»Gefährlich handelte einzig die Polizei«

Der Hambacher Waldschützer über seine vier Tage unter der Erde, warum er nicht aufgegeben hat und sich die Extremaktion gelohnt hat

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In der Öffentlichkeit ist er als »Herr Zimmermann« bekannt: Der Anti-Braunkohle-Aktivist, der die Polizei tagelang in Atem hielt, weil er in einem unterirdischen Tunnel saß und so die Räumung des Waldcamps im Hambacher Forst verhinderte, der dem RWE-Tagebau Hambach weichen soll. Mit dem radikalen Klimaschützer sprach Marcus Meier.

nd: Herr Zimmermann, als Protest gegen die Abholzung eines Waldes hielten Sie sich vier Tage lang in einem sechs Meter tiefen unterirdischen Tunnel versteckt bis Sie von einer Grubenwehr aus Herne herausgezogen wurden. Wie geht es Ihnen?
Zimmermann: Mir geht es gut. Ich habe die letzten Tage genutzt, um mich ein wenig zu erholen. Unter Tage hatte ich meine Höhen und Tiefen. Aber auch dort ging es mir eigentlich gut, insbesondere fühlte ich mich jederzeit sicher. Als ich am Ende raus kam, war ich einfach nur erschöpft. Aber die Ärzte bestätigen, dass mir gesundheitlich nichts fehlt. Es waren vier anstrengende, aber aufregende Tage.

Warum musste die Polizei Sie retten, wenn da unten doch alles prima war?
In der Öffentlichkeit ist immer wieder von einer Rettung die Rede, das ist faktisch falsch. Ich wollte zu keinem Zeitpunkt gerettet werden. Aber ich habe mit der Polizei verhandelt, um die Räumung zu verkürzen.

Aber das Ziel war doch, die Räumung und damit die Besetzung in die Länge zu ziehen.
Ich wollte mit der Polizei verhandeln, um rechtlichen Konsequenzen aus dem Weg zu gehen, zeitweilig war ich auch erschöpft und nahe dran aufzugeben. Aber die Polizei ließ sich nicht auf Verhandlungen ein. In diesem Moment machte ich mir klar, warum ich dort unten war: um den Hambacher Forst zu schützen. Also harrte ich weiter aus.

Unter welchen Bedingungen wären Sie freiwillig ans Tageslicht zurückgekehrt?
Zu Gesprächen über die Bedingungen ist es gar nicht erst gekommen.

Welche Bedingungen hätte die Polizei erfüllen sollen?
Dazu möchte ich nichts sagen.

Am dritten Tag der Räumung soll die Grubenwehr Ihnen sehr nahe gekommen sein. Der Vorwurf lautet, Sie hätten in dieser Situation einen Stützbalken weggetreten, einen Teil des Tunnels zum Einsturz gebracht und so Menschenleben gefährdet.
Das ist nicht wahr. Weder habe ich einen Balken weggetreten noch in anderer Form das Leben oder die Gesundheit von Einsatzkräften gefährdet. Das wäre selbstverständlich völlig inakzeptabel. Und außerdem bin ich nicht lebensmüde. Übrigens widerspricht auch die Leitung der Grubenwehr der Darstellung der Polizei. Die Polizei agierte streckenweise verantwortungslos, beispielsweise als sie mit schwerem Räumgerät oberhalb des Tunnelsystems herumfuhr - trotz unserer Warnungen. Das einzig Gefährliche war das Handeln der Polizei.

Wie lang war der Tunnel?
Der Tunnel erstreckte sich über rund 15 Meter und war sehr verwinkelt. Schließlich sollte man mich nicht orten können.

Wo lernt man, wie man ein sechs Meter tiefes und 15 Meter langes Tunnelsystem mitten im Wald baut?
Unter den Waldbesetzern hatten einige Erfahrung mit solchen Aktionen. Wir haben unser Wissen ausgetauscht. Die Besetzung hat gezeigt, dass Menschen sich gegenseitig unterstützen und voneinander lernen können.

Was war das größte Problem: Kälte, Feuchtigkeit oder Dunkelheit?
Ach, wenn man sich vorbereitet, kann man es dort eigentlich ganz gut aushalten. Langeweile ist ein Problem, aber ich hatte Licht und Bücher und einen MP3-Player dabei. Das Wichtigste ist natürlich die Sauerstoffversorgung.

Wie war die gewährleistet?
Von einem Lüftungsschacht verlief ein Schlauch den Tunnel entlang.

Wenn man als Normalsterblicher auch nur auf Fotos den Eingangsschacht herabblickt, bekommt man klaustrophobische Gefühle. Wie haben Sie es vier Tage dort unten ausgehalten?
Ich hielt mich in einem Raum mit einer Grundfläche von zwei Quadratmetern auf, der immerhin einen Meter hoch war. Ich konnte gut auf meiner Luftmatratze liegen, mich aufrecht hinsetzen und bewegen. Ich habe keine Probleme mit Enge und Dunkelheit.

Wie haben Sie die letzten Minuten vor der Räumung erlebt?
Am Ende ging es sehr schnell. Ich war den Leuten von der Grubenwehr entgegengekommen und ein Stück aus dem Schacht gekrochen. Sie haben auf mich eingeredet und geschickt einen Moment abgepasst, um mich gewaltsam herauszuholen.

Was heißt: gewaltsam?
Ich wurde aus dem Schacht gezerrt, blieb aber mit den Füßen an einem Stützbalken hängen. In diesem Moment drohten mir die Leute von der Grubenwehr an, ein Spezialteam von der Polizei zu holen, das mir dann Schmerzen zufügen würde. Sie drohten auch damit, dass mich ein Arzt betäubt, damit sie mich in einem komaartigen Zustand herausziehen können.

Das sind schwere Vorwürfe. Gibt es Zeugen?
Wir waren nur zu dritt: Zwei Leute von der Grubenwehr. Und ich.

Die Bevölkerung ist nicht wirklich überzeugt, geschweige denn begeistert von der Aktion. Ihnen wird Hausfriedensbruch, Nötigung und versuchte gefährliche Körperverletzung vorgeworfen. Möglicherweise müssen Sie die Kosten des Einsatzes von rund 800 000 Euro bezahlen. Hat sich Ihr »Extremeinsatz für den Naturschutz«, wie die Lokalpresse ihn nannte, wirklich gelohnt?
Auf jeden Fall! Die Aktion hat gezeigt, wie wichtig längerfristige Aktionen sind, die Aufmerksamkeit erregen. Nur durch die lange Räumungsaktion konnte Öffentlichkeit für die massiven Probleme des Braunkohleabbaus hergestellt werden. Wir konnten ein deutliches Zeichen gegen RWEs schmutzige Energie setzen. Die Besetzung und die Räumung haben nicht nur mir Kraft und Mut gegeben für den Kampf gegen Unterdrückung und Zerstörung.

Und die 800 000 Euro?
Noch ist nicht gewiss, wer sie übernehmen muss. RWE hat die Räumung veranlasst. Ich habe verhandeln wollen, die Räumung schnell zu beenden. Meiner Meinung nach muss RWE bezahlen. Es kann doch nicht sein, dass die Konzerne mit ihrer schmutzigen Energie die Gewinne einfahren, aber die Kosten auf die Allgemeinheit abwälzen.

Sie kommen aus Süddeutschland. Wie sind Sie zu den Anti-Kohle-Aktivisten im Rheinischen Braunkohlerevier gestoßen?
Ich habe durch ein Netzwerk von der Besetzung erfahren, über das Revier wurde auch auf den Klimacamps der letzten Jahre diskutiert, insofern wusste ich, worum es geht. In der Klimaschutzbewegung bin ich schon länger aktiv, ich beschäftige mich auch mit Herrschaftskritik. Mir ist der Erhalt der Wälder extrem wichtig. Es wird zu oft verdrängt, dass der Mensch ohne Natur nicht überleben kann.

Die Polizei verbreitet, Sie seien wegen Gewaltdelikten bekannt. Was ist an diesen Vorwürfen dran?
Ich habe an Anti-Castor-Aktionen teilgenommen, es wurde deswegen gegen mich ermittelt, aber nie wegen Gewalttaten. Alle Verfahren wurden eingestellt.

Sie wollen nicht im Mittelpunkt stehen, ließen Sie Ihre Freundin am Montag vor Journalisten verkünden. Ist die Gefahr nicht groß, in den Mittelpunkt des Interesses zu geraten, wenn man vier Tage lang sechs Meter unter der Erde mit Dutzenden Einsatzkräften Katz und Maus spielt?
Die Gefahr besteht wohl tatsächlich. Aber um es deutlich zu sagen: Wichtig sind nicht Einzelaktionen und einzelne »Helden«. Nur die Entschlossenheit und Wut vieler Menschen hat unsere Aktionen möglich gemacht. Hinter der Besetzung steht eine erstarkende Bewegung. Und eines ist klar: Nach der Räumung ist vor der nächsten Besetzung!

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