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Die Widerständige

Schauspielerin, Friedenskämpferin, Menschen- und Tierrechtlerin - Barbara Rütting wird 85

Als »Geierwally« liebte sie einen Jäger. Barbara Rütting hat sich den Film von 1956, als er kürzlich im Fernsehen lief, wieder einmal angesehen: »Um Gottes Willen, dachte ich, das ist ja furchtbar.« Auch wenn die Liaison mit einem professionellen Tiertöter zu einer der Undenkbarkeiten im späteren Leben der Schauspielerin wurde - in der Figur der Geierwally findet sie durchaus noch heute »ungeheuer viel von mir«: »Und zwar diese absolute Kompromisslosigkeit, das Gerechtigkeitsgefühl. Ich wollte nicht diesen reichen Bauern heiraten, ich wollte den Bärensepp. Und wenn ich zugrunde ging.«

Um nicht zugrunde zu gehen am Leid der Welt, der Menschen, Tiere, Pflanzen, an diesem Leid, das die gebürtige Brandenburgerin zeitlebens wie ihr eigenes empfand und erfuhr, ohne sich dagegen wehren zu können und zu wollen, darum ging sie dem Leid zu Grunde. Barbara Rütting wollte die Gründe wissen: woher und warum das Leid kommt, wie es zu lindern oder gar zu liquidieren sei. Dieser Drang, für andere da zu sein, kollidierte zunehmend mit ihrer Profession, andere - im Film, auf der Bühne - darzustellen.

Ihre Film- und Theaterkarriere unter Regisseuren wie Helmut Käutner und Fritz Kortner, an der Seite von Schauspielern wie Klaus Kinski und Kirk Douglas verhieß eine nach oben offene Aufstiegsskala. Doch statt des Aufstiegs wählte die Rütting Anfang der 80er Jahre den Ausstieg. Der ein Einstieg war: in den Lebensabschnitt, der ihr längster, intensivster, nachhaltigster sein sollte und der bis heute anhält. Zu drängend empfand sie zur Zeit jener Zäsur die Probleme in Politik, Ökologie, Ethik, als dass es ihr gelungen wäre, diese Fatalitäten fakultativ und passiv zu verarbeiten. Sie tat das seither auf ungezählten Kundgebungen und Demonstrationen, Mahnwachen und Meetings, in Büchern und Interviews, bei Talkshows und Vorträgen.

Prominenz produktiv nutzen - das war die Intention der zierlichen Frau mit dem Pagenkopf, die fortan Protesten gegen nukleare Bedrohungen, Menschenrechtsverletzungen oder Tierquälereien ein Gesicht, ihr Gesicht, gab. Nicht als isolierte Ikone, sondern als treibender Teil, der dem Ganzen zu mehr Ansehen - Wahrnehmung und Wirkung - verhalf.

Sie kettete sich vor Schering in Westberlin an (gegen Tierversuche), blockierte in Mutlangen (gegen US-Pershing-Raketen), widerstand in Wackersdorf (gegen die atomare Wiederaufbereitungsanlage). Sie scheiterte in Österreich mit der Errichtung einer Ökosiedlung, aber wies damit den Weg für heute in aller Welt erfolgreiche Projekte. Sie erfand das »Barbara-Rütting-Brot«, erprobte und propagierte vegetarische Vollwertkost, reiste nach Bulgarien und Russland, um Menschen dort zu besserer Ernährung zu verhelfen.

Die Widerständige war zugleich immer eine Suchende. Wie im privaten Leben nach dem kongenialen Partner, den sie nie fand, so auch im politischen. Auch dort ist sie keine unbedingt Bleibende. Sie sieht und prüft. Unvoreingenommen. Was ihr oft als Naivität ausgelegt wird. Wie bei ihrer Unterstützung in den 90ern für die Naturgesetzpartei der »Yogischen Flieger«, die sich als politische Eintagsflieger erwiesen. Oder bei ihrer Sympathie für das »Universelle Leben«, das in Rüttings jetzigem unterfränkischen Wohnort Michelrieth aktiv ist. Anerkennung von Tierrechten, Vegetarismus, Sorge um die Natur, pazifistische Lebensweise - das sind die Punkte, die sie an der von den Großkirchen als »Sekte« geschmähten Religionsgemeinschaft schätzt.

Allerdings, so betont sie, sei sie weder Mitglied dieser noch irgendeiner anderen Glaubensgruppe. Und sie weiß: »Wenn ich merke, dass ein Zug in die falsche Richtung fährt, dann steige ich aus.« Wie bei den Grünen, für die sie von 2003 bis 2009 im Bayerischen Landtag saß. Eine Zeit, in der sie alles versuchte und nur wenig erreichte. Für die Menschen wie für die Tiere. Am Ende Burn-out und Parteiaustritt.

Jetzt unterstützt sie die Tierschutzpartei und die LINKE. Letztere wegen ihres Pazifismus. Tierrechte und Vegetarismus? »Irgendetwas fehlt anscheinend immer, bei jeder Partei«, sagt sie lakonisch. Nicht resigniert. Sie schreibt an einem neuen Buch. Das vorige hatte den Titel »Was mir immer wieder auf die Beine hilft«. Heute wird Barbara Rütting 85.

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