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Geheim, geheimer, am geheimsten

»Harodim - Nichts als die Wahrheit« von Paul Finelli

Einem US-Spezialagenten (Travis Fimmel), der seinen Vater bei den Terroranschlägen vom 11. September verloren hat, ist es nach langen Jahren gelungen, den verantwortlichen Chefterroristen (Michael Desante) aufzuspüren. Und aus irgendeinem Grund, der uns nicht weiter erklärt wird, sitzen sich die beiden nun in einem dunklen, kabuffartigen Verhörraum gegenüber, der sich aus unerfindlichen Gründen unterhalb von Hamburgs U-BahnTunnelsystem befindet und den sie im Verlauf dieser Filmhandlung auch nicht mehr verlassen werden, weil sie damit beschäftigt sein werden, sterbensöde Dialoge auszutauschen. So weit, so gut. Man hat ja viele Filme gesehen und ist mittlerweile bereit, milde lächelnd alles hinzunehmen, was einem so angeboten wird. Wer also einen Film sehen möchte, in dem etwas eher Lebendiges passiert, braucht an dieser Stelle nicht weiterzulesen.

Für alle anderen aber gilt: Aufgepasst! Jetzt kommt's ganz dicke! Die Wahrheit, so klärt uns dieser Film auf, ist: Der Terrorist ist in Wirklichkeit gar keiner. Und auch der ihn befragende US-Spezialagent ist ein von Kindesbeinen an hintergangener und belogener Trottel, dessen Vater (Peter Fonda) gar nicht zu Tode kam, sondern im letzten Drittel des Films träge aus den Kulissen hervorspaziert.

Doch damit nicht genug. Auf ihrer Wahrheitssuche, auf die sich die beiden anfänglichen Kontrahenten per Dialog in ihrem Verhörkabuff begeben, lassen sie uns, die Zuschauer, einen immer tieferen Blick auf allerlei streng Geheimgehaltenes werfen: Die Weltbevölkerung sitzt einem großangelegten Schwindel auf. Mysteriöse Geheimgesellschaften beherrschen die Welt. Die Menschheit wird von nicht genauer bezeichneten Mächten überwacht und manipuliert. Die Bibel, okkulte Zahlenmystik und die Wall Street spielen dabei logischerweise eine kaum zu unterschätzende Rolle. Die USA sind ein perfekter Führerstaat, der ein kontrolliertes Armageddon auslösen und 80 Prozent der Weltbevölkerung vernichten will. Die Welt befindet sich seit Jahrhunderten in einem unsichtbaren Krieg zwischen den Mächten des Lichts und den Mächten des Schattens. Die Anschläge vom 11. September 2001 wurden von den Illuminaten begangen. Das World Trade Center wurde durch ferngesteuerte Militärflugzeuge und »kontrollierte Sprengungen« des US-Geheimdienstes CIA zerstört usw. usf.

Und selbstverständlich wurden auch sämtliche Beweise dafür restlos von Geheimdiensten und anderen hochsuspekten Organisationen vernichtet, was ebenso selbstverständlich zur Folge hat, dass niemand nichts Genaues weiß. Außer freilich den Geheimbünden, die die Welt regieren.

Es kommt nicht so häufig vor, dass ein Film beim Betrachter dieselbe Wirkung hinterlässt wie ein schwerer, dumpfer Schlag auf den Kopf. »Harodim« ist ein solcher Film: Er ist lähmend und schmerzhaft auf eine Weise, die schwer zu beschreiben ist. Etwa so wie ein Esslöffel, mit dem man stundenlang an derselben Körperstelle traktiert wird, irgendwann quälende Schmerzen hinterlässt. Und das liegt nicht nur am grotesken Inhalt und den kruden, haltlosen Verschwörungstheorien, die der Film zum hundertsten Mal aufwärmt und präsentiert wie brandheiße, unerhörte neue Erkenntnisse, sondern auch an seiner Machart.

Man betritt das Kino als einigermaßen fideler Mensch und verlässt es mit dem Gefühl, als habe man ununterbrochen tagelang wie hypnotisiert auf einen mausgrauen Kieselstein gestarrt. Die beiden zentralen Protagonisten in diesem wohl als »psychologisches Kammerspiel« gemeinten Film stehen oder sitzen über weite Strecken bleiern in einem dunklen, schlecht ausgeleuchteten Raum herum, dessen Kulissenhaftigkeit selbst einem halbwegs aufgeweckten Dreijährigen auffallen dürfte. Oder sie bewegen sich ungelenk in dieser Kulisse und schneiden dabei Gesichter, wie wir sie aus drittklassigen Vorabendfernsehserien kennen. Ihr Mienenspiel gleicht der Schauspielkunst Til Schweigers, verglichen mit der von Marlon Brando. Ihre Dialoge sind kryptisch, weitschweifig und ermüdend.

Eine Dramaturgie ist praktisch nicht vorhanden. Oder sie wurde von einem mausgrauen Kieselstein entworfen. Die Schnittfrequenz ist so niedrig wie in einem deutschen Problemfilm der späten 1960er Jahre, d.h. der Film ist - nimmt man die Sehgewohnheiten eines heutigen Publikums zum Maßstab - gedreht wie in Zeitlupe. Die Kamera ist dabei so starr, als sei sie mit Superkleber auf einen Zementblock montiert, der sechzehn Tonnen wiegt. Wenn es je einen Film gegeben hat, von dem sich sagen lässt, dass es ihn nicht zu sehen lohnt, dann ist es dieser. Das schwöre ich.

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