Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Schwerkrank oder halbtot?

Der Amerikanische Patient - ein Befund von Josef Braml

  • Von Reiner Oschmann
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Diagnose Josef Bramls (Jg. 1968), ähnelt der Ausgangslage eines jüngst erfolgreichen Amerika-Romans von Gary Shteyngart: Die USA führen erdölhungrig Krieg, sie haben die Weltmachtführung verloren, eine Restaurationsregierung agiert ratlos gegen den »Islamofaschismus«, und der geschwächte Dollar ist nur etwas wert, wenn er an den chinesischen Yuán gekoppelt wird.

Der Autor, der als Berater der Weltbank und in der ersten Kammer des US-Kongresses (Abgeordnetenhaus) gearbeitet hat, formuliert einen alarmierenden Befund. Bei der Buchvorstellung in der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin, wo er mit dem früheren Koordinator für die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit, Karsten D. Voigt (SPD), über die Krankheitsschwere des Patienten stritt, sagte Braml: Die Wirtschafts-, Finanz- und Energieprobleme der USA sind heute so groß, dass die Regierung nicht mehr frei handlungsfähig ist. Die politischen Gewalten, Legislative und Exekutive, blockieren sich zunehmend, weil es nichts mehr zu verteilen gibt, nachdem man lange auf Pump gelebt hat. Diese Handlungsunfähigkeit wirkt sich auf die Welt, auch auf Deutschland, aus.

Braml schreibt: »Zwar erheben die Vereinigten Staaten nach wie vor den Anspruch, eine liberale Weltordnung amerikanischer Prägung aufrechtzuerhalten, doch die wirtschaftliche Schwäche und die Einschränkungen der politischen Führung hindern sie zunehmend daran, ihre globale Ordnungsfunktion wahrzunehmen.«

Der Autor attestiert Herzrhythmusstörungen der US-amerikanischen Wirtschaft und Gesellschaft: in der Auto- und Immobilienbranche, der Infrastruktur und im Konsum (»wo soll die wirtschaftliche Kraft herkommen, wenn immer mehr Amerikaner als Konsumenten ausfallen?«). Die Arbeitslosigkeit liege entgegen offiziellen Angaben bei 20 Prozent. Ein Rekordhaushaltsdefizit sei erreicht, das Energiedilemma evident. »Amerikas Abhängigkeit von importiertem Öl ist zum wirtschaftlichen Problem und sicherheitspolitisch relevanten Thema geworden. Um die Energieressourcen und Handelswege zu sichern, hat Washington bisher auf die kostspielige Strategie massiver Militärpräsenz gesetzt. Diese Strategie lässt sich wegen der schlechten sozioökonomischen Verfassung Amerikas und wegen des schwindenden innenpolitischen Rückhalts im eigenen Land nicht länger aufrechterhalten.« Deshalb werden die USA die Lasten der für sich beanspruchten weltweiten Führung auf die Alliierten abzuwälzen versuchen.

Der brisante Untertitel, der einen drohenden Kollaps beschwört, wird in der verdienstvollen Untersuchung nur im Abspann behandelt. Voigt äußerte bei der Buchvorstellung die Vermutung, der Titel verdanke sich verlegerischem Kalkül. Er verkenne die Probleme der USA nicht, sie besitze jedoch große dynamische Fähigkeiten. Eine Besonderheit der US-Amerikaner bestehe darin, »dass die sich in der Verzweiflung nicht gemütlich einrichten«. Braml stimmte zu. Er schreibe Amerika nicht ab, »aber Amerika muss umsteuern, weil Arbeit, Kapital und Know How nicht mehr stimmen«.

Josef Braml: Der amerikanische Patient - Was der drohende Kollaps der USA für die Welt bedeutet. Siedler. 222 S., geb., 19,99 €.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln