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Das Land der Kellner

In der Ausstellung »India Ink in Germany« werfen indische Cartoonisten einen satirischen Blick auf Deutschland

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 3 Min.

Deutschland sei ein Paradies für einen Cartoonisten wie ihn, bekennt Sudhir Tailang. Er ist der prominenteste politische Karikaturist Indiens, aktiv seit der Zeit Indira Ghandis und in einer Zeitung erstmals vertreten bereits 1970, mit zehn Jahren. Studiert hat er Biologie und Anglistik, Cartoons jedoch wurden ihm Beruf und Berufung. Sieben Bücher hat er schon publiziert, sich auch an Zeichentrickfilmen versucht. Tägliche Kommentare zur politischen Situation blieben indes seine Domäne. Während der letzten anderthalb Dezennien besuchte er mehrmals kleine und große Städte in Deutschland, begleitet wie eh von seinem Skizzenbuch. Geschichte, Kultur, Architektur, vor allem aber die Menschen inspirierten ihn nach eigener Aussage zu seinen Zeichnungen. Die, fernab großer politischer Statements und doch auch mit zumindest satirischem Gestus, stellt Tailang nun in der Indischen Botschaft aus. Auf knapp 30 Blättern schaut ein Inder uns in die Augen, auf die Hände, ins Herz, und das mit liebevollem, bisweilen amüsant bissigem Strich.

Aufgefallen sind ihm beispielsweise Straßenmusiker, so an der Wilmersdorfer Straße, wie sie unter einem Kandelaber aus voller Kehle schmettern, das Trio Altai mit den quadratischen Mündern. Oder der Musiker an der Potsdamer Straße, der bärtig und mit Pferdeschwanz sein Xylophon bearbeitet, einen Rhythmusgenerator neben sich und, für alle Fälle, zwei Flaschen. Vor elegantem Modehaus geigt in gestreifter Uniform und mit Pagenschnitt ein Chinese, ein paar Münzen liegen im Geigenkasten, ansonsten ist alles um ihn öd und leer. Am Akkordeonspieler unter Bäumen, mit der kecken Mütze und dem Mikro, geht einzig ein miesepetriger Passant mit Coffee to go vorüber. Selbstbewusster thront der Pianist in der Hotellobby vor seinem Flügel mit Kerzen und Blume; glücklich schaut er über dem vorgeschobenen Kinn dennoch nicht aus.

Auch die kleinen, dabei typischen Szenen des Berliner Alltags sind Tailang nicht entgangen. Der Grillwalker reicht gerade, seinen Rost vorm Bauch, der Kundin eine Currywurst unter dem Schirm hervor, zum geschichtsträchtigen Sparpreis von 1 Euro. In der Bushaltestelle an der Bleibtreustraße warten Mutter und drei Kinder, die reichlich erwachsen wirken, aufgereiht in Fotopose auf das Transportmittel.

Am Checkpoint Charlie posiert grinsend ein fettes Paar zwischen Kostümsoldaten für den Schnappschuss vom Polittheater. Und die Freunde im Mauermuseum, groteske Typen, scheinen am Tisch saturiert zu debattieren über das, was sie selbst nie gesehen haben. Ob die lächelnde Glücksagerin mit Schleifchen im Haar und Kartenbrett auf dem Schoß, umgeben von Sparkasse, Modelabel, Auto mit Handy-Werbung sowie Mutter mit Kinderwagen, wirklich nur Glück zu verkünden hat, bleibt fraglich.

Angetan haben es dem indischen Zeichner hauptsächlich Kellner. Eine Spindeldürre mit Geldtasche um knappe Jeans und fliegendem Pferdeschwanz präsentiert ihr Tablett mit drei Weingläsern. Der vom »Opera italiana« mit gezwirbeltem Bart, riesigen Ohren und Eierkopf erinnert an Offenbach und Dalì. Besonders fündig wurde Sudhir Tailang im Münchner Hofbräuhaus: ebenso in der drallen Brezelverkäuferin, Augen so groß, wie der Busen frei liegt, und der Serviererin mit kantigem Gesicht auf überlangem Hals, die gerade Bierkrüge schwenkt. Selbst die Feinen im dritten Rang der Münchner Oper auf einem schnörkelverziertem Balkon werden unter Tailongs Hand lediglich zu Pappnasen. Und der Mann im Zugcoupé, der feist und mit übergeschlagenen Beinen liest, umwölkt von Zigarettenqualm, gerät beinah zum Symbol bundesdeutschen Wohlstands. Nur das Paar vom Frankfurter Flughafen, die Lippen zum Kuss gespitzt, bleibt von ironischer Überhöhung verschont.

Bis 23.11., Indische Botschaft, Tiergartenstr. 17

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