zunächst mal: ein offenkundig sehr guter Schriftsteller. Noch einmal Walser: Geschichtsverläufe (etwa zwischen China und Japan) habe der Geehrte so dargestellt, wie man es sich für deutsche Geschichte nur wünschen könne; die chinesische Kriegspraxis sei so grausam geschildert worden wie die japanische. »Das ist doch imponierend, dass seine Humanität über nationale Gereiztheiten triumphiert.«

Vor drei Jahren gehörte Mo Yan, Vize im Schriftstellerverband, zur offiziellen Delegation, als China Gastland der Frankfurter Buchmesse war. Als bei einem Symposium auch Dissidenten Platz und Wort beanspruchten, verließ der Tross um den Botschafter den Saal. Mo Yan mit. Das Pekinger Kulturinstitut, so der Autor später, bezahle ihn, auch seine Sozial- und Krankenversicherung, dies sei mit bestimmten »unangenehmen Konsequenzen« verbunden.

Es gibt in China die entschiedenen, offen mutigen Dissidenten und die biegsam Parteitreuen. Und Viele dazwischen. Mo Yan ist ein bedeutsamer Künstler, geschickt und nachvollziehbar zwischen den Stühlen. Drängender Kritiker, mit Feingefühl für Grenzwerte. Das ist das Bestandskernland jeder nationalen Literatur. Das Nobelpreiskomitee setzt einen chinesischen Akzent, den man in diesem Sinne als staatsnützlich bezeichnen könnte. Souverän, diese Jury! Verlässlich unnahbar. Am Sonntag nun das Gegenprogramm: Der gefängnisgemürbte Liao Yiwu erhält in Frankfurt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Was

Der Nobelpreis für Literatur, so könnte man durchaus sagen, geht allemal an Leute, die durch ein zündendes dichterisches Werk berühmt wurden. Wie der Preis selber – Alfred Nobels (1833 bis 1896) zündende Idee hieß: Dynamit, erfunden 1866. Das Gemisch (dynamis, griechisch: Kraft) brachte den Reichtum des schwedischen Erfinders gleichsam zum Explodieren. 150 Millionen Euro hinterließ er – das reichte für eine Preis-Stiftung. So lebt der Sprengstoff symbolisch weiter, ein Stoff übrigens, der aufgrund jener giftigen Gase, die bei der Zündung freigesetzt werden, kaum mehr verwendet wird.
Nie hat dieser berühmteste Literatur-Preis, speziell in letzten Jahren, dem einfachen Prinzip der Berühmtheit eines Autors auf höchstem Niveau entsprochen. Es ist kein Publikumspreis, und der schöne Hochmut des Komitees besteht in seiner unangetasteten Unberechenbarkeit. Die Wettbesessenen sorgen aufpeitschend für Top-Listen, alles setzt auf Rot und Schwarz, aber die Würfel rollen ins Bunte.
Die Stockholmer Preisvergabe hat zunehmend einen Ehrgeiz der Verstörung entwickelt, der wohlkalkulierten, mitunter frechen Torpedierung von Erwartungen. Es geht immer auch um einen Aufmerksamkeitsschub für besondere politische, moralische Werte in Verbindung mit deren literarischer Gestaltung. Also löst der Entscheid, wer den Preis bekommt, stets auch Debatten aus – siehe Elfriede Jelinek, Harold Pinter, Herta Müller.
Der Nobelpreis ist in den wenigsten Fällen eine Konsensbekräftigung, er will überraschen, er will Einsamkeiten stärken und Courage fördern. Dieser Preis ruht auf gesichertem Reichtum und einer hoffentlich bleibenden Lust am Risiko. Wobei bemerkt werden darf, dass die Preissumme in diesem Jahr erstmalig knapp unter der Euro-Million liegt.

Wann

Bislang wurden zehn deutschsprachige Autoren geehrt: Theodor Mommsen (1902), Rudolf Eucken (1908), Paul Heyse (1910), Gerhart Hauptmann (1912), Thomas Mann (1929), Hermann Hesse (1946), Nelly Sachs (1966), Heinrich Böll (1972), Günter Grass (1999), Herta Müller (2009). Preisträger der letzten Jahre: Doris Lessing (Großbritannien, 2007), Jean-Marie Gustave Le Clézio (Frankreich, 2008), Herta Müller (Deutschland, 2009), Tomas Tranströmer (Schweden, 2011). Letztmalig war der Preis 1982 nach Lateinamerika gegangen – an Gabriel García Márquez; 2010 erhielt ihn Mario Vargas Llosa.

Wie

Über 100 Jahre alt sind die Anweisungen für die jährliche Preisvergabe (seit 1901) durch die Schwedische Akademie. Jeweils ein Jahr zuvor werden mehrere tausend Personen und Organisationen gebeten, Kandidaten vorzuschlagen. Jedes Mal etwa 350 Schriftsteller werden aufgelistet, im Februar des betreffenden Jahres ist »Einsendeschluss«. Das Nobelpreis-Komitee – bestehend aus fünf Mitgliedern, für drei Jahre gewählt – trifft eine Vorauswahl. Die einzelnen Mitglieder des Komitees dürfen nach Ablauf der drei Jahre nur noch höchstens zwei Mal nominiert werden. Länger als neun Jahre ist also niemand Komiteemitglied.
Im Frühsommer findet dann immer eine weitere Verdichtung des kandidierenden Dichterkreises statt. Nach Weitergabe des Siegervorschlages an die Akademie müssen deren Mitglieder abstimmen, bei den Wissenschaften sind das 420 schwedische und 175 ausländische, bei der Akademie für den Literaturpreis 18. Die jeweiligen Diskussionen im Komitee bleiben fünfzig Jahr unter Verschluss.

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