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Die Hoffnung stirbt zuletzt

»Keep the Lights On« von Ira Sachs

  • Von Alexandra Exter
  • Lesedauer: 3 Min.

Einerseits ist »Keep the Lights On« die Geschichte vom überraschenden Beginn, erfolgreichen Andauern und schleppend langwierigen Absterben einer schwulen Beziehung, inspiriert von autobiografischen Daten aus dem Leben von Regisseur Ira Sachs. Bei der letzten Berlinale gewann der Film denn auch völlig zu Recht den Teddy für den besten schwullesbischen Spielfilm. Andererseits funktioniert »Keep the Lights On« weit über den konkreten Kontext hinaus auch wunderbar als sehenswerte Studie einer Liebesbeziehung ganz im Allgemeinen.

Die Art der ersten Begegnung von Erik (Thure Lindhardt), einem dänischen Dokumentarfilmemacher in New York, und Paul (Zachary Booth), einem jungen New Yorker Anwalt mit fester Freundin, der eigentlich nebenbei ein bisschen rumprobiert, ist noch recht spezifisch für die Szene. Erik steckt in einer Phase der Stagnation mit seinem Filmprojekt über einen New Yorker Fotografen und Vorreiter der schwulen Underground-Kunstbewegung, ihm geht die Finanzierung aus, er ist allein, nervös, er kann nicht stillsitzen. Also sucht er sich per schwuler Telefonsex-Partnerbörse einen Mann für eine intime Begegnung für die Nacht. Er tut das nicht zum ersten Mal, aber diesmal wird es bei der einen Nacht nicht bleiben. Auch wenn Paul gleich klarstellt, dass er in festen Händen ist, weiblichen noch dazu, wird aus dem zufälligen Gelegenheitsliebhaber trotzdem ziemlich schnell ein fester Partner. Erik zieht bei Paul ein, jetzt könnte alles gut werden.

Ein paar Jahre lang wird es das auch. Dann probiert Paul immer härtere Drogen, bleibt nachts weg, ist tagelang verschwunden, geht in die Reha, kommt zurück, wird prompt rückfällig - aber Erik kann sich ein Leben ohne Paul einfach nicht mehr vorstellen. Der eine ist abhängig vom anderen, aber der ist auf Droge und zusehends haltloser in seinem Konsum. Und beim Zuschauer mischen sich das Mitleiden mit Erik und die Anteilnahme an seinen immer verzweifelteren Rettungsversuchen mit einer steigenden Irritation, weil er partout den Realitäten nicht ins Auge sehen und von diesem doch eigentlich verlorenen Freund endlich lassen mag.

Die Erinnerung an eigene, viel zu lange über ihr (allen anderen natürlich völlig offensichtliches) Verfallsdatum hinaus fortgeschleppte Beziehungen, die bittere Erkenntnis, dass man niemanden retten kann, der nicht gerettet werden möchte, die ewig junge Hoffnung auf eine Rückkehr der schönen Tage, als man einander noch Partner war im Leben und nicht nur im Streiten - die vielschichtige emotionale Gemengelage des Films ist so allgemeingültig wie schwer erträglich, so präzise konstruiert wie lebensnah dargestellt. Vor allem Thure Lindhardt ist überragend gut als dieser Mann, der darauf besteht, weiter an seine Liebe zu glauben, auch als der Mensch schon gar nicht mehr da ist, der sie einst hervorrief. Das schönste aber ist, wie der Film ganz spezifisch die schwule Szene in New York schildert, sie exakt verortet und wiedererkennbar porträtiert, und trotzdem in jeder Minute auch jedem anderen etwas zu sagen hat, der selbst nicht schwul, nicht Filmemacher, gerade nicht unglücklich verliebt und auch ziemlich sicher kein künftiger Teddy-Gewinner ist.

Über neun Jahre beobachtet der Film seine Helden, neun Jahre, während derer Paul sein Leben zusehends entgleitet, auch wenn er als Anwalt unerwartet lange funktioniert. Zwischendurch bespricht Erik sich mit seiner besten Freundin (Julianne Nicholson) oder sitzt bei seiner älteren Schwester - konsequent besetzt mit dem dänischen Star Paprika Steen, denn zu Hause bei Erik wird natürlich Dänisch gesprochen - auf deren teurem Designer-Sofa und heult sich aus. Am Ende werden Paul und Erik getrennte Wege gehen und Erik tatsächlich auch mal wieder einen anderen Mann ansehen. Die nächste aufblühende Liebe, die nächste Krise, die nächste Enttäuschung, der nächste Bruch? Die nächste Hoffnung, jedenfalls.

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