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Eine Bildwelt vor der Haustür

Abschied von Ikarus - Ausstellung und Tagung in Weimar

  • Von Harald Kretzschmar
  • Lesedauer: 3 Min.

Kunstgeschichte ist nie sonderlich aufregend. Eruptionen extremer Exzesse erschüttern die Szene kaum. Jahrhunderte lang wurde solide gemalt und gezeichnet und modelliert und sonst wie künstlerisch gestaltet. Es gab stets Kunst im eigenen oder im fremden Auftrag. Und es galten gesicherte Qualitätskriterien, nach denen Spreu vom Weizen geschieden wurde. So auch in dem zum Sonderfall abqualifizierten Biotop, das sich DDR nannte. Nunmehr als »ehemalig« abgehakt, wird es erst Zug um Zug sachlich-kritisch gewürdigt.

Warum eigentlich tobt dazu immer noch eine mittlerweile recht unzeitgemäße ideologische Kontroverse? Wieso dieses Fremdeln selbst gegenüber eher privat als politisch interpretierten Sujets? Sehgewohnheiten ändern sich offenbar nicht nur auf Seiten des Publikums sehr zögerlich. Die Experten reibe sich immer noch die Augen, wenn sie wahrnehmen, dass jenes Land von Katastrophen erschüttert wie von schöpferischen Impulsen durchsetzt war. Man fragt sich: Ist es so schwer, den Erben des Landes das Bewusstsein zuzubilligen, besonders auf künstlerischem Gebiet etwas Nennenswertes geleistet zu haben? Reihenweise werden Stätten zum Weltkulturerbe erklärt. Wird jemals etwas in den Jahren 1949 bis 1989 hierzulande Geschaffenes dazugehören?

Nun aber kommt in Sachen Kunst Licht aus der Tiefe des Tunnels der Geschichte auf uns zu. Denn es gibt inzwischen Experten, die höchst regierungsamtlich, also vom Bundesministerium für Bildung und Forschung beauftragt und bezahlt sind: Sie sichten seit Jahren den aus jener Zeit überlieferten Kunstbestand. In konzertierter Aktion treten sie jetzt erstmalig mit Forschungsergebnissen an die Öffentlichkeit. Ehrlicherweise kehren sie damit an den Ort zurück, der vor Jahren zu einem kruden Skandalplatz herabgewürdigt wurde: Weimar.

Anders als der Herr Professor namens Preiss, der 1999 als ausgewiesener Nichtkenner alles Hiesigen eine DDR-Gemaltes herabwürdigende Show inszenierte, entdecken sie diesmal bildgewordene geistige Prozesse erheblicher Tragweite. Der vergebliche Utopist Ikarus lenkt ihren Blick als Namenspatron darauf. Sein Auftreten in der Bildwelt damals vor unserer Haustür spricht Bände. Er war die exemplarische Symbolfigur. Das zwischen den Zeilen zu Lesende und das hinter real gemalter Fassade zu Spürende - es wird fälschlich allzu schnell als Sklavensprache in der Diktatur abqualifiziert. Als ob Becketts Warten auf Godot oder Beckmanns Argonauten Eins zu Eins zu lesen und zu deuten seien.

Man darf sehr gespannt sein. Erstens darauf, was wo wie präsentiert wird. Zweitens auf die Deutung, die bisher distanzierte Interpreten nun finden. Drittens aber auf das Echo in einer nach wie vor gespaltenen Öffentlichkeit, die sich westwärts sperrt und ostwärts ziert angesichts dessen, was war. Schließlich ist Fakten aufzunehmen und anzuerkennen das Eine, und das Akzeptieren und Integrieren in ein bereits festgefügtes Weltbild das Andere. Immerhin will die dazugehörige wissenschaftliche Tagung ein »Beitrag zu der bis heute aktuellen Debatte um die Kunst aus der DDR« sein. Sie versuche eine interdisziplinäre Bestandsaufnahme und debattiere die Perspektiven einer Neubewertung der bildenden Künste aus der DDR.

19. Oktober bis 3. Februar 2013, Neues Museum Weimar.

Begleitende Ausstellungen:

● »Schaffens(t)räume. Atelierbilder und Künstlermythen«, 20. Oktober bis 3. Februar 2013, Kunstsammlung Gera;

● »Tischgespräch mit Luther. Christliche Bilder in einer atheistischen Welt«, 21. Oktober bis 20. Januar 2013, Angermuseum Erfurt.

Die Ausstellung »Abschied von Ikarus. Bildwelten in der DDR - neu gesehen« wird, laut Veranstalter, gemeinsam organisiert von der Klassik Stiftung Weimar und dem BMBF-Verbundprojekt »Bildatlas: Kunst in der DDR« mit seinen Partnern: den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Galerie Neue Meister; dem Institut für Soziologie der Technischen Universität Dresden; dem Kunstarchiv Beeskow und dem Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. In dreijähriger Verbundarbeit sei es gelungen, die zwischen 1945 und 1990 in der SBZ und der DDR entstandene Malerei umfänglich zu dokumentieren. Dabei handele es sich um mehr als 20 000 Werke in 165 Sammlungen, die sich in Museen, Unternehmen, Sonderdepots und privaten Einrichtungen befinden. Die Ergebnisse werden neben der Ausstellung und dem Katalogbuch auch in einem gedruckten Bildatlas und einer internetbasierten Datenbank veröffentlicht.

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