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Ein Tag im Leben des Niko Fischer

»Oh Boy« von Jan Ole Gerster

  • Von Caroline M. Buck
  • Lesedauer: 4 Min.

Keine fünf Minuten brauchen Drehbuch und Regie, um Niko Fischer vorzustellen. Wie er sich da klammheimlich fortzustehlen bemüht ist aus Bett und Wohnung der Frau, mit der er offenbar die Nacht verbrachte, wie sie aufwacht, ihn anstrahlt und ihm einen Kaffee anbietet - und wie vor seinem verdrucksten Gesichtsausdruck und unverbindlichen »nee, muss weg, viel zu tun heute, ich ruf’ dich dann an« die Freude jäh aus ihren Zügen weicht, das sagt schon ziemlich viel. Als dann auch noch klar wird, dass diese Frau gar keine Gelegenheitsgespielin ist, kein One-Night-Stand, sondern Niko Fischers offizielle Freundin war, steht die totale Unverbindlichkeit als Lebensprinzip plastisch greifbar und in Großbuchstaben sozusagen mitten im Raum.

Wie Tom Schilling das spielt, auf Zehenspitzen die Klamotten raffend, leise, leise, bloß schnell weg hier - und dann, ertappt, mit Arme-Sünder-Miene am Fuß des Bettes stehen bleibt, weil dieser Niko Fischer schon wieder alles falsch gemacht hat und auch schon weiß, was jetzt unweigerlich kommen wird, das ist jeden Darstellerpreis wert. Das Tüpfelchen auf dem i aber kommt erst noch, denn Regisseur Jan Ole Gerster schneidet just an dieser Stelle auf den Filmtitel um, der hier und jetzt und immerdar wie aus einer Sprechblase auch direkt aus dem Mund seines Helden kommen könnte: »Oh Boy«. Und den Zuschauer ergreift die Vorfreude. Denn wer in solcher Kürze schon so viel erzählen kann, der hat wirklich was zu sagen. Und einen Hauptdarsteller gefunden, der auch genau die richtige Stimme dafür mitbringt.

Niko Fischer ist in einem Alter, in dem ein paar Weichen eigentlich gestellt sein sollten, wenn Entscheidungen, Weichen und all’ das Zeugs nicht genau das wäre, wovor Niko instinktiv zurückschreckt. Mit Ende zwanzig hat er ein Abitur in der Tasche und ein paar Semester Jura studiert, aber schon seit Jahren keinen Fuß mehr in die Uni gesetzt. Er wohnt (auf seines nichtsahnenden Vaters Kosten) in Berlin, wo auch sonst, und verbringt seine Tage damit, auf einen neuen Weg durch’s Leben zu warten. Nur dass der Weg ihn nicht zu finden scheint und Niko nun eben nicht zu den Leuten gehört, die sich selbst aktiv auf die Suche machten.

Also treibt er durch die Tage, lässt sich an diesem Morgen von seiner Freundin endgültig den Laufpass geben und räumt eher ziellos in ein paar Kartons in seiner noch ziemlich leeren neuen Wohnung rum. Stellt sich beim Verkehrspsychologen vor, weil der Idiotentest zwischen ihm und seinem Führerschein steht, den er an Partylaune und Alkoholkonsum verlor. Trifft Freunde, eine ehemalige Mitschülerin und schließlich auch seinen Vater. Und hofft den ganzen weiteren Tag lang immer erneut und immer vergeblich auf die Tasse Kaffee, die er am Morgen noch so tollkühn ausgeschlagen hatte.

»Oh Boy« ist ein Spielfilmdebüt, das echt mal Hoffnung macht. Spröde, aber unterhaltsam, schwarzweiß gedreht und desto realitätsnäher, mit Jazz auf der Tonspur (bei allem außer Jazz-Musiker-Biografien eigentlich meist eine schlechte Nachricht) und trotzdem nie bloßer Abklatsch größerer Vorbilder. Denn auch die Musik sitzt passgenau am Film, hält die prekäre Balance zwischen reinem Hintergrundgedudel und einer eigenen Starrolle, die zu »groß« würde für Figur, Bilder und Handlung. Ist manchmal nur Klavierbegleitung und weckt damit willkommene (und nie leer-überhebliche) Assoziationen an große Berlin-Filme vergangener Filmepochen, die ja schon immer gerne einen Tagesverlauf zum Zeitmaß nahmen.

Niko Fischer aber bewegt sich durch Berlin - und trifft Leute. Von Justus von Dohnányi als aufdringlichem neuen Nachbarn lässt er sich halb mitleidig, halb widerwillig in traurige Männergespräche verwickeln, von Marc Hosemann in der Rolle seines schauspielernden besten Freundes auf ein Filmset schleppen, von Ulrich Noethen in der golfenden Vaterrolle mit Eises᠆mine (und unmittelbaren finanziellen Konsequenzen) die Leviten lesen und von Frederick Lau als angetrunkenem Rowdy an einem Straßenrand die Nase blutig schlagen. Aber erst mit dem Auftritt von Michael Gwisdek wird aus diesem Kaleidoskop großer Namen und Gesichter in prägnanten, kleinen Rollen ein inhaltlicher Anker, an dem Niko Fischer sein sinnfreies Driften vielleicht endlich beenden könnte. Denn Gwisdeks Figur ist die Stimme des Gewissens dieses Films.

Niko Fischer trifft ihn ausgerechnet an einem Kneipentresen und ist eigentlich gerade in gar keiner Stimmung, sich von anderen Gestrandeten deren Lebensgeschichte erzählen zu lassen. Diese eine ganz konkrete Lebenserinnerung aber wird ihn - vielleicht - endlich zu der durchschlagenden Erkenntnis bewegen, dass es sich im Leben zu sortieren lohnt, was wichtig ist und was weniger. Und dass die meisten lohnenden Ziele nur mit einem Minimum an Einsatz zu erreichen sind - und manche sogar nur mit etwas mehr. Zumindest die ersehnte Tasse Kaffee wird ihm diese Begegnung auf alle Fälle einbringen, einen Morgen später, am Beginn eines neuen Tages. Und der wird vielleicht ein kleines bisschen anders werden als die vorigen. Vielleicht. Was den Film selbst angeht: kein Vielleicht. Ein Muss.

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