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Grande Dame

Arbeiten auf Papier von Charlotte E. Pauly

Ein Gesicht, das man nicht vergisst, das orientalische Mützchen auf dem schlohweißen Haar, die Augen kritisch prüfend zusammengezogen, scharfe Falten bedecken die Stirn und ziehen sich von der Nase zu den Mundwinkeln. Eine ungeheuer wache, ja energiegeladene Person schaut uns ironisch, spöttisch an und kann dennoch die Güte des Herzens nicht verleugnen. Diese wunderbare Frau, die auch recht ungehalten sein konnte, ihren Zorn immer mit Sarkasmus vermischend, hat in den 60er Jahren stark auf die junge Ostberliner Kunstszene gewirkt. »Die alte Pauly«, wie sie liebevoll genannt wurde, erlernte noch mit 72 Jahren das Radieren bei Herbert Tucholski und setzte ihre Bilder vom Ende der 20er und Anfang der 30er Jahren vor allem in Monotypien in ganz neuer Weise um.

Die Galerie Parterre erinnert an die 1981 verstorbene Grande Dame der (Ost-)Berliner Malerei und Grafik, die auch eine viel zu wenig bekannte Schriftstellerin und Übersetzerin etwa der Verse Garcia Lorcas war, und setzt ihre Arbeiten vor der NS-Diktatur, während der sie zurückgezogen im Riesengebirge in unmittelbarer Nachbarschaft Gerhart Hauptmanns lebte (sie malte dessen letztes Porträt und zeichnete ihn auf dem Totenbett), mit denen aus der Nachkriegszeit in Beziehung. Diese frühen Arbeiten sind vornehmlich Aquarelle, kombiniert mit Deckfarben, und Ertrag ihrer Aufenthalte in Spanien, Portugal, Griechenland und im Vorderen Orient.

Für die Pauly galt der spontane, temperamentvolle, unreflektierte und ungehemmte Ausdruck, dem die erste Konzeption, die Skizze eigentlich wichtiger war als das ausgewogen vollendete Werk. Das Bildgerüst wird nicht so sehr von der Zeichnung getragen, sondern von der farbigen Form, die selber Zeichen ist. Oder anders gesagt: Das Zeichen fügt sich selber in die Fläche ein. Sie malte Porträts, Figuren, Interieurs, Stadt- und Naturlandschaften in einer lockeren tonigen Malerei, die mit streichelnder Zärtlichkeit immer wieder die Dinge, die Menschen - spanische und portugiesische Fischer, Zigeuner, die Wäscherin am Fluss, klagende Witwen am Strand, Nonnen in Beirut, eine arabische Bäuerin, den Schuhmacher oder Tuchhändler in Damaskus, das Straßenleben in Isfahan oder Nazaré - tupfend berührt, wie in einem leisen Anklopfen und behutsamen Weiterlauschen auf den Ton, der aus ihnen klingt.

Mit diesen leisen Berührungen macht sie an den Dingen, an den Menschen ein Licht sichtbar, das halb von außen auf sie zu fallen, halb aus ihnen selbst zu kommen scheint. Gerade wenn dieser schauende Blick Menschen trifft, so erhalten auch sie dieses in Stille Versinkende, Wartende, die ewige Melancholie des Lebendigen, wenn es reglos ist. Dichtung weht um sie: hier ein verlorener Blick, dort ein unbeobachtetes Sich-Sinkenlassen oder ein schmerzlicher Kontur.

Erst in den 50er Jahren begann die Pauly dann wieder in Berlin mit dem Malen und Zeichnen, langsam, mühsam, von Skrupeln gepeinigt. Sie machte sich mit den grafischen Techniken vertraut, immer wieder alte Bilder und Themen hervorsuchend, um ihnen zu erhöhtem Ausdruck zu verhelfen. Sie dienen als Erinnerungsspeicher, werden aber jetzt von der Vorstellung einer Synthese geprägt, in der sich der Ausdruck des Lichts mit dem greifbaren, in festen Raumbeziehungen eingeordneten Formkörper verbindet. In diesen Blättern und Bildern verfestigen mitunter schwarze Konturen das Gegenständliche wie die Verbleiungen von Kirchenfenstern und geben Ton und Farbe Dichte und Dauer. Eine Aussage, die weit über das malerische Erlebnis hinausgeht.

Gleichzeitig mit dieser Ausstellung erscheint ein von Anita Kühnel besorgter Band von Selbstzeugnissen der Künstlerin unter dem Titel »Ein schlesisches Fräulein wird Weltbürgerin« (Verlag Berlin-Brandenburg).

»Ein Temperament, mir selbst fast unbekannt«, Charlotte E. Pauly - Arbeiten auf Papier. Galerie Parterre, Danziger Str. 101, Mi.-So. 13-21 Uhr, Do. 10-22 Uhr, bis 4. November, zur Ausstellung erschien ein Faltblatt

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