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Das Triple-S-Syndrom

Warum die Fülle medialer Reize zur schweren seelischen Stagnation führen kann

Am 5. Dezember 2009 berichtete die »Süddeutsche Zeitung« in einer kleinen Glosse über eine Hochzeit, die kurz zuvor in den USA stattgefunden hatte: Der Softwareentwickler Dana Hanna aus Maryland stand dort mit seiner Partnerin Tracy vor dem Traualtar. Als der Priester verkündete: »Und somit ernenne ich sie zu Mann und Frau«, zückte Hanna sein Handy und meldete bei Facebook, dass er ab sofort verheiratet sei. Dann gab er bei Twitter ein: »Jetzt wird es Zeit, meine Frau zu küssen«, und der Priester sagte: »Jetzt ist die Ehe offiziell. Es steht bei Facebook.«

Was hat uns aus den überkommenen Kommunikationsgewohnheiten und -stilen so massiv und weit »weggerückt«, dass solche Szenen von vielen gar nicht mehr als grotesk, sondern als völlig normal empfunden werden? Es scheint, als ob große Teile der Menschheit - und vor allem junge Menschen - mit ihrer Hinwendung zu den virtuellen Welten des Internet und insbesondere zu den modernen »sozialen« Netzwerken auf einen neuartigen Kommunikationsmodus »umgeschaltet« haben, der sich zu dem überkommenen Miteinander, auf das der Mensch in seinen Jäger- und Sammler-Tagen »geeicht« worden ist, etwa so verhält wie die Finanzwirtschaft zur Realwirtschaft. Auch dieser Kommunikationsstil ist - jedenfalls, was seine seelische Wertigkeit anbetrifft - eine Blase: bunt schillernd, aber ohne viel Substanz, und wenn sie platzt, bleibt kaum noch etwas von ihr übrig ...

Die Folgen dieser Entwicklung sind vielgestaltig. Sie betreffen nicht zuletzt unsere innere Welt der Werte und Normen, der Hoffnungen und Ziele, der Verhaltensmuster und der Bewältigungsstrategien. Denn das »sekundäre System« der modernen Großtechnik und insbesondere der Informationstechnologie funktioniert wie eine riesige Vakuumpumpe, wie ein »Exhauster«: Diese Pumpe vakuumiert unser Innenleben - sie entleert es, sie saugt die überkommenen, in einer Entwicklung über Jahrhunderte hinweg herangebildeten seelischen Strukturen aus ihm heraus.

Es sind dies vor allem jene Strukturen, mit deren Hilfe Konflikte bis dato innerlich bewältigt werden sollten (was freilich des Öfteren auch misslingen kann!), um sie nicht in der Außenwelt aufwändig, zeitraubend und risikoreich austragen zu müssen. Zu diesen »Ich-Leistungen« gehört vor allem auch die Fähigkeit, sich »innere Bilder« von Sachverhalten, Wünschen, Hoffnungen auszuformen - »Vorstellungen«, die nicht in der Realität, sondern in der »Möglichkeitswelt« unserer Sorgen und Ängste, aber auch unserer Hoffnungen und Sehnsüchte angesiedelt sind. Diese Vorstellungen sind Bilder in unserer Seele, nicht auf der Netzhaut unserer Augen. Sie werden imaginiert, nicht wahrgenommen. Der Erwerb dieser Fähigkeit zum »inneren Probehandeln« (so Sigmund Freud) oder zum »Hantieren im Vorstellungsraum« (so Konrad Lorenz) stellte einen Meilenstein der Menschwerdung dar. Unsere historische Entwicklung hat diese Fähigkeit vielfach verändert und moduliert - bis heute. Doch durch die Gegenwartszivilisation wird sie in ruinöser Weise untergraben, was - langfristig betrachtet - erheblichen sozialen »Flurschaden« anrichten dürfte ...

Der Philosoph Christoph Türcke hat diesen Prozess in seinem unlängst erschienenen Buch »Hyperaktiv! Kritik der Aufmerksamkeitsdefizit-Kultur« äußerst treffend beschrieben. Unsere inneren, mentalen Bilder seien, so konstatiert Türcke, »blaß und flüchtig wie nie zuvor geworden.« Darin offenbart sich, wie er glaubt - und ich stimme mit ihm in dieser Hinsicht überein - eine verhängnisvolle Tendenz: »Deren Anfänge mögen undramatisch sein. Doch Phänomene wie die offensichtliche Annäherung von Zeitungen an Illustrierte oder die wachsende Unwilligkeit und Unfähigkeit von Studierenden, einer Vorlesung zu folgen, die nicht mit Bildern unterlegt ist, sind starke Indizien dafür, daß die Anlehnungsbedürftigkeit von Vorstellungen an Wahrnehmungen drastisch zunimmt. Professoren bedienen sie bereitwillig, wenn sie von jedem Autor, den sie in ihrer Powerpoint-Präsentation zitieren, sogleich ein Foto einblenden, damit man sich ›den mal vorstellen‹ kann. Nur konsequent, wenn Patienten dem Psychoanalytiker erst einmal auf dem iPad Fotos ihrer Familie zeigen wollen, damit er sich ›die mal vorstellen‹ kann. Hier ist bereits das Stadium nahe, wo Vorstellungen unerträglich werden, wenn sie sich nicht sofort auf Wahrnehmungen stützen können«.

Die Überfülle diverser Stimuli, die in jedem Moment an unsere »Pforten der Wahrnehmung« flutet und dort ein Stakkato von Bildern erzeugt, geht einher mit einer sich beschleunigenden Entleerung unserer Innenwelt. Die vielfältigen virtuellen Realitäten, die von der modernen Informationstechnologie geschaffen werden (zum Beispiel durch Computerspiele) entwerten die traditionellen Fähigkeiten unserer Fantasie und drohen sie auf Dauer zu ruinieren: Die Mannigfaltigkeit der fortwährenden Überstimulierung von außen (nicht nur Bilder, auch Töne gehören dazu, etwa die musikähnlichen Geräusche, mit denen wir in jedem Laden zwangsbeschallt werden!) produziert, jedenfalls langfristig, jene innere Leere, unter der so viele Zeitgenossen leiden, wenn sie sich nicht in augenscheinlich suchtartigem Verhalten mit hohem Zeitaufwand den elektronischen Verlockungen der modernen Medien überlassen.

Aus Japan ist zu diesem sozialen Problemgemenge das sogenannte Hikkikomori-Syndrom bekannt geworden - junge Menschen, überwiegend Männer, die über Monate, oft Jahre hinweg das eigene Heim nicht mehr verlassen und sich weitgehend in die virtuelle Welt des Internets und der Computerspiele zurückziehen, dabei meist von ihren Müttern versorgt. Obschon dieses Syndrom sicher auch eine Reaktion auf die spezifisch japanischen gesellschaftlichen Verhältnisse darstellt, ist es keineswegs auf Japan beschränkt - ich habe schon Patienten in einer ähnlichen Situation in unserer Klinik behandelt. Was aber vor allem - jedenfalls nach meinem Eindruck - auch in Deutschland immer häufiger wird, ist ein Erscheinungsbild, das ich vorläufig »Syndrom der schweren seelischen Stagnation« (»Triple-S-Syndrom«) nennen möchte.

Dieses Syndrom ist nach meinen Beobachtungen gekennzeichnet durch: a) eine allgemeine Adynamie (Kraftlosigkeit), die sich vorrangig verwirklicht in der Unwilligkeit und/oder Unfähigkeit, die eigene Lebensgestaltung angemessen zu organisieren - bei mehr oder minder deutlicher Tendenz zur allgemeinen Verwahrlosung; b) eine dem äußeren Anschein nach freiwillig gewählte, tendenziell wachsende Abhängigkeit von versorgenden Institutionen oder Personen - insbesondere von den Eltern und hier wiederum vor allem von der Mutter; c) eine suchtartige oder suchtähnliche Tendenz zum exzessiven Aufenthalt in virtuellen Welten (Computerspiele, »soziale« Netzwerke etc. etc.); d) eine oft sehr weitgehende Abkoppelung vom sozial üblichen Tag-Nacht-Rhythmus. Diese Form des modernen Eremitentums ist sicher auch - aber wohl nicht nur - eine Reaktion auf die immer stärkere soziale Überforderung. Unter anderen Gesichtspunkten wäre es indessen wohl auch möglich, sie als Form der Selbst-Therapie zu begreifen.

In einer Anfang 2012 gestarteten improvisierten Umfrage unter Kolleginnen und Kollegen hatte ich danach gefragt, ob ihnen ähnliche Erscheinungsformen seelischer Lebensprobleme unter ihren Patientinnen und Patienten bekannt geworden sind. Die Antworten waren im »überwältigenden« Sinne positiv: Der großen Mehrheit meiner Kollegen sind die hier in einer groben Faustskizze beschriebenen Probleme vertraut, und viele von ihnen sind über diese Entwicklung äußerst besorgt. Es kommt dabei nicht auf die Begriffe und Namen an (auch nicht auf den von mir vorgeschlagenen, der durchaus eine »Verlegenheitslösung« ist) - es kommt darauf an, eine Entwicklung zu erkennen, die seelische Fundamente zu erodieren droht - und der möglicherweise noch entgegengewirkt werden kann.

Die Chancen dafür sind freilich schlecht. Denn die gut geschmierte »Bildmaschine«, die unser Zusammenleben in immer höherem Maße prägt, ist offensichtlich kurzgeschlossen mit der »Geldmaschine«, die ebenfalls unser Alltagsleben nachdrücklich bestimmt. Soll heißen: Das knappe Gut der Aufmerksamkeit wird von immer mehr Anbietern mit immer drastischeren Mitteln umworben, denn der Gewinn der Aufmerksamkeit des Konsumenten ist die erste Bedingung, die erfüllt sein muss, um ihn zum Ankauf einer Ware zu bewegen. Hier ist ganz offensichtlich ein »selbstverstärkender Mechanismus« am Werk. Dessen erste Ansätze hatte nach dem Zweiten Weltkrieg der US-amerikanische Soziologe David Riesman (1909-2002) in seinem Bestseller »Die einsame Masse« beschrieben (gemeinsam mit Reuel Denney und Nathan Glazer, deutsch 1956). Riesman hatte damals die These gewagt, dass der Charakter des modernen Menschen ein »außengeleiteter« (»directed by others«) sei. Weniger innere Konflikte bestimmen unser Leben als vielmehr der ständig wachsende Außendruck und der wirkliche oder vermeintliche Zwang, sich nach den Anderen zu richten. Vorstufen dazu sind im gesamten Verlauf der industriellen Revolution zu finden.

Nicht nur der Inhalt der Botschaft ist von der Technik entwertet worden, sondern - wie oben umrissen - vor allem auch das Innenleben derjenigen, die diese Botschaften empfangen, also von uns allen. Am Ende bleibt nur die Frage, ob wir es uns wirklich gefallen lassen wollen, wenn wir in der geschilderten Weise langsam, aber sicher, unser Ich verlieren.


Eine »Form des modernen Eremitentums« nennt unser Autor das Phänomen, das ihm und vielen anderen Psychotherapeuten immer häufiger bei Patienten begegnet. Als häufige Symptome dessen, was Till Bastian als »Triple-S-Syndrom« zusammenfasst, nennt er:

  • allgemeine Kraftlosigkeit, fehlende Lebensgestaltung, Tendenz zur Verwahrlosung
  • wachsende Abhängigkeit von versorgenden Institutionen, häufig den Eltern
  • Verlagerung des Lebens in virtuelle Welten, etwa Computerspiele und soziale Netzwerke
  • weitgehende Abkopplung vom sozial üblichen Tag-Nacht-Rhythmus

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