Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Großbanken bevorzugt

Scharfe Kritik der EZB an Ratingagenturen: Gute Kunden erhalten zu gute Noten

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 3 Min.
Die drei großen Ratingagenturen bewerten Großbanken besser als vergleichbare Institute. Das bestätigt jetzt auch eine Studie der Europäischen Zentralbank.

Die Kritik an den Ratingagenturen nimmt wieder an Schärfe zu. In Australien hat kürzlich erstmals ein Gericht eine Agentur wegen zu guter Noten für zweifelhafte Finanzprodukte zu einem millionenschweren Schadensersatz verurteilt; in den USA laufen weitere Prozesse wegen irreführender Bewertungen. Und nun wirft eine Studie der Europäischen Zentralbank (EZB) Moody's, Standard & Poor's und Fitch vor, gute Kunden und Großbanken zu bevorzugen.

Der Vorwurf, dass Ratingagenturen an gute Kunden zu gute Noten verteilen, steht schon länger im Raum. Nun erhärtet eine umfassende wissenschaftliche Studie der Europäischen Zentralbank dieses Urteil. Vor allem Großbanken erhalten demnach oft eine bessere Bonitätsnote, als aufgrund der Wirtschaftsdaten gerechtfertigt wäre. Die »Bonität« soll die Kreditwürdigkeit widerspiegeln und ist daher für jedes Unternehmen von existenzieller Bedeutung.

Kritik an der Großbankenfreundlichkeit kommt nun von drei Autoren, denen linker Antikapitalismus fremd sein dürfte: Harald Hau von der Universität Genf, Sam Langfield von der britischen Finanzaufsicht FSA und David Marques Ibanez von der EZB. Ist eine Bank etwa um zwei sogenannte Standardabweichungen der Stichprobe »größer« als ein sonst identisches Institut, kann sie auf eine Verbesserung ihres Ratings hoffen: Statt eines »A-«, wie es angebracht wäre, gibt es beispielsweise ein »A+«. Dieser unscheinbare Unterschied kann in der Praxis für die Bank of America, UBS oder Deutsche Bank Millionen, wenn nicht Milliarden Dollar oder Euro wert sein. Denn die Zinsen, die Unternehmen für einen Kredit zahlen müssen, bemessen sich an Ratingnoten - je besser die Zensur, desto billiger der Kredit.

Aber sind solche geschönten Noten für Großbanken nicht vielleicht gerechtfertigt aufgrund deren Relevanz für das gesamte Wirtschaftssystem? Die Ratingagenturen könnten die höhere Wahrscheinlichkeit der Rettung einer maroden Großbank durch den Staat als positiven Aspekt bewerten. Dem widersprechen die Studienautoren. Die Verknüpfung von Bankbilanzen, Ratingdaten und detaillierten Firmeninformationen von 379 Geldinstituten über die vergangenen zwanzig Jahre zeige, dass gute Kunden von Standard & Poor's, Moody's und Fitch regelmäßig milder bewertet werden. »Unsere Resultate zeigen«, schreiben die Autoren, »dass Ratingagenturen mehr positive Noten an Großbanken vergeben und an solche Institute, welche viele Aufträge an eine Agentur vergeben.«

Geschönte Noten erhielten vor allem verbriefte Wertpapiere, sogenannte Asset-Backed-Securities (ABS). Diese Papiere spielten eine wichtige Rolle beim Ausbruch der Finanz-, Wirtschafts- und Staatsschuldenkrise 2007 in den USA und ermöglichten das Herüberschwappen der Probleme nach Europa und Asien. Ohne gute Ratings wären die hochkomplexen Wertpapiere Ladenhüter geblieben. Die Studienautoren fordern angesichts der Unzulänglichkeiten eine Erweiterung der Publizitätsvorschriften für Banken sowie Ratings, die von nicht profitorientierten Organisationen erstellt werden.


Lexikon

Asset-Backed-Securities, kurz ABS, sind verbriefte Wertpapiere, die in den 2000er Jahren in Mode kamen. Mit diesen Finanzvehikeln wurden Haushypotheken oder andere Kredite aus den Bankbilanzen herausgelöst, um anschließend verpackt als Wertpapier an Investoren verkauft zu werden. Die undurchsichtigen Papiere erhielten meist gute Ratingnoten und spielten eine wichtige Rolle beim Ausbruch der Krise im Sommer 2007. hape

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln