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Von Aleppo bis Eisenhüttenstadt

Eine syrische Familie auf der Suche nach politischem Asyl und einer neuen Existenz

  • Von Haiko Prengel, dpa
  • Lesedauer: 3 Min.

Das Zuhause, den Beruf. Peter Amadouni (Name geändert) gab alles auf, um seine Familie zu retten. Der Juwelier aus Aleppo hatte ein gutes Leben - bis die Stadt zu einem der blutigsten Schauplätze im Syrien-Konflikt wurde. »Wir konnten die Kampfflugzeuge vom Balkon aus sehen«, sagt Amadouni, ein Christ mit armenischen Wurzeln. Als die Lage zu gefährlich wurde, entschloss sich der 47-Jährige, mit seiner Frau Hasmig und den beiden Söhnen zu fliehen.

Jetzt sitzt Amadouni auf einem klapprigen Bett in einer Behelfsunterkunft und schaut zu, wie draußen die Blätter von den Bäumen fallen. Die Familie ist nach einer Odyssee quer durch Europa in Eisenhüttenstadt gelandet. In der Zentralen Ausländerbehörde warten die Amadounis, dass über ihren Asylantrag entschieden wird. Die Wohnanlage, einst Kaserne der DDR-Volkspolizei, ist inzwischen heruntergekommen. Die Familie lebt in zwei kargen Räumen. Aber sie ist in Sicherheit. »Wir sind sehr dankbar für das, was die Leute hier für uns tun«, sagt Peter Amadouni.

In Syrien zwingt der Krieg immer mehr Menschen, ihre Heimat zu verlassen. Zehntausende retteten sich in die Nachbarstaaten Türkei und Jordanien. Der Zustrom nach Deutschland und in andere EU-Länder war angesichts der Entfernung bislang moderat, er nimmt aber zu. Im August waren Syrer laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge die häufigsten Antragssteller auf politisches Asyl, neben Mazedoniern und Afghanen.

In Eisenhüttenstadt kamen von Januar bis September 133 Syrer an, im vergangenen Jahr waren es 100. »Das ist ein deutlicher Anstieg«, sagt Norbert Wendorf von der Zentralen Ausländerbehörde. Von den 550 Plätzen im Heim seien derzeit 549 belegt. »Es ist rappeldicke voll.« Die meisten Bewohner seien allerdings Wirtschaftsflüchtlinge aus Serbien und Mazedonien, keine politischen wie die aus Syrien.

Der Fall der Amadounis zeigt das Maß an Verzweiflung, den ein Bürgerkrieg auslöst. Die Familie aus Aleppo war gut situiert. Das zeigen Fotos, die Mutter Hasmig auf ihrem Handy gespeichert hat und stolz vorzeigt: Ihr Friseurstudio, das Haus, das große Auto. Und Hund »Sweety«, den sie nicht mitnehmen konnten. Wendorf kennt viele solche Schicksale, beim Afghanistan-Krieg sei es ähnlich gewesen: »Die lassen alles zurück, geben ihr letztes Hemd.«

Der Schleuser der Amadounis wollte 36 000 Euro haben, berichten sie. In einem Laster und auf einer Fähre ging es durch die Türkei, Griechenland, Italien und Österreich bis nach Dortmund zur dortigen Ausländerbehörde. Jedes Bundesland hat eine solche Einrichtung. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge verteilt die Menschen dann nach einem bestimmten Schlüssel.

Für die Amadounis hieß es: Auf nach Eisenhüttenstadt. Für die Sicherheit im Heim sorgt ein hoher Zaun, der Anfang der 1990er Jahre gebaut wurde. Wie in Hoyerswerda und Rostock waren damals auch in Eisenhüttenstadt Brandsätze gegen Ausländerwohnheime geflogen. Peter Amadouni hat keine große Hoffnung, dass der Krieg in Syrien bald zu Ende ist. Er überlegt, sich hier in Deutschland eine Existenz aufzubauen. »Gerne als Juwelier, aber ich mache auch jeden anderen Job.« Das Herz der Familie hängt weiter an Aleppo, zumal die Großeltern noch in der umkämpften Stadt wohnen. Hasmig schaut noch einmal traurig auf ihr Handy: »Wir haben seit zwei Wochen nichts von ihnen gehört.«

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