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Promis und Protest

Im Martin-Gropius-Bau fasziniert »The Lost Album« von Dennis Hopper

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 4 Min.
Wer wissen möchte, wie das wahre, unverfälschte Amerika hinter der offiziell gepflegten und propagierten Fassade aussah, dem bietet Dennis Hopper brillantes Anschauungsmaterial. Ist er vielen nur als Regisseur und Darsteller seines beim Festival in Cannes ausgezeichneten Erstlings »Easy Rider« von 1969 bekannt, eines gefilmten Harley-Davidson-Traums von der großen Freiheit, so zeichnen den ganzen Dennis Hopper weitaus mehr Talente aus.
Als Schauspieler bei Wim Wenders, Francis Ford Coppola, David Lynch genießt der 2010 Verstorbene Kultstatus, hinterließ auch Gedichte, Malerei, Skulpturen. Und Fotos. Sie sind vielleicht das, was seinen Ruhm in die Zukunft tragen wird. Fotografiert habe er, seit er 18 war, sagte er in Interviews, zumindest als er seine erste Kamera geschenkt bekam, die Fotos ihm überleben halfen. West-Side-Story-Bilder aus New Yorker Straßen nennt er sie. Besonders zwischen 1961 und 1967 entstanden faszinierende Schnappschüsse vom Alltag in Amerikas Umbruchsphase, einem Spannungsfeld aus Vietnam-Debakel und Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King. Aus all jenen fotografischen Fixationen hat er 1969/70 für seine erste große Schau im Fort Worth Art Center Museum in Texas 429 Aufnahmen ausgewählt, einfach auf Holz aufgezogen und mit Holzleisten an die Wand montiert.
Viele internationale Ausstellungen folgten: New York, Basel, Mailand, Tokio, Amsterdam, Wien, Paris, die letzte dann 2010 in Los Angeles, kurz nach Hoppers Tod. Die Kollektion der ersten großen Schau fand man, verteilt auf fünf Kisten, im Nachlass, mit Gebrauchsspuren wie Kratzern, Verfärbungen, Fingerabdrücken und zerfaserten Ecken. So gingen sie nun erstmals auf die Reise nach Europa. Der originalen Ausstellung nachempfunden, sind sie als »The Lost Album« im Martin-Gropius-Bau zu sehen, geschützt in riesigen Vitrinen, dort gleichsam mit Leisten auf der Wand befestigt und in thematischer Fügung.

Singulär dokumentarisch für jene militant bewegte Ära der Veränderung, des Aufbegehrens wirken sie nicht nur durch die Stars aus bildender Kunst und Film, denen Hopper in Los Angeles oder beim Filmdreh begegnete; mehr noch durch seine großartig sensiblen Ausschnitte aus dem Alltag, ob Kinderspiel oder Verfall von Dingen. Und freilich durch die Nähe zur Protest-, Hippie-, Biker-Bewegung. Amerikas Jugend rebelliert gegen das offizielle Establishment, Hopper ist mittendrin und wird mit seiner Kamera ihr Sprachrohr, ohne politisch organisiert zu sein. Schlicht als fein beobachtender Zeitgenosse.

Fotografiert hat er Prominente, vor und während ihres Ruhms: Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely im Studio, ernst Edward Kienholz mit einem Puppenkopf, Marcel Duchamp, Rauschenberg, wie er, satt, sauber und mit Schlips, die Zunge bleckt, elegant und herablassend Jasper Johns, strahlend jung Roy Lichtenstein, der vor einem Werk hockt. Jane Fonda vor der Heirat mit Roger Vadim und, zweimal, Paul Newman mit freiem Oberkörper, den Schatten von Maschendraht auf der Haut.

Hopper schoss Fotos, wo immer er gerade war. Hippie-Paare in ihrem verrückten Outfit, tanzend für eine bessere Welt; Hells Angels mit Nazi-Symbolen, einer, engelsgleich, mit leuchtenden Augen und Stirnbinde, wirklich in der Hoffnung auf Wandel zum Guten, andere zahnlos und mit Eisenketten. In London politische wie auch religiöse Prediger, bei Drehpausen in Mexiko die Friedhofs-Kultur mit Klageengeln, eine pathetische Christus-Statue, eine Serie zu Stierkampf und den Mut beim Rodeo. Besonders daheim in Los Angeles und den USA wird Hopper Chronist der Proteste, etwa dem March on Alabama mit Luther King, der hinter einem Wald aus Mikrofonen spricht, und auch der polizeilichen Ausschreitungen dagegen.
Hopper porträtiert Ike und Tina Turner, Gruppen wie Jefferson Airplane, Lovin' Spoonful, die Byrds, Brian Jones und James Brown, ohne dass Starfotos im engeren Sinn entstünden. Er darf Andy Warhol in seiner Factory zuschauen, der ihn offensichtlich ebenso interessiert wie Unbekannte in ihrem Milieu, auf der Straße vor verblichener Kulisse.

Bewusst flau sind manche Fotos gehalten, als Gestaltungsmittel für Atmosphäre. Hopper arbeitet stets mit Naturlicht, hält die Kamera unvermittelt aufs Objekt, hat Gespür fürs Detail, ohne bewusst kompositorische Absicht. Sein Auge erspäht fixierenswerte Momente, blätternde Graffitis, die so neues Leben, künstlerisch verwandelten Wert bekommen, eine auf dem Gesicht in einer Pfütze liegende Puppe, den Union Jack im Strandsand, ein Gesicht aus rostigen Haken und Schatten und immer wieder aggressive, übergroße Werbung, die ohne jeden Betrachter trist und anachronistisch wirkt. Er wollte mit den Fotos etwas hinterlassen, bekannte Dennis Hopper: Gelungen ist ihm nicht weniger als ein fesselnd authentisches Zeitpanorama.

Bis 17.12., Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7

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