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Sind so schöne Eisberge

»Gnade« von Matthias Glasner

  • Von Alexandra Exter
  • Lesedauer: 3 Min.

Sie ist tückisch, die Polarnacht, fast so tückisch wie die weißen Nächte am anderen Ende des Jahreszeitenverlaufs. Denn wenn es dunkel ist, immer nur dunkel, kann man schon mal ein Mädchen übersehen, das auf der Straße läuft, weil am Straßenrand eben außerhalb von Hammerfest die Schneewehen ein Gehen unmöglich machen. Das vielleicht getrunken hat, schließlich kommt es am frühen Morgen von einer Party, wo es wer weiß was mit jüngeren Jungs gemacht hat, wie man später erfährt, geknutscht vielleicht, und also wahrscheinlich vor lauter Trinken und Feiern nicht mehr ganz geradspurig läuft, während man selbst übermüdet daherkommt von gleich zwei humanitär wahnsinnig wertvollen Schichten im Sterbehospiz.

Was aber tun, wenn es schiefgegangen ist, wenn das eigene, eben mühsam in neue Bahnen gelenkte Leben so kurz nach der hoffnungsvollen Immigration schon wieder aus dem Ruder läuft, weil man das Knirschen hörte, mit dem man über einen Körper fuhr, weil das Spektakel des Nordlichts momentan ablenkte, und man nicht weiß, ob das ein Tier war unter den Rädern, schlimm genug, oder nicht doch vielleicht ein Mensch?

Es gäbe viel zu erzählen über die besonders fragile Beziehung zwischen Deutschen und Norwegern an einem Ort wie Hammerfest, von den deutschen Besatzern zerstört, nach dem Krieg mit deutschem Geld wiederaufgebaut. Ein bisschen schwingt diese historische Dimension tatsächlich mit im Film, in dem mehrfach erwähnten dünnen Boden unter den Füßen, den die deutschen Immigranten bei aller Eingliederung der Sprache, wenn schon nicht der belastenden Geschichte wegen spüren. Im Lied, dass Marias Chefin im Hospiz abends nach der Schicht vor Kollegen und Patienten singt und das von der Liebe zu einem Deutschen handelt, der verbotenen Liebe - aus Berlin.

Matthias Glasner hat diese zusätzliche Komponente seiner Story von Schuld und Gnade, nicht Sühne, aber nicht interessiert, jedenfalls nicht explizit. Vielleicht hat er den Drehort einfach seinem dänischen Drehbuchautor Kim Fupz Aakeson zu verdanken, vielleicht hat er ihn gewählt, weil sich mit einem guten Kameramann so wunderschöne Bilder machen lassen in der eiskalten, einsamen Meeres-Landschaft um Hammerfest. Und schöne, leinwandfüllende Bilder, die mag Glasner. Ebenso wie provokante Themen, mit denen er sich seine ganz eigene Nische geschaffen hat im deutschen Großkino, spätestens mit seinem Vergewaltiger-Drama »Der freie Wille«.

Maria (Birgit Minichmayr) tut erst mal nichts. Fährt nach Hause, legt sich ins Bett, schiebt die Schuld so weit weg wie möglich. Ihr Mann Niels (Jürgen Vogel) ist es, der zurückfährt und die Straße absucht, aber nichts findet. Am nächsten Morgen die Sicherheit: Es war ein Mensch, eine Nachbarstochter, die Mutter singt mit Maria im Kirchenchor, der Vater versorgt Niels mit dem Futter für seine Tiere. Maria, die »Gute« in der Familie - ihr Mann betrügt sie systematisch, der vernachlässigte Sohn lässt sich in der Schule auf das Mobben eines Schwächeren ein -, will die Schuld weiterhin nicht wahrhaben. Und wird am Ende den Eltern der Toten nicht nur ihre Fahrerflucht gestehen müssen, sondern auch noch auf deren Vergebung hoffen. Dass sie sie erhält, dass hier tatsächlich Gnade vor Recht ergeht und sich die Norweger noch einmal mit der deutschen Schuld in ihrer Mitte arrangieren, das erlebt man dann eher nicht als Geschenk, sondern als Unrecht.

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