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Zu viele Tropfen im Ozean

An der Bestseller-Verfilmung »Cloud Atlas« beißen sich gleich drei Regisseure die Zähne aus

  • Von Caroline M. Buck
  • Lesedauer: 4 Min.
Kompetent gemacht ist er, dieser Film mit drei Regisseuren, sechs Zeitaltern auf diversen Kontinenten, bald drei Stunden Länge und ganz vielen ziemlich großen Namen auf Darstellerseite. Das hätte man bei diesen Regisseuren aber auch kaum anders erwartet: Lana (damals noch Larry) und Andy Wachowsky haben mit ihrer »Matrix«-Trilogie vor gut zehn Jahren dem Action- und Science-Fiction-Film ganz neue ästhetische Impulse gegeben und Tom Tykwer hat mit »Lola rennt« den ultimativen Berlin-Film seiner Generation gedreht. Es bestand also eine vage Hoffnung, dass ihnen das Experiment gelingen könnte, sechshändig aus David Mitchells trickreichem Roman »Der Wolkenatlas« einen filmischen Parforceritt optischer und emotionaler Superlative zu machen.

Etliche Jahre nach Beginn der Zusammenarbeit und eine dreistellige Millionensumme Dollar später muss dieses Experiment nun wohl für gescheitert erklärt werden. Ein Dreigespann von Regisseuren, das klang von Anfang an nach einem Overkill an kreativem Input. Vom Autorenfilm kann hier jedenfalls kaum mehr die Rede sein, selbst wenn die drei Regisseure kollektiv auch für die Adaption des Ausgangsromans verantwortlich zeichneten. Zwar ist Film eine Gemeinschaftskunst, aber gar so viel Gemeinschaft ist dann wohl doch der Tod der Kunst. Was dazu passt, dass trotz allseitigen Kunstwillens keiner der Figuren im Film zu dem - von Tykwer mit etwas Hilfe auch gleich selbst komponierten (wie buchstabiert man Hybris gleich wieder?) - allseits als meisterlich gefeierten Musikstück, das dem Film den Titel liefert, mehr einfällt als ein hingehauchtes »Ist das schön!«

»Cloud Atlas« erzählt sechs Geschichten von Unterdrückung und Versklavung in ihren unterschiedlichsten Spielarten, als wirtschaftliche, physische, moralische Freiheitsberaubung in einer je nach der behandelten Epoche auf ihre je eigene Weise nahezu undurchdringlich rigiden Klassengesellschaft - bis hin zu Mord und Totschlag. Sechs Geschichten aber auch von letztendlicher Befreiung und Selbstbehauptung, und sei es im Extremfall durch den selbstgewählten Tod. Formal reicht Mitchells literarisches Arsenal vom aufklärerischen Tagebuchroman über den journalistischen Wirtschaftsthriller zum ziemlich genie-kultigen Schwulendrama und über den Schelmenroman zurück in eine denkbar archaische und schon halbwegs sprachunkundige Zukunft. Er ist mal Beichte, mal Verhör, bald Schauerstück, bald breiteste Sozialsatire.

Vom Film zu diesem Buch könnte man akute Reizüberflutung erwarten angesichts einer derart mit Tod und Schmerz, obrigkeitlichen Verschwörungen und freiheitlichen Erkenntnisprozessen überfrachteten Erzählung. Statt dessen tobt kleine drei Stunden lang eine gähnende, lähmende Langeweile, sieht man vom anfänglichen heiteren Beruferaten einmal ab: Wer von den vielen namhaften und durch die Zeiten auch brav immer wiederkehrenden Darstellern - von Tom Hanks über Jim Broadbent, Susan Sarandon und Hugh Grant bis Halle Berry - steckt denn nun unter jeweils welcher mehr oder weniger verunstaltenden Gesichtsmaske? (Kleiner Tipp: Hugh Grant, über die Zeiten des schüchtern stammelnden jugendlichen Liebhabers nun wohl endgültig hinaus, gibt hier unter anderem einen ganz famosen Kannibalen ab.)

Auch die Romanvorlage erfand das literarische Rad nicht neu, aber sie bediente sich einer abwechslungsreichen Reihe literarischer Formen und hatte mit deren präzise orchestrierter Abfolge in der symmetrischen Gestalt eines mittig geöffneten Buches - erzählerisch in fünf Episoden zur mittleren aufsteigend und dann in umgekehrter Reihenfolge in fünf Episoden auch wieder hinab -, eine überraschend originelle Struktur. Was dort die Mitte war, wird hier zum Rahmen, und die virtuelle Simultaneität der Dinge wird auf eine narrative Chronologie übertragen, die am Ende natürlich genau das trotzdem bleibt: eine chronologische Erzählung, in sechs Einzelsträngen gewoben, die wieder und wieder miteinander verknüpft werden, damit ein möglichst sinnstiftender Bilderteppich draus entsteht.

Wenn also Jim Broadbent als schmieriger Verleger im London des Jahres 2012 in eine Intrige gerät und beinahe seine Freiheit verliert, gibt es im ansonsten ziemlich seelenlosen Neu-Seoul des Jahres 2144 eben bereits den Film nach seinen Memoiren - auch wenn der eher aussieht wie eine Schauerfarce von B-Movie, wie sie schon Schlock-Meister Quentin Tarantino mit Vergnügen konsumiert haben könnte. Und aus den wenigen öffentlichen Worten der freiheitskämpfenden, Solschenizyn zitierenden Klon-Kellnerin aus dem Seoul des Jahres 2144 sind im post-apokalyptischen Hawaii der noch etwas ferneren Zukunft die Weissagungen einer gottgleich verehrten Hohepriesterin geworden, bevor sich der universale Gesamtzusammenhang am Ende als noch etwas komplexer - oder vielleicht auch bloß als ein den Fluss der Generationen, Gefühle und Gedanken übergreifendes Märchen mit einem erst herbeizusehnenden, interplanetarischen Happy End erweist.

Das emotional Bewegendste an diesem vor lauter angestrebter Bedeutungsschwere schreckstarr-toten Film sind jedenfalls die rot-pinken Rastalocken seiner selbst ja nun tatsächlich wie neugeborenen Regisseurin. Jeder Tropfen zählt, um einen Ozean zu bilden und damit den Stand der Dinge zu verändern, heißt es in der - an sich wunderschön revolutionären - Moral des Films. Hier waren es dann doch wohl allzu viele Tropfen.

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