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Schluss nach der dritten Stunde

11 500 Lehrer fahren protestierend zu Personalversammlungen

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.

Morgen endet der Unterricht in Brandenburg bereits nach der dritten Stunde. Die jüngeren Schüler gehen dann in den Hort oder werden früher von ihren Eltern abgeholt. 11 500 der 16 800 Lehrer fahren zu Personalversammlungen in Eberswalde, Cottbus, Luckenwalde, Frankfurt (Oder), Brandenburg/Havel und Neustadt (Dosse). In 60 Prozent der Schulen werde der Unterricht nach der dritten Stunde ganz eingestellt, in den übrigen nur noch eingeschränkt erteilt, kündigte Günther Fuchs gestern an. Er ist Landesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Einmal im Jahr dürfe wegen Personalversammlungen Unterricht ausfallen, erklärte Fuchs. In der Vergangenheit habe man aber nicht in dem Umfang wie jetzt davon Gebrauch gemacht.

Entgegen den Versprechungen, in die Bildung zu investieren, habe die rot-rote Koalition die Situation an den Schulen weiter zugespitzt, heißt es in einer Erklärung der Personalräte. »Seit Jahren wird das Bildungssystem auf Verschleiß gefahren.« Gefordert wird, dass Pädagogen weniger hart arbeiten müssen und besser bezahlt werden. 500 bis 700 Euro brutto könnten sie in anderen Bundesländern pro Monat mehr verdienen, rechnete GEW-Chef Fuchs vor. Die von Finanzminister Helmuth Markov (LINKE) angebotenen 17,50 Euro Zuschlag pro Nase und Monat sind der Gewerkschaft zu wenig. Weil es keine Einigung darüber gibt, unterbleibt die Zahlung.

Fuchs verlangte, dass viel mehr junge Lehrer eingestellt werden und ältere Kollegen auf Wunsch früher in Pension gehen dürfen. 650 Einstellungen wären nach seiner Ansicht im laufenden Schuljahr notwendig gewesen. Gegeben habe es nur 450. Dabei sei die feste Anstellung vorher nur befristet beschäftigter Lehrer auch noch mitgezählt, verriet Fuchs. Das seien also keine zusätzlichen Kräfte, weil sie vorher auch schon da gewesen sind. Bei einer vollen Stelle hat ein Grundschullehrer in Brandenburg 28 Pflichtstunden in der Woche, in der Oberstufe sind es 26 Stunden. Den Kollegen in Berlin ergeht es nicht besser, doch im europäischen Vergleich ist das viel. In Italien etwa müssen Lehrer nur 20 Stunden unterrichten.

Die märkischen Lehrer, die im Durchschnitt 54 Jahre alt sind, seien wegen der hohen Belastung »ausgebrannt«, meinte Fuchs. Im Schnitt seien fünf bis acht Prozent der Pädagogen krank, weshalb die Vertretungsreserve von drei Prozent nicht ausreiche. Anderslautenden Berechnungen des Bildungsministeriums beruhten darauf, dass stille Beschäftigung und zusammengelegte Klassen nicht als Unterrichtsausfall gewertet werden, was nicht ehrlich sei, erklärte der Sonderschulpädagoge. Die notwendigen Mehraufwendungen für die Erfüllung aller Forderungen bezifferte er mit rund 200 Millionen Euro jährlich.

»Man könnte auch 300 Millionen mehr geben, aber wir haben sie nicht«, reagierte SPD-Landtagsfraktionschef Ralf Holzschuher. Auch der SPD-Bildungsexperte Thomas Günther bedauerte: »Mehr finanziellen Spielraum sehe ich nicht.« Brandenburg sei nicht schlecht ausgestattet. In Westdeutschland seien die Klassen beispielsweise größer. Verbesserungen glaubt die SPD auch ohne finanziellen Mehraufwand erreichen zu können. So sehen angestrebte Änderungen im Lehrerbildungsgesetz vor, dass mindestens ein Drittel des Studiums für Didaktik, Erziehungswissenschaften und Schulpraxis reserviert bleiben.

Die Bildungsausgaben Brandenburgs liegen gegenwärtig bei 1,4 Milliarden Euro. Auch abgesehen von den steigenden Personalausgaben hat Rot-Rot zuletzt immer mehr Geld in die Bildung gesteckt. Waren es im vergangenen Jahr 436 Millionen Euro, so sind es jetzt 446,5 Millionen. Im kommenden Jahr sollen es dann 464 Millionen sein. Noch nie wurde mehr in die Bildung investiert, betonte Linksfraktionschef Christian Görke, der gern einräumte, dass es Nachholebedarf gebe.

Dem früheren Sportlehrer und seinen Genossen schwebt indes ein tiefgreifender Strukturwandel vor, der die einzelne Schule kostengünstiger und zugleich besser machen soll. Die LINKE peilt Gemeinschaftsschulen an - für alle, vom ABC-Schützen bis zum Abiturienten. Diese Schulen sollen in Brandenburg, genauso wie einst vom rot-roten Senat in Berlin, zunächst als Pilotprojekt starten, und zwar in der Zeit nach der Landtagswahl 2014. Die flächendeckende Einführung werde sicher länger dauern, weiß Görke. Über die Details möchte die LINKE im kommenden Jahr mit Lehrern, Eltern und Kommunen diskutieren.

Rückenwind gibt eine Umfrage, wonach 80 Prozent der Brandenburger für längeres gemeinsames Lernen sind. Die LINKE hätte die Gemeinschaftsschule gern schon 2009 im Koalitionsvertrag gehabt. Doch die SPD scheute die Auseinandersetzung mit Zuzüglern aus Westberlin, die das gewohnte Gymnasium nicht missen wollen.

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