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Tele? Ja. Aber noch VISION?

Heute ist UNO-Welttag des Fernsehens

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 8 Min.

Der kecke Meister hieß Nadelöhr, und der kühne Taucher hieß Mike - Nelson. Professor Flimmrich zeigte zum x-ten Male den DEFA-Thriller »Moorhund«, und Werner Höfer empfing zum »Internationalen Frühschoppen«, wie es immer so schön hieß, »sechs Journalisten aus fünf Ländern«. Es war Egon Hoegen, der allsonntäglich diese Runde ankündigte, und er moderierte auch die Vorschau aufs Westfernsehprogramm der jeweils kommenden Woche. Schriftbänder, kleine Szenenausschnitte.

Es war dies der Moment, da ich begriff, wie wichtig Stenographie sein kann: Der kundige Familienvater schrieb mit, tippte das Ganze dann säuberlich in die Schreibmaschine, die so erstellte Übersicht lag die nächsten Tage neben dem Fernsehapparat und genoss den Status eines wichtigen Dokuments: Stahlentz, Ohnsorg-Theater, die Durbridge-Krimis, Millowitsch, Familie Hesselbach. Günter Pfitzmann schnarrte: »Gestatten, mein Name ist Cox«, und John Drake löste Geheimaufträge, da wehte ein Hauch James Bond vom Bildschirm her.

All diese Vorabendserien dauerten nur je 25 Minuten, bei den größeren Serien hießen die Helden Fury oder Lassie oder Slim, ja, der nette Rancher »Am Fuß der Blauen Berge« von Laramie - dieser Western-Ort war uns in den Thüringer Hügelwellen vertrauter als Berlin. Und Hilfssheriff Festus bei den »Rauchenden Colts« krähte wie Kookie bei »77 Sunset Strip« - ja genau, dieser Typ, der ständig den Taschenkamm im Anschlag hatte. Es war wild mit Lale Andersen oder mild mit Oertels »Schlagern einer kleinen Stadt«; montags im DDR-Fernsehen »Wasser für Canitoga«, mittwochs in der »Rumpelkammer« Willy Schwabe. Und war die Schule zu Ende, stürmte unsereins nach Hause, denn halb zwei kam der sogenannte Testfilm, öfter als oft: »Carola Lamberti, eine vom Zirkus«, »Genesung«, »Der Junge vom Sklavenschiff«, »Der Marinedolch«, »Thomas Müntzer« oder »Irgendwo in Berlin« ...

Fernsehgeschichte muss nach Generationen geordnet werden. Jeder hat nämlich andere Gesichter im Gedächtnis - das bei der Aufrufung der frühen Bildschirmerlebnisse noch immer die damalige Unbedarftheit, die Unverbrauchtheit, die Emphase miterzählt: So kommt die Erinnerung zu Qualitäten, die heute bestimmt nicht mehr zu halten wären. Denn die Programme damals waren gewiss nicht durchgängig besser, aber sie waren nicht eingebettet in Gewöhnungen ans Grelle, es gab noch nicht jenes mediale Feld, auf dem man ständigen Beschüssen durch Reize ausgesetzt wird.

Die Geschichte des Fernsehens ist somit die Geschichte eines Proportionswandels. Zu(un)gunsten einer Weltmacht. Man hat bei dieser Macht des globalen Leitmediums den Eindruck: Mit wachsender Lebenszeit nehmen Zahl und Einprägsamkeit jener Gesichter ab, die uns aus dem Leben heraus ansehen - im Verhältnis zu Menge und Sogwirkung jener Gesichter, die uns vom Bildschirm entgegenblicken.

Fernsehen war mal gut, dann wurde es teuer und also käuflich für Dummheit. Dann wurde es zynisch, denn nur so hält man jene Dummheit aus, die einem bewusst ist. Aber längst sind nicht mehr nur die Sendungen im Fernsehen zynisch, viel zynischer ist inzwischen der Klüngel vorm Fernseher. Roger Willemsen, der 2002 all seine TV-Verträge kündigte, kürzlich in der »Süddeutschen Zeitung«: Sympathisch seien »wir Glotzer« beileibe nicht. »Wir schauen mit Schadenfreude, herablassend, froh, nicht zu sein wie jene dort im Kasten, wir machen ›Bauer sucht Schwein‹ zu einem Massenerfolg, und wenn zwei Männer mit ihren Penissen Klavier spielen, sitzt jeder vierte Zuschauer davor.« Und keiner sage doch: Oh, wie schön!, »Nein, man sieht mit Angstlust zu, mit geneigter Abwehr, mit Freude am Ekel.«

Kritik am Fernsehen? Oft nur eine pauschal-rituelle, fast augenzwinkernde Selbstbestrafung des Publikums für »die geliebte Verblödung« (Willemsen). Die Zuschauer würden nicht mehr ernst genommen von den Sendern? Die Zuschauer nehmen sich doch selber nicht mehr ernst. Der typische Agonie-Kitzel, wenn ein System verödet. Untergänge sind traurig, ja, vor allem aber sind sie obszön - durch den Eifer, mit dem jeder an der Selbstzerstörung teilhaben möchte. Offiziell ist man kritisch, gar links, daheim aber Voyeur und im Grunde ganz entspannt genau von jener Banalität, die man der Masse gern vorhält. Wir obskuren Marx-Erben, der Politklassiker hatte sehr verquer Recht: Irgendwann werden wir nichts mehr zu verlieren haben als unsere Ketten, also: die Verkabelung.

Im Übrigen nennt man den Fernseher »Glotze«. Er ist es also, der guckt. Die Maschine schaut den Menschen an - wie der Abgrund, der zurückblickt, wenn man zu lange hineinstiert.

Längst ist das Mediengeschrei von den wirklich wichtigen Themen - etwa der Selbstreflexion der Gesellschaft, der sozialen Ethik - so weit entfernt wie der Aktienkurs von der tatsächlichen Ertragskraft eines Wertes. Des Pudels Kern, das sind Sünde, Zerstörung, kurz: das Böse - die Sensation. Fernsehproduktion ist inzwischen der gefestigten Auffassung, dass ein jeder Tag eine solche Sensation haben könne und haben müsse.

Das schafft - gegen jedes Wissen und gegen jede Überzeugung aller schreibend oder lesend Beteiligten - eine Spirale unablässiger Steigerungsformen. So werden Skandale zur gewöhnlichen Lebensform und Katastrophen ein beiläufig wahrgenommenes Hintergrundgeräusch.

Schneller als gedacht, so vermutete der Journalist Günter Gaus als einer der versiertesten Kenner, Nutzer wie auch Mahner des Betriebes, »wird speziell die Verflachung der Politik in den Massenmedien ein bisschen amüsieren, schließlich langweilen und abstumpfen.« Das Fernsehen werde »einen nicht geringeren Wandel unserer politischen Kultur bewirken, als es das Abschaffen des Dreiklassen-Wahlrechts und die Einführung des Frauenstimmrechts getan haben. Das Fernsehen, mit dem sich die Aufklärung zu vollenden scheint, trägt mit seiner Praxis des Schlagabtauschs zum Ende der Aufklärung bei.«

Gesagt vor nahezu dreißig Jahren. Und wiederholt hier nun an der Schwelle zum Jahr der Bundestagswahl.

Zwischen Jauchs »Wer wird Millionär?« und der Frage »Wer wird Bundeskanzler?« finden mediale Annäherungen statt, die ein demokratisches System fatal revolutionieren: Publikums- und Telefon-Joker sowie die Fünfzig-Fünfzig-Variante erscheinen heute schon wie ein methodisches Vorfeld künftiger Wahlentscheidungen, bei denen Kandidaten für ein politisches Amt nur noch als Tele-Visionäre herumgereicht werden. Irgendwann wird dann auch nicht mehr abgewählt, sondern die weit höhere Bestrafung angewendet: Wegzappen! Das wäre die Entsprechung für eine Gesellschaft, in der Vernetzung als letztes Refugium für Kontakte droht.

Der Sozialwissenschaftler Georg Franck prägte den Begriff vom »Kapitalismus der Aufmerksamkeit«, dies bedeutet in Politik und Gesellschaft: Aufstieg unbedingt mit einem Festkonto an medialer Präsenz verbinden zu müssen. Die größtmögliche Reichweite als Man hat Ansehen, weil man fortwährend gesehen wird. Der Reichtum des Herumgereichtwerdens.

Damit ergibt sich eine Wirkung, die Peter Sloterdijk so fasst: »Den höchsten Grad von Erfolg dürfte eine Celebrity dann erreicht haben, wenn es trotz größtem Widerwillen nicht gelungen ist, dem Bekanntwerden mit ihrer Fresse zu entgehen.« Die Reichen, die es auf den neuen Märkten zu etwas bringen, sind reich an Beachtung. Die Armut der leer Ausgehenden ist eine Armut an sozialer Anerkennung. Arm ist, wem es an Beachtung fehlt, um sein Selbstwertgefühl intakt zu halten.«

Es gibt keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen einem Kanzler-Duell, wie es uns bald wieder ins Haus steht, und der Flut nachmittäglicher Talk-Schlachten, in denen der Terror des Privaten wie ein permanent explodierender Sprengstoff in unsere Wahrnehmungsorgane hineinschießt. Aber: In solcher Schlacht gut wegzukommen, simuliert Lebensgefühl.

So wie Politiker sich beim »Quote machen« schon als Macher empfinden, so holt sich das Lumpenproletariat der Beachtungsökonomie jene Aufmerksamkeit, die anders nicht mehr zu haben ist. Hier liegen Gefahrenquellen einer wahren »Proletarisierung« - mitten aus dem Zentrum einer Gesellschaft, die sich aufgeklärt wähnt, modern und kulturgebend.

Jetzt muss aber auch gesagt werden, dass Fernsehen, so wie es ist, eine Funktion hat, die auch Wohlgefühle auslöst. Vielleicht war Kultur der große Auftrag des Mediums. Dass es hier und da weiterhin Kultur und Problem und Tiefe und Gedanken zulässt, ist es möglicherweise ein Relikt? Dass der Moloch dies nach wie vor partiell ermöglicht - ein Akt seiner Macht? Willkür kann sich schließlich auch positiv ausdrücken.

Was also wäre positiv am gegenwärtigen Fernsehen? Alle Moderatorinnen sehen aus wie Judith Rakers, das macht die Welt nicht intelligenter, aber übersichtlich - worauf man nach des Tages Mühen schließlich ein Recht hat. Viele Sendungen erlösen den Zuschauer von der Plage, sich auch noch abends mit Problemen zu befassen, die einem schon am Tag über den Kopf wuchsen. So wird Fernsehen, mit »Rote Rosen«, mit »Verbotene Liebe«, mit »Sturm der Liebe« zur Garantie, dass endlich mal nichts Grundsätzliches der Existenz in Frage gestellt wird; das Medium ermöglicht, mit jeder Schlager- und Volksmusiksendung, eine Totalopposition zur Realität. Fernsehen ist ein Medium der Erschöpfungspflege, wenn wieder ein Tag »rumgebracht« wurde - Lebenszeit als Plage. Ehe uns dieser entsetzliche Gedanke bewusst wird, schnell die TV-Köche her, wenn schon jüngstes Gericht, dann soll es schmecken.

Das Fernsehen ist, wie Hans Magnus Enzensberger schrieb, ein »Nullmedium« geworden, hat es geschafft, eine Alternative zu sein zum Drogenkonsum, von der Schlaftablette bis zum Heroin. Fernsehen statt Chemie ist sicher die elegantere Lösung, es stellt die technische Annäherung an das Nirwana dar, der Fernseher ist die buddhistische Maschine. Alles dient einem Zuschauer, der mit dem Anschalten des Geräts sein Recht in Anspruch nimmt, abschalten zu dürfen.

Natürlich muss dieser Text kulturkritisch enden. Früher gab es Störungen im Programm. Die Sender suchten fieberhaft den Schaden. Das erinnert an Heiner Müllers »Herakles 2 oder Die Hydra«. Da heißt es: »Lange glaubte er noch den Wald zu durchschreiten, in dem betäubend warmen Wind, der von allen Seiten zu wehen schien, in der immer gleichen Dämmerung der kaum sichtbaren Blutspur auf dem gleichmäßig schwankenden Boden nach, allein in die Schlacht mit dem Tier.« Der Kämpfer geht durch den Wald und sucht das Tier, das ihn vernichten will. Sucht die Störung. Bis er begriff, »in der aufsteigenden Panik: der Wald war das Tier, lange schon war der Wald, den zu durchschreiten er geglaubt hatte - das Tier gewesen«.

So muss begreifen, wer in den Fernseher starrt: Die Störung, die man befürchtet, ist immer schon da, die Störung - das ist das Programm.

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