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Mietfreies Zimmer gegen Hilfe

Projekt bringt Senioren und Studierende zusammen

  • Von Barbara Driessen
  • Lesedauer: 4 Min.

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Wie lässt sich die Wohnungsnot von Studierenden lindern? Ganz einfach: Sie leben bei Vermietern, die ihre Hilfe oder einfach ihre Gesellschaft brauchen, und wohnen dafür mietfrei. Senioren und Alleinerziehende nehmen sie besonders gerne auf.

Der junge Mann aus Syrien brauchte dringend eine neue Unterkunft: In seinem Kölner Studentenzimmer gab es einen Wasserschaden, es war feucht und muffelte. In seiner Not wandte er sich an das Projekt »Wohnen für Hilfe«. Und so wurde ihm der Kontakt zu einer weltoffenen Seniorin vermittelt, die es kein bisschen störte, dass er aus einem anderen Kulturkreis kam. Der Student, der lieber anonym bleiben möchte, zog in ihr leeres Gästezimmer - und zwar mietfrei. Dafür geht er nun mit ihr spazieren, hilft ihr bei Computerproblemen oder diskutiert mit ihr über Politik.

»Das ist einfach befruchtend für uns beide«, sagt die pensionierte Lehrerin Elisa Pisacane (70), die ihm obendrein noch die Rechtschreibfehler in seinen Studienarbeiten korrigiert. »Wohnen für Hilfe« ist ein Gemeinschaftsprojekt der Universität Köln und der Stadtverwaltung, bei dem es darum geht, die Wohnungsnot unter Studierenden zu lindern. Das Prinzip sieht so aus, dass man eine Unterkunft bekommt, ohne dafür bezahlen zu müssen. Stattdessen unterstützt man den Vermieter in irgendeiner anderen Form, zum Beispiel bei der Kinderbetreuung, bei den Hausaufgaben, beim Einkaufen oder im Haushalt.

Mitmachen können »alle, die die Idee gut finden«, erläutert Projektleiterin Heike Bermond. In der Regel seien es Senioren, Behinderte, aber auch Alleinerziehende oder berufstätige Eltern. An den Nebenkosten müssen sich die Studenten schon beteiligen, der Preis beträgt etwa drei Euro pro Quadratmeter monatlich. Das Konzept ist so erfolgreich, dass es »Wohnen für Hilfe« mittlerweile in 14 deutschen Städten gibt.

Das Kölner Projekt wurde jetzt sogar von der Initiative »Deutschland - Land der Ideen« mit dem Titel »Ausgewählter Ort 2012« für außergewöhnliches Gemeinschaftswohnen ausgezeichnet. Dabei handelt es sich um eine Initiative der Bundesregierung, die in Kooperation mit der Deutschen Bank seit 2006 Ideen und Projekte prämiert, die einen nachhaltigen Beitrag zur Zukunftsfähigkeit Deutschlands leisten. Das Projekt sei ein sehr sinnvoller Beitrag gegen die Vereinzelung von Haushalten und gegen die Wohnungsnot, lobte Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes bei der Preisverleihung in Köln.

Wie viel die Studenten für ihre Wohnraumanbieter arbeiten, hängt von der Größe ihres Zimmer ab: »Für 20 Quadratmeter sollen sie etwa 20 Stunden im Monat arbeiten«, sagt Heike Bermond. Die Arbeit kann in Form jeder erdenklichen Unterstützung geleistet werden, Pflegeleistungen dürfen es aber nicht sein. »Die Nachfrage ist enorm: Wir haben immer doppelt so viel Studierende wie Wohnraumanbieter«, sagt sie.

Zurzeit verfügt das Projekt über 276 Kölner, die ihren Wohnraum zur Verfügung stellen, zum Teil schon wie Elisa Pisacane seit Beginn des Projekts im Jahr 2005. Einige der Studierende bleiben für einige Monate, andere die gesamte Studienzeit. Nurbaleyt Ormonov (24) aus Kirgisistan wohnt seit Anfang des Jahres bei Horst Rütgers (69). »Ich hatte vorher keine Erfahrung mit so etwas«, sagt der junge Mann, »aber es ist einfach toll.«

Natürlich sei das nicht für jeden etwas, gibt Bermond zu. Gerade viele ältere Menschen zögerten lange, bevor sie sich mit dem Gedanken anfreunden könnten. Umso wichtiger ist es, dass die Vermittelten zueinander passen. So werden alle Interessierten von Bermond und ihrer Kollegin nach ihren Vorlieben und Wünschen befragt und dementsprechend zusammengeführt. Wenn das erste Treffen gut verläuft, findet erst einmal ein zweiwöchiges Probewohnen statt, bevor sich beide endgültig festlegen. Und auch dann könnten die Studierenden natürlich jederzeit wieder ausziehen, betont Bermond.

»Man muss ein bisschen flexibel sein und auch etwas großzügig«, sagt Elisa Pisacane. »Man sollte auch seine Grenzen klar abstecken, aber es ist auch einfach eine wunderbare Erfahrung.«

»Wohnen für Hilfe« ist ein Gemeinschaftsprojekt, gefördert und realisiert von der Universität des Saarlandes, dem Studentenwerk im Saarland e.V., dem saarländischen Ministerium für Arbeit, Familie, Prävention, Soziales und Sport, dem Landesseniorenbeirat des Saarlandes und der Agentur für Arbeit in Saarbrücken. Die Projektzentrale hat ihren Sitz beim Studentenwerk des Saarlandes e.V.

Weitere Informationen: www.wohnen-hilfe.de

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