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Islamisten sind auf dem Vormarsch

Odile Tendeng über die Instabilität in Mali und die Hoffnung auf eine Verhandlungslösung

Im Norden Malis herrschen seit März mehrere islamische Gruppen, die Regierung in Bamako ist hilflos. Die UNO hat eine Militärintervention in Mali bereits gebilligt. Odile Tendeng ist Programmkoordinatorin der Alliance for Peace Initiatives am Institut Gorée (Senegal). Mit der Friedens- und Konfliktforscherin sprach Haidy Damm über die aktuelle Situation und die Hintergründe des Konfliktes.

nd: Wie stellt sich für Sie die Lage in Mali momentan dar?
Tendeng: Es bleibt undurchsichtig. Im Norden sind die islamistischen Kräfte und im Süden hat sich eine Übergangsregierung gebildet. Eine militärische Intervention der ECOWAS-Staaten wird weiter diskutiert. Gleichzeitig machen sich die Islamisten immer lauter bemerkbar, sie wollen einen Gottesstaat errichten, nicht nur im Norden, sondern im gesamten Land und letztlich auch im Rest Westafrikas. Die Menschen in Mali stehen einer Militärintervention von außen sehr skeptisch gegenüber, Tausende haben dagegen demonstriert. Sie wollen, dass ihre eigene Armee die Situation löst. Die Frage ist aber, ob die Armee dazu in der Lage ist.

Rebellionen der Tuareg gab es in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder. Diesmal haben sie sich teils mit islamistischen Gruppen zusammengetan, die vorher in Mali keine wichtige Rolle gespielt haben. Wie erklärt sich das?
Solche Gruppierungen nutzen immer eine Situation, in diesem Fall den Krieg in Libyen. Die Bedingungen dort haben es ihnen ermöglicht, an Waffen und Geld zu kommen, und sie stark genug gemacht, in Nullkommanichts die Region zu erobern. In anderen Ländern konnten sie nicht Fuß fassen, etwa in Marokko, denn dort hat der Staat ihnen klare Grenzen gesetzt. In Mauretanien wurden islamistische Gruppen bis an die Grenze zu Mali bombardiert - mit dem Einverständnis der malischen Regierung. Wenn ein Staat seine Rolle richtig spielt, sind diese Gruppen zu schwach, sie können nicht gegen ein Militär oder eine geschulte Polizei gewinnen. Aber leider gab es die in Mali nicht.

Und was ist mit den Tuareg, die mit ihnen gemeinsame Sache gemacht haben?
Deren Nationale Bewegung für die Befreiung des Azawad (MNLA) ist schnell zu dem Schluss gekommen, dass das keine gute Idee war. Sie sind anschließend von den Islamisten aus dem Land gejagt worden und spielen im Norden keine Rolle mehr. Jetzt hat die MNLA in einer Pressemitteilung bekannt gegeben, dass sie keine Unabhängigkeit mehr fordert und mit der Regierung verhandeln will. Das Ganze war ein Zweckbündnis, denn die Tuareg sind keine Islamisten. Zum Beispiel sind ihre Frauen nicht verschleiert. Es gibt eine Anekdote, nach der die Islamisten zu den Frauen der Tuareg gesagt haben, sie sollten sich verschleiern. Die Frauen haben ihnen geantwortet: »Wenn Sie einen Schleier brauchen, mein Mann hat einen, bei uns verschleiern sich die Männer, nicht wir.«

Welche Rolle spielt der Konflikt in Mali für die Region?
Die Situation ist auch für die Nachbarstaaten sehr bedrohlich. Zum Beispiel wurden vor etwa drei Wochen in Senegal mehrere Senegalesen festgenommen. Wir wissen dadurch, dass junge Leute bei »Al-Qaida im Maghreb« (Aqim) sind oder bei der »Bewegung für die Einheit und den Jihhad in Westafrika« (MUJAO). Die Länder Westafrikas sind deshalb besorgt, denn sie wissen genau, Mali hat etwa 7500 Kilometer Grenze und kann sie nicht schützen. Das heißt, Destabilisierung in Mali bedeutet Destabilisierung der Nachbarstaaten. Jetzt ist die Frage, was passiert, wenn den Islamisten kein Einhalt geboten wird. In Senegal wurde beispielsweise immer gesagt, hier kann so etwas nicht passieren, aber wir wissen, dass es auch dort Kräfte gibt, die gerne einen islamischen Staat sehen würden.

Welchen Einfluss hat die westafrikanische Staatengemeinschaft ECOWAS?
Ich glaube schon, dass die Staaten in der Region versuchen, die Krise zu stoppen. Ob sie die Möglichkeiten dazu haben, ist unklar, das hat der Konflikt in Côte d'Ivoire nach der Wahl gezeigt. Sie hatten nicht so viel Kraft und waren nicht gut genug organisiert, dass sie diese Situation eindämmen konnten. Ich hoffe, dass sie gelernt haben und diese Fehler in Mali nicht wiederholen.

In der Region liegen viele Rohstoffe wie Uran, Öl, Gold. Zwar sind die Minen von dem gegenwärtigen Konflikt nicht betroffen, dennoch besteht Ihrer Auffassung nach ein Zusammenhang zwischen dem Energiebedarf des Nordens und dem Konflikt in Mali. Warum?
Nach den Statistiken nimmt der Energiebedarf in Europa zu. Frankreich ist auf das Uran in der Region angewiesen, etwa in Niger. Jeder weiß, dass die Multis auch in Afrika sind. Mich irritiert es, wenn die Menschen in Europa so tun, als ob sie davon noch nie etwas gehört hätten. Und, sind sie dort für sich selbst? Sicher auch, denn sie wollen Geld verdienen. Aber sie sind eben auch im jeweiligen nationalen Interesse dort.

Welches Szenario erwarten Sie kurzfristig?
Wenn es gut läuft, haben die Kräfte, die im Hintergrund verhandeln, Erfolg. Ich rede dabei nicht von den Verhandlungen, die von den USA an die große Glocke gehängt werden. Aber es gibt innerhalb des Landes Verhandlungen zwischen verschiedenen Kräften, im Norden unterstützt von den Tuareg, die mit den Islamisten nichts zu tun haben wollen. Diese Kräfte arbeiten daran, eine friedliche Lösung zu finden. Wie die aussehen wird, weiß ich nicht, aber ich wünsche mir sehr, dass sie Erfolg haben.

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