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Eine antikapitalistische Insel

Den Flughafengegnern in der Bretagne geht es nicht nur um Ökologie und Lärm - sie verteidigen einen Platz für Experimente

  • Von Susanne Götze, Nantes
  • Lesedauer: 6 Min.

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In Frankreich wird die größte besetzte Zone Europas geräumt. Doch Bauern, Autonome und Umweltschützer leisten Widerstand. Seit mehr als vier Jahren leben über 200 Aktivisten zusammen mit Einheimischen auf dem Gelände des zukünftigen Flughafens »Notre Dames des Landes« in der Bretagne. Seit zwei Wochen räumt die Regierung Hollande mit 500 Militärs - die Bewohner sind entschlossen zu bleiben.

An einer Weggabelung mitten im Nirgendwo stehen leere Tische und Stühle, niemand ist zu sehen. Doch schon nach wenigen Minuten taucht der erste »Zadist« auf: Eine Heugabel in der Hand und ein Tandem schiebend geleitet Marcel Besucher ins nahe gelegene »Sabot« - einem der 30 Stützpunkte der Flughafenbesetzer. Sie haben sich in der ZAD eingerichtet, der »zu verteidigenden Zone«, in Wohnwagen, Bauhäusern und auf verlassenen Gehöften. Der Weg ist nicht leicht: Durch den schlammigen Boden watend, muss über aufwendig gestapelte Bretter, Drähte, Autoreifen und sonstigen Müll gestiegen werden.

Das »Sabot« ist ein Ort wie aus Henri David Thoreaus Roman »Walden«: eine ausgebaute Laube, vor der sich ein riesiger Garten erstreckt. »Die Ernte können wir nun vergessen«, sagt Bewohnerin Lisa. »Das Tränengas hat uns den Boden und das Gemüse zerstört.« Vergangene Woche seien auf den Gemeinschaftsgarten vier Stunden lang Hunderte Tränengasbomben niedergegangen. Lisa lebt hier seit sieben Monaten. Die 31-Jährige aus dem Rheinland kam eher durch Zufall in die »Zone« und ist dann »hängengeblieben«. Geld habe sie zwar keines mehr, aber man komme mit sehr wenig aus: »Ich habe hier gelernt, wie man Ackerbau betreibt, Gemüse anbaut und sich fast vollständig selbst versorgt - wir sind zu 80 Prozent autonom«. Auch wenn die »Zone« komplett dezentral organisiert ist und jede Zelle ihre eigenen Regeln hat, werden gemeinsam Demos, Plena und Konzerte organisiert. Auch ein Theater soll es gegeben haben, bevor die Polizei das Gebäude zerstörte.

In der Laubenküche sitzt das »Sabot-Kollektiv«. Es wird Gemüsesuppe gekocht, Kaffee getrunken, geraucht und wild diskutiert. »Der Flughafen ist nur ein Symbol, uns geht es um viel mehr«, erklärt Lisa, die sich in ihren dicken Wollpulli kuschelt. Kapitalismus, das sei ewiges Wachstum, Konsum, Druck, Schnelligkeit - kurz ein Wahnsinn für Mensch und Natur. »Hier sollen nicht nur das Gelände einbetoniert, sondern Hochgeschwindigkeitstrassen verlegt, Straßen und Einkaufszentren gebaut werden - alles, was das System am Laufen hält.« Die Besetzer wollten dieser kapitalistischen Ökonomie Selbstbestimmung, Autonomie und Gemeinschaft entgegensetzen.

Seit 40 Jahren schon wehren sich die Menschen im Norden von Nantes gegen die Pläne, auf den malerischen Wäldern, Wiesen und Ackerflächen Landebahnen und Terminals zu bauen. Zwei Milliarden Euro soll der Großflughafen »Notre Dame des Landes« in der Nähe der bretonischen Stadt kosten. Die ersten Aktivisten und Besetzer von außen kamen 2007. In der ZAD leben auf 1600 Hektar Land rund 200 Gegner des Vorzeigebauprojekts von Präsident François Hollande. Was jahrzehntelang am Widerwillen der Bewohner und finanziellen Engpässen scheiterte und unter Nicolas Sarkozy abermals verschoben wurde, soll nun unter der neuen Regierung endlich umgesetzt werden. Auf die Sozialisten ist hier niemand gut zu sprechen: »Schlimmer als Sarko«, »alles eine Clique«, so sehen es die Zadisten.

Von Nantes aus nähert man sich über kleine verschlafene Dörfer dem ZAD. Es gibt keinen »Eingang« oder eine Grenzlinie, aber schnell merkt man, dass hier etwas nicht stimmt. Es stürzen zwar keine wilden Gallier mit Holzknüppeln aus dem Dickicht der Straßenböschung, doch nach dem ersten Kilometer in der »Zone« tauchen schon Barrikaden auf. Sie versperren die Seitenarme der Hauptstraße und wollen so gar nicht in die malerische Landschaft passen. »Stopp l'aeroport« (Stoppt den Flughafen) oder »ralentir« (verlangsamen) wurde von eifrigen Aktivisten auf Straßen, Häuser und Schilder gesprüht. Noch ist das Megabauprojekt nicht ganz durch. Noch gibt es Widerstand. Auf dem Gelände des Flughafenbetreibers Vinci geht so einiges vor sich: Barrikaden, Straßenkämpfe, Tränengas, Räumungen. In den letzten zwei Wochen waren Hunderte Militärs und Polizisten im Einsatz. Ende des Jahres sollen nach Regierungsplänen erste Bagger und Planierwalzen anrücken.

Die Stimmung im ZAD ist trotz endlosen Regens, tiefen Schlamms und empfindlicher Kälte entschlossen. In der »Vacherie«, einem Ort für Neuankömmlinge und geräumte Zadisten, ist die Lage dennoch leicht angespannt. Niemand weiß, wann die Polizei wieder kommt, wen sie als nächstes räumt, festnimmt oder welche Strafen sie verhängen wird. Allein das Sabot sitzt derzeit schon auf 1500 Euro Strafen. Wo jetzt rund 30 junge Leute campen, stehen sonst die Landmaschinen des Besitzers, der ihnen Platz gemacht hat. Der 80-jährige Mann hat eigentlich nicht viel mit Hausbesetzern, Autonomen oder Umweltschützern am Hut. Doch auch er soll geräumt werden - das schweißt zusammen. Der alte Bauer habe sogar schon mit seinem Trecker Baumstämme für die Barrikaden herangeschafft, erzählt Sam. Der 27-jährige Franzose ist wie viele hier erst vor ein paar Wochen zu den Besetzern gestoßen. »Unsere Körper sind das Einzige, was wir denen entgegenstellen können«, sagt er. »Auch wenn ich hier nicht geboren bin, will ich dieses Stück Erde bis zum Letzten verteidigen.« Er sei hier, um wie Lisa aus dem Sabot eine Alternative zum Kapitalismus aufzubauen: Zeigen, wie es anders geht: ohne Geld und in Gemeinschaft alles zu teilen.

Nachbarin Marie sieht das ein wenig anders. Die Angestellte ist Ende 30 und hat eigentlich keine Lust, alles zu teilen: »Ich brauche meinen Komfort und könnte nicht in Wohnwagen oder Baumhäusern leben.« Sie wohnt im Gegensatz zu Sam und Lisa schon seit 20 Jahren hier und ist mit Land und Leuten verwurzelt. »Trotzdem habe ich von diesen engagierten jungen Leuten eine Menge gelernt«, gesteht sie ein. Zwar wohnt sie noch »ganz normal« in ihrem Bauernhaus, doch bei ihr gehen die Besetzer ein und aus: Wäsche waschen, Werkzeug ausleihen, duschen oder einfach nur auf ein gutes Glas Wein. »Die Zadisten haben mir beigebracht, die Dinge etwas lockerer zu sehen.«

Marie hat gegen die Räumung geklagt und hofft, das Unvermeidliche noch einige Monate aufschieben zu können. Im Garten ihrer kleinen Familie steht ein riesiger Wohn-Lkw, in dem nun fünf Zadisten leben. Hinter dem Garten sind ein Feld und ein kleines Wäldchen. Dort wohnen die Aktivisten in Baumhäusern. Auch hier wurde schon geräumt und das Gemeinschaftsbaumhaus abgerissen. Ganz am Anfang sei das Zusammenleben nicht ganz so einfach gewesen, meint Marie. Beide Seiten hätten erst aufeinander zugehen müssen. Mittlerweile könne man sich das Leben aber gar nicht mehr ohne einander vorstellen. »Es liegt gerade etwas in der Luft hier und die Leute rücken noch enger zusammen.«

Kaum haben die Polizisten ein Haus mit Gewalt geräumt, niedergebrannt oder einen Wohnwagen zerstört, wird gleich der nächste Platz besetzt. Seit den Räumungen habe sich die Zahl der Besetzer in der ZAD nicht verringert, sondern erheblich erhöht, erklären Lisa vom Sabot und ihre Mitstreiter. Wie lange die besetzte Zone noch standhalten wird, weiß auch hier niemand. Klar ist nur, dass der Winter hart wird und die Zadisten mehr als einen Schluck vom gallischen Zaubertrank brauchen, um durchzuhalten.

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