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Mit Leidenschaft und freier Hand

Rainer Wieczorek über das Auf und Ab eines Literatur- und Jazzclubs

  • Von Eberhard Reimann
  • Lesedauer: 3 Min.

Ach ja, da sind sie wieder, die Jahre, als große Kultur in beengten und überfüllten Literaturhäusern und Clubs stattfand. Als Zahnärzte und Brauereibesitzer sich dafür flüssig machten oder Flüssiges spendeten, selbst Kommunen noch Mittel hatten und vor allem: gaben, um den Aus- oder Umbau von Lokalitäten zu fördern. Wo Kulturamtsleiter oder führende Vertreter der Räte zu den Besuchern zählten. Denn Literatur hat immer etwas mit Entdeckungen zu tun, und diese wurden vom Publikum, einem breiten, regelmäßigen, keinesfalls nur elitären, neugierig aufgenommen. Die Kunst des geduldigen Zuhörens gab es noch, die leisen Töne waren es, die fesselten. Den Kontrapunkt setzte Musik, zwischen, vor oder nach dem Wort. Event klang noch sphärisch, niemand wäre auf die Idee gekommen, diese neue Form von Literaturvermittlung außerhalb der Buchhandlung mit dem späteren Modewort zu belegen. Und die Autoren kamen sehr gern, nicht selten vom Verleger oder Lektor begleitet. Sie wussten, dass ein aufgeschlossenes Publikum auf sie wartet, entdeckungsfreudig und bereit zu Dialogen.

Alle Genres »gingen«, Belletristik, Sachbuch, Erinnerungen. Lyriker verkauften an solchen Abenden nicht selten einen Gutteil ihrer Auflage. Der Erfolg solchen Unternehmens hing wie vieles im Leben vom persönlichen Engagement der Macher ab. Davon, wie sie es verstehen, ihr zum Beruf gemachtes und sogar vergütetes Hobby zu einem Funken werden zu lassen, der überspringt und Leidenschaft entzündet. Dazu gehört, dass mit »freier Hand« über Inhalte und Programme entschieden werden kann.

Davon berichtet der lesenswerte Roman von Rainer Wieczorek, sprachlich übrigens auf hohem Niveau. Das Auf und Ab eines Literatur- und Jazzclubs steht dabei im Mittelpunkt, der in einer ehemaligen Isolierstation entstand. Da die meisten Personen authentisch sind, bietet das Buch einen sehr guten Einblick in das kulturelle Leben des Landes, mehr noch: einen Blick hinter die Kulissen. Dabei ist es egal, dass der Roman in Darmstadt spielt. Was dort zu erleben war, hätte sich auch in anderen Landesteilen abspielen können.

Kosmologische Betrachtungen und Einstreuungen in den Text, der eine Protagonist arbeitet auch noch für eine Radiosendung »Sternzeit«, »stellen dem Literaturbetrieb manchmal eine Welt aus Staub, Gas und Leere an die Seite. Dann aber auch eine Welt, die es zu entziffern und zu entdecken gilt, ein Universum, das nie still steht, sondern sich ins Unbekannte ausdehnt und durch die wir lesend, lachend, liebend rasen.« Und trotzdem nur ein winziges Staubkorn bleiben.

Der Autor dieses empfehlenswerten Buches hat übrigens fast eineinhalb Jahrzehnte ein Literaturhaus geleitet, weiß, wovon er spricht.

Rainer Wieczorek: Freie Hand. Roman. Dittrich Verlag. 168 S., geb., 17,80 €

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