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Ein problematischer Preis?

Heinz Ratz erhält die Integrationsmedaille der Bundesregierung

nd: Mit Flüchtlingen zusammen machen Sie Musik. Für das Bandprojekt - die Refugees - wird Ihnen heute die Integrationsmedaille verliehen. Doch die Auszeichnung bereitet Ihnen Bauchschmerzen.
Ratz: Ich habe mich ja genau deshalb so stark für Flüchtlinge engagiert, weil ich die Asylpolitik der Bundesregierung als unmenschlich und zutiefst ungerecht empfinde. Die gleiche Regierung verleiht mir dafür nun eine Auszeichnung. Das hat schon etwas sehr Surreales!

Was kritisieren Sie?
Vor allem die inhumane Unterbringung in oft primitivsten Lagern, eine Entrechtung und Gängelung wie etwa beim Arbeitsverbot oder bei der eingeschränkten Bewegungsfreiheit durch die Residenzpflicht. Eine minderwertige ärztliche Versorgung. Auch dass viele Flüchtlinge zehn oder zwanzig Jahre in diesen Lagern leben müssen. Ich verweise auf das Auseinanderreißen von Familien und eine grundsätzlich in Frage zu stellende Abschiebungspolitik.

Sie nehmen den Preis aber an.
Der Preis ermöglicht es mir als Preisträger vielleicht, mich noch effektiver einzumischen, wenn es darum geht, Ungerechtigkeiten anzuprangern und zu beseitigen. Mit dem Preis schaffe ich es hoffentlich, wenn es nötig ist, mehr öffentliche Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Damit fangen Sie heute an?
Ja. Ich habe mich entschlossen, Hossein aus Afghanistan und Sam aus Gambia zur Preisübergabe mitzunehmen. Beide gehören zu meiner Flüchtlingsband, den Refugees. Und ich werde die Integrationsbeauftragte Maria Böhmer einladen, mit mir am 8. November das Flüchtlingsheim im thüringischen Gerstungen zu besuchen, dort, wo ich im vergangenen Jahr Hausverbot erteilt bekommen habe, aber der fremdenfeindlichen NPD nun unter dem Deckmäntelchen kommunalpolitischen Interesses Zutritt gewährt wird.

Was treibt Sie an?
Einige Flüchtlinge, die ich im Vorjahr noch persönlich kennengelernt hatte, sind wegen ihrer aussichtslosen Situation in den Freitod gegangen. Natürlich lässt mich das nicht kalt. Es kann nicht sein, dass wir im Namen der Menschenrechte Soldaten in ferne Länder schicken, die selben Menschenrechte denen aber verweigern, die aus diesen Ländern in Not zu uns kommen.

Aktuell wird wieder eine unsägliche »Asyldebatte« geführt. Ein Zeichen für nahende Wahlen?
Das weiß ich nicht. Ich schau gar nicht so sehr auf die Parteien. Das Schüren von Ängsten und die grundsätzliche Ablehnung gegenüber Zuwanderern und Flüchtlingen kann ich nur verurteilen. Leider sind wir von einer Willkommenskultur noch sehr weit entfernt.

Eigentlich machen Sie sich nicht viel aus Preisen?
Naja. Wenn ich höre, dass ich einen Preis bekommen soll, denke ich zuerst, dass ich irgendetwas falsch gemacht haben muss. Das ist wohl der Anarchist in mir. Ich kämpfe schon so lange um diese Themen und über Jahre ohne jede mediale oder sonstige Aufmerksamkeit. Das scheint sich zu ändern, gut, freut mich! Aber noch mehr freut mich, wenn ich bei den Konzerten in die glücklichen Augen meiner Refugees-Mitmusiker und in die nachdenklichen Gesichter der Zuschauer sehe!

Interview: Dieter Hanisch

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