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Kampf um die Macht über das gesprochene Wort

Krieg der Zitate: Piraten-Politikerin Marina Weisband gegen den »Spiegel«

Die Jungpolitikerin Marina Weisband von der Piratenpartei und die »Spiegel«-Autorin Merlind Theile haben sich Anfang der Woche um einen Artikel Theiles im aktuellen »Spiegel« gestritten. Weisband wirft Theile vor, in ihrem Artikel über die möglichen Rückkehr-Pläne Weisbands in die Politik unsauber zitiert zu haben. Unter anderem ging es um die Frage, ob Weisband, die Anfang des Jahres ihren Rückzug aus dem Piratenvorstand erklärte, eine erneute Kandidatur für sinnvoll halte. Im »Spiegel« sagt die 25-Jährige dazu: »Für die Piraten wäre es wohl das Beste, wenn ich wieder antreten würde«, und auf die Frage, ob es Stimmen gebe, die eine Rückkehr Weisbands auf die politischen Bühne befürworteten, hat sie laut »Spiegel« geantwortet: »Die Rufe nach mir nehmen zu.«

Nur: Weisband will das alles nicht so gesagt haben. In ihrem Blog schreibt sie, dass der »Spiegel« aus den ihr vorab zugeschickten Zitaten »teilweise die relevanten Satzteile rausgenommen, neu zusammengesetzt und nach Belieben in (einen) neuen Kontext gesetzt« habe. Zum Zeitpunkt des Gespräches sei ihr nicht klar gewesen, dass ein Artikel daraus entstehen würde.

Die Autorin des Artikels weist die Vorwürfe Weisbands zurück und bezichtigt die Jung-Politikerin auf »Spiegel Online«, die Unwahrheit zu verbreiten. Weisband sei über den geplanten Artikel informiert worden und die Wortlautzitate habe sie ihr per Mail geschickt, den Änderungswünschen sei entsprochen worden, die Zitate hätte Marina Weisband telefonisch bestätigt.

Eigentlich könnte mit einer Veröffentlichung des Schriftverkehrs beider Seiten Transparenz geschaffen werden, doch bisher haben dies weder Marina Weisband noch Merlind Theile getan. Gegenüber der »Welt« teilte die »Spiegel«-Autorin mit, dass sie sich zu dem Fall nicht mehr äußern werde. Auch Weisband lehnt weitere Stellungnahmen ab.

Das beiderseitige Schweigen wird das grundsätzliche Problem aber nicht lösen. In jüngster Zeit häufen sich die Auseinandersetzungen zwischen Journalisten und Politikern. Die »New York Times« entschied kürzlich, künftig Interviews abzulehnen, wenn die Interviewten auf die nachträgliche Freigabe bestehen. Die Autorisierung von Interviews bzw. wie im Fall »Weisband gegen ›Spiegel‹« das »Freischalten« von Wortzitaten ist in Deutschland Usus. Doch der Widerstand dagegen wächst. Anfang der Woche protestierte der Deutsche Journalistenverband DJV in einer Resolution gegen die Praxis vieler Prominenter, Interviews im Nachhinein wesentlich zu verändern oder deren Veröffentlichung ganz zu untersagen. Das gängige Argument von Journalisten gegen dieses Verfahren lautet sinngemäß so: Politiker oder Prominente ändern im Nachhinein gerne das gesprochene und gemeinte Wort so ab, dass nur sinnentleertes PR-Geschwätz übrig bleibt. Journalisten aber sind verpflichtet, das Gesagte so authentisch wie nur möglich zu veröffentlichen.

Dabei wird verkannt, dass in einer Gesellschaft, in der politische Konflikte zunehmend in den Medien und nicht mehr in den Parlamenten ausgetragen werden, Journalisten mächtiger sind als es die Selbststilisierung als »Opfer« von Politiker-»Zensur« vermuten lässt. Kein Journalist ist gezwungen, ein Interview, das im Zuge der Autorisation umgeschrieben wird, so zu veröffentlichen. Es gibt jederzeit die Möglichkeit, aus dem Widerspruch zwischen dem Gesagten und dem Autorisierten einen gesonderten Artikel zu schreiben. Notfalls macht man es so wie die »Thüringer Allgemeine« vor gut zehn Jahren. Nachdem der damalige Staatsminister Rolf Schwanitz (SPD) ein Interview in der Autorisierungsphase bis zur Unkenntlichkeit verändert hatte, veröffentlichte die Zeitung eine weiße Seite - und vertraute auf den Medienwirbel, der hernach einsetzte und Schwanitz in ein schlechtes Licht rückte.

Die nachträgliche Freigabe von Wortzitaten in Reportagen oder Porträts ist sowieso eine Unsitte, mit der das Wahrhaftige des Gesagten nur simuliert wird. Es kommt immer auf den Sinnzusammenhang an, in dem Sätze zitiert werden, auf die Formulierungen, die die Zitate einleiten und auf die Schlussfolgerungen bzw. Interpretationen, die daraus gezogen werden. Für Journalisten bedeutet dies: Sie sitzen am längeren Hebel.

Die Auseinandersetzung zwischen Marina Weisband und der »Spiegel«-Autorin Merlind Theile ist letztlich ein Kampf um die Macht über das gesprochene Wort. Marina Weisband hat das offenbar jetzt erfahren müssen. Sie hat diese Erfahrung skandalisiert. Das ist selten, viel öfter reagieren die, die sich falsch zitiert fühlen, anders. Politiker regeln das beim nächsten Hintergrundgespräch beim Gläschen Wein. Hier sitzen sie am längeren Hebel.

Andere Prominente haben diese Möglichkeit nicht. Ihnen bleibt nach schlechten Erfahrungen mit Journalisten nur die Wahl, sich besonders bockig zu geben. Wenn Schauspieler wie Martina Gedeck und Heino Ferch darauf bestehen, dass Journalisten alle Änderungswünsche an den Interviews widerspruchslos akzeptieren und dafür auch eine vertragliche Vereinbarung verlangen, ist das nur zum Teil der Eitelkeit von Künstlern geschuldet, zum großen Teil ist es Ergebnis schlechter Erfahrungen - vor allem mit Vertretern der Boulevardmedien.

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