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Theater ohne Loge

Ein Film dokumentiert die hundertjährige Geschichte der Deutschen Oper

Wenige Wochen nach dem Mauerbau wurde in Charlottenburg die Deutsche Oper Berlin wiedereröffnet. Auf dem Spielplan des 24. September 1961 stand Mozarts »Don Giovanni«. Mit Dietrich Fischer-Dieskau in der Titelrolle und Ferenc Fricsay, dem früheren Generalmusikdirektor des Hauses, am Dirigierpult.

Doch das Publikum bestaunte nicht nur die internationalen Stars, sondern auch den modernen, funktional und transparent eingerichteten Bau in der Bismarckstraße. Dass die Besucher anfangs den Kopf schütteln über die abstrakte Riesenskulptur vor der Fassade, sieht man in einer neuen Dokumentation zum hundertjährigen Bestehen der Deutschen Oper. Der Film »Ouvertüre 1912« stammt von Enrique Sánchez Lansch, dem Regisseur des Erfolgsstreifens »Rhythm is it!«.

Sánchez Lansch beginnt mit dem Anfang: Am 7. November 1912 wurde das Deutsche Opernhaus mit Beethovens »Fidelio« eröffnet. Um das notwendige Kapital aufzutreiben, hatten bürgerliche Kreise eine Aktiengesellschaft gegründet. Ihre Hoffnung auf wirtschaftlichen Erfolg knüpften sie an Richard Wagner, dessen Werke 1914 tantiemenfrei wurden.

Als »Bürgeroper« für Lehrer oder niedere Beamte sollte das Haus ein Gegengewicht zur höfischen Oper Unter den Linden bilden. Egalität hielt auch im Parkett Einzug: Jeder Platz hatte gute Sicht, Logen gab es nicht.

Die spannende Zwischenkriegsgeschichte der Deutschen Oper wird von Sánchez Lansch jedoch knapp abgehandelt. Nur eine Randbemerkung gilt der Glanzzeit unter dem jüdischen Dirigenten Bruno Walter.

Nach 1933 wurde die Deutsche Oper zu einer der wichtigsten Repräsentationsbühnen des Nazi-Regimes. Sie war ein Lieblingsprojekt von Goebbels, der postwendend Hitlers Lieblingsbariton Wilhelm Rode zum Intendanten machte und sich selbst gern in Regie-Angelegenheiten einmischte.

Da das alte Opernhaus den Bomben zum Opfer fiel, bezog die Deutsche Oper nach dem Krieg Quartier im Theater des Westens, bis man 1961 in den Neubau an der Bismarckstraße zog. Ein Jahr später, zum 50-jährigen Bestehen, schuf Regisseur Gustav Rudolf Sellner eine radikal abgespeckte Kammerspiel-Version des »Fidelio«, von der Sánchez Lansch eindringliche Ausschnitte in Schwarzweiß zeigt.

Christa Ludwig übernahm hier die Hauptrolle der Leonore. Die Mezzosopranistin gehört neben der Sopranistin Karan Armstrong und Regisseur Hans Neuenfels zu den wichtigsten Zeitzeugen im Film. Sie alle entwerfen das Bild einer leidenschaftlich verschworenen Gemeinschaft, die im ummauerten Westberlin die Fahne der Kunst hochhielt.

Ein Höhepunkt ist die Begegnung des Filmregisseurs mit Fischer-Dieskau zwei Monate vor dessen Tod. Geistig hellwach, erinnert sich der Bariton an die Anfänge seiner Karriere im zerstörten Nachkriegsberlin.

Die 60er bis 80er Jahre, die im Zentrum der Dokumentation stehen, waren an der Bismarckstraße Jahrzehnte großer Regisseure, allen voran Götz Friedrich. Sánchez Lansch traf den Bühnenbildner seines legendären Wagner-»Rings«, dessen Ausstattung von einem Washingtoner U-Bahntunnel inspiriert war.

Der Film präsentiert eine reichhaltige Materialfülle, die jedoch nicht recht im Zaum gehalten wird. Thematisch und chronologisch geht es munter hin und her. Opernausschnitte dauern oft nur wenige Augenblicke; andererseits wird zu viel Raum für Anekdötchen eingeräumt.

Der Film zeigt die Deutsche Oper aber auch als Hort des zeitgenössischen Musiktheaters. Man sieht fesselnde Szenen aus den Uraufführungen von Aribert Reimann oder Hans Werner Henze. Und am Schluss den neuen Intendanten Dietmar Schwarz, der sagt, er wolle »arbeiten daran, dass neue Werke selbstverständlich« würden.

Die im November erscheinende Jubiläumsbox mit fünf Opernmitschnitten aus den 60er Jahren blendet das Neue Musiktheater allerdings völlig aus. Man beschränkt sich auf Mozart, Beethoven und Verdi.

Enrique Sánchez Lansch »Ouvertüre 1912. 100 Jahre Deutsche Oper«: Präsentation in der Deutschen Oper: 19.10., 20 Uhr, im rbb: 23. 10., 22.45 Uhr

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