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Mode mit markanten Mängeln

MEDIENgedanken: Manche Zeitungen bringen gern pseudonyme Leserbriefe. Gut ist das nicht.

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Ich weiß nicht, ob Sie schon einmal einen Leserbrief geschrieben haben, ob an das »nd« oder an eine andere Redaktion, aber ich weiß, was Sie dazu wissen: Zu einem Leserbrief gehört der Name dessen, der ihn geschrieben hat; unter diesem Namen wird er dann veröffentlicht. Das ist nicht irgendein Spitzname oder ein Pseudonym, sondern der tatsächliche, auch Klarname genannt. Diesen Klarnamen meint auch der Deutsche Presserat, wenn er in der Richtlinie 2.6 seines Pressekodex in Sachen Leserbriefe festlegt: »Es entspricht einer allgemeinen Übung, dass der Abdruck mit dem Namen des Verfassers erfolgt. Nur in Ausnahmefällen kann auf Wunsch des Verfassers eine andere Zeichnung erfolgen.«

Seit einiger Zeit beobachte ich - das Thema interessiert mich, da ich fast 20 Jahre lang für die Leserbriefe einer Zeitung zuständig war -, dass einige Redaktionen diese allgemeine (und bewährte, nie in Frage gestellte) Übung aufweichen. Sie drucken auch Zuschriften unter Pseudonymen. Das könnte Schule machen - schlechte Schule, wie ich meine. Weshalb tun Zeitungen das? Offenbar ist das eine Folge des Bloggens, Twitterns und Facebookens. Dadurch kam das massenhafte Verbreiten von Meinungen ohne oder unter erfundenen Namen groß in Mode. Wie praktisch, denkt da mancher, aus solchem Versteck alles Mögliche hinauszuposaunen - es weiß ja kaum jemand, von wem es kommt. Der Qualität der Äußerungen muss das nicht nützen.

Eine Zeitung, im Prinzip durchaus seriös, inspirierend und mit viel Gewinn zu lesen, tut sich da besonders hervor: »der freitag«. Seit langer Zeit tragen fast alle Zuschriften Tarnnamen à la »Freedom of Speech«, »xonrai«, »danki, susi sorglos« oder »Krimiblogger«. Die wirklichen Namen bleiben vollständig verborgen. Warum sagen die Schreiber nicht, wie sie heißen? Haben sie Angst? Wovor? In unseren offenen, demokratischen Zeiten? Dabei gehört der echte Name zu solchen Briefen, seit Hermann Dietrich Bräss, ein Pfarrer aus Braunschweig, anno 1786 als erster Äußerungen von Leserinnen und Lesern in seine sogenannte »Rothe Zeitung« aufnahm - in vordemokratischen Zeiten!

Ich habe die Chefredaktion des »freitag« im Sommer 2011 gefragt, warum ihr Blatt das Pseudonyme und Anonyme so vehement fördert. Sie schrieb, dass es »die Anonymität vielen Menschen ermöglicht, sich ohne Angst vor dem Arbeitgeber, einer Behörde oder den Nachbarn im Netz zu bewegen« - nur geht es hier gar nicht um das Netz, sondern um die ganz normale, die gedruckte Zeitung. Weiter erfuhr ich, dass »kaum noch von Anonymität zu sprechen« sei, denn »die Menschen, deren Beiträge wir auf unserer Leserbrief-Seite drucken, kennen wir und unsere Foristen zum großen Teil so gut, dass wir ihren eigentlichen Namen nicht wissen müssen«.

Man stelle sich vor: Die Redaktion samt Foristen weiß in der Regel gut, mit wem sie es zu tun hat - sie behauptet das zumindest, ich bezweifle es -, aber vor ihrer Leserschaft verbirgt sie das. Was ist das für eine Kommunikation, was für eine Beziehung? Nebenbei: Als es bei der Debatte um Plagiatsfälle à la Guttenberg darum ging, dass viele Plagiate durch anonyme Fahnder entdeckt wurden, hat dieselbe Zeitung diese Anonymität scharf kritisiert. Logisch ist das nicht.Weiter schrieb mir die Chefredaktion, dass »sich jeder User mit einer E-Mail-Adresse bei uns anmelden muss«; dabei werde »standardmäßig kontrolliert, ob es sich um eine valide Internetadresse handelt«. Doch jeder weiß, dass die keinen Namen laut Personalausweis enthalten muss. Es wird mir immerhin zugestanden, dass ich mit meinen Einwänden »auch recht habe« - es sei »in der Tat ein Problem, dass sich so wenige Menschen mit ihrer eigentlichen Identität im Netz bewegen«. Dass die Redaktion genau dieses Problem nach Kräften fördert, sagt sie nicht.

Was tun? Ich wandte mich an die Instanz, von der die erwähnte Richtlinie gegen anonyme Zuschriften stammt, an den Deutschen Presserat. Dessen Beschwerdeausschuss 2 mit seinen fünf Mitgliedern befand meine Beschwerde zwar formal als begründet, sah jedoch von einer Maßnahme gegen den »freitag« ab. Der Grund: »Das Vorgehen der Redaktion ist mit der Richtlinie 2.6 zu vereinbaren«, erfuhr ich. Entscheidend sei, »dass die Redaktion auf die Quelle der Online-Kommentare verweist«. Mit anderen Worten: Ein Leserbrief mutiert fix zu einem Online-Kommentar. Dass dessen Quelle (= Autor) auf einem Pseudonym beruht, spielt dann keine Rolle mehr. Das nenne ich erfinderisch und trickreich - aber ganz an der Sache vorbei. Im Übrigen ist der Presserat für Online-Medien nicht zuständig.

Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion der »Süddeutschen Zeitung«, hat die Praxis anonymer Leserbriefe im Internet und anderswo attackiert. Der tatsächliche Name eines Schreibers gehört in den gedruckten Ausgaben »zum Wesen einer Zeitung«, schrieb er in der SZ vom 9. 9. 2011. »Im Internet verändert Presse zwar den Aggregatszustand, aber nicht ihr Wesen.« Doch auch in der SZ finden sich inzwischen Stimmen aus dem Fundus etwa von Twitter, Facebook und sueddeutsche.de. Unter DEBATTE@SZ kann man lesen, was »Commander J« und »Hastdunichtgesehen« beispielsweise zu Bioprodukten befinden. Welche Angst treibt sie zu solchen Tauchstationen?

Noch eine Frage: Wie lange wird es dauern, bis das jemand sagt: »Schau mal, da hat jemand unter seinem richtigen Namen einen Leserbrief geschrieben. Ich fasse es nicht. Komischer Typ.«

Der Autor ist Journalist und Buchautor. Er lebt in Bonn.

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